Homosexuellenverfolgung durch Polizei Justiz nach 1945: Ausstellung in Hamburg ab 22.7.2013 (akt.3)

Die Homosexuellenverfolgung insbesondere mittels des Paragraphen 175 endete nicht 1945. Und diese Verfolgung durch Polizei und Justiz ist noch weitgehend unaufgearbeitet und verdrängt. Hamburg macht nun als erstes Bundesland den Anfang: mit der für den Juli 2013 geplanten und an bemerkenswertem Ort gezeigten Ausstellung „Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945“, die systematisch die Verfolgung von Homosexuellen nach 1945 durch die eigene Polizei und Justiz thematisiert. Die Ausstellung wird durch die Justiz-Senatorin eröffnet, der Polizeipräsident hält den Festvortrag.

Der §175 hatte in der Bundesrepublik auch nach 1945 in der von den Nazis 1935 verschärften Fassung seine Gültigkeit. Und er war der Hintergrund für eine Homosexuellenverfolgung , die auch nach 1945 anhielt – bis weit in die 1970er und selbst die beginnenden 1980er Jahre hinein, auch in Hamburg. Ein prägnantes Beispiel hierfür: Klappen-Verbote und die so genannte ‚Hamburger Spiegel-Affäre‚. Jahrelang wurden Besucher zahlreicher öffentlicher Toiletten der Hansestadt von Polizeibeamten bespitzelt, durch Einwegspiegel mit dahinter liegenden kleinen Kabinen. ‚Ertappte‘ Schwule wurden erfasst, teils strafrechtlich verfolgt, in ‚Rosa Listen‘ erfasst, mit ‚Klappen-Verbot‘ belegt. Erst eine Aktion engagierter Schwuler Anfang Juli 1980 (!) machte diese Überwachungs-Praxis publik und sorgte letztlich für ihre Beendigung.

Homosexuellenverfolgung nach 1945 in Hamburg: Strafbefehl des Amtsgerichts Hamburg / Benutzungsverbot der Klappe Spielbudenplatz, Hamburg (Quelle: [1])
Verfolgung Homosexueller nach 1945 in Hamburg: Strafbefehl des Amtsgerichts Hamburg / Benutzungsverbot der Klappe Spielbudenplatz, Hamburg (Seite 1; Quelle: [1

Die Verfolgung Homosexueller nach 1945 soll nun in Hamburg aufgearbeitet werden. Die Hamburger Bürgerschaft forderte den Senat im Januar 2013 auf, das Projekt finanziell zu unterstützen. Die SPD-Bürgerschaftsfraktion schrieb in ihrem Antrag 2012

Die nach § 175 StGB zwischen 1945 und 1969 durch die deutsche Justiz gesprochenen Urteile gegen Homosexuelle sind ein beschämender Teil unserer Rechtsgeschichte und bis heute nicht aufgearbeitet. …
Zur Rehabilitierung und Aufarbeitung ist darüber hinaus ein gesellschaftlicher Diskurs notwendig …
Hamburg muss aus eigenem Anspruch heraus seinen Teil zur Aufarbeitung der eigenen Rechtsgeschichte leisten. Die zwischen 1945 und 1969 von Hamburger Gerichten gefällten Urteile nach § 175 StGB müssen thematisiert – über die stattgefundene Verfolgung soll im Rahmen einer Ausstellung informiert und aufgeklärt werden. Darüber hinaus soll eine Dokumentation die Ergebnisse der historischen Aufarbeitung festhalten und als Material, bspw. für den Gebrauch im Schulunterricht, verfügbar sein.

Eine ‚Vorläufer-Ausstellung‘ unter dem Titel „Homosexuellen-Verfolgung in Hamburg 1919–1969“ fand bereits zuletzt 2007 statt. Der SPD-Politiker Michael Naumann, damals Vorsitzender der SPD-Bürgerschaftsfraktion, schrieb damals etwas ins Gästebuch, das jetzt ein Stück der Realisierung näher kommt:

„Eine ganz wichtige Ausstellung, die viele Hamburger sehen müssen! Die Verbrechen der Jahre 1933–1945 waren kein „Betriebsunfall“ wie die Ausstellung zeigt. Sie gehört in das Herz unserer Stadt. Hoffentlich bald ins Hamburger Rathaus. Danke!“

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siehe Bericht über die Ausstellungs-Eröffnung Liberales Hamburg ? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945

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[1] Hamburger Lesben- und Schwulenverbund in Zusammenarbeit mit der Redaktion ‚Du&Ich‘: Homosexuelle bespitzelt!. Hamburg, 11. Juli 1980

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Aktualisierung:
24.04.2013, 14:20: Die Ausstellung „Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945“ wird in der Grundbuchhalle im Ziviljustizgebäude, Sievekingplatz 1 gezeigt und mit einer Vernissage eröffnet am 22. Juli 2013 um 19:00 Uhr. Sie wird dort bis zum 1. September 2013 zu sehen sein. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 7.30 bis 19.00 Uhr (Ausgang bis 20.00 Uhr geöffnet), Sonnabend: 8.30 Uhr bis 14.00 Uhr, Sonntags geschlossen. Es wird ein Begleitbuch erscheinen. Ausstellungsmacher sind Ulf Bollmann und Gottfried Lorenz (Initiative Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer).
Am Donnerstag, 14. November, 20:15 Uhr werden beide Ausstellungsmacher im Buchladen Männerschwarm eine ‚Rückschau‘ halten, „zur Ausstellung und zum Begleitbuch erzählen und darüber hinaus neue Forschungsergebnisse vorstellen.“
27.04.2013, 19:45: Die Ausstellung wird am 22. Juli 2013 um 19:00 Uhr vom Hamburger Senat gefördert. Die wissenschaftliche Begleitpublikation wird von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld mit 5.000 € gefördert.
02.05.2013: Die Ausstellung „Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945“ wird durch die Senatorin für Justiz und Gleichstellung, Jana Schiedek, eröffnet. Den Festvortrag hält der Hamburger Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch.
Die Ausstellung und Begleitpublikation werden finanziell unterstützt durch die Behörde für Justiz und Gleichstellung in Hamburg, durch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld in Berlin sowie durch den LSVD Hamburg.

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