Race d’Ep (Soukaz Hocquenghem 1979)

Zuletzt aktualisiert am 4. Juli 2019 um 9:12

Race d’Ep – ein aus der Schwulenbewegung Frankreichs 1979 entstandener vierteiliger Dokumentarfilm über das Entstehen eines homosexuellen Selbstbewusstseins, von Lionel Soukaz und Guy Hocquenghem.

Die Schwulenbewegung entstand nicht in den 1960er Jahren, sondern bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts – dies ist der strukturierende Grundgedanke des französischen Dokumentarfilms ‚Race d’Ep‘. Bei dem Entstehen eines homosexuellen Selbstbewusstseins komme der gerade aufkommenden Photographie eine besondere Bedeutung zu, sie „schuf eine neue Defintion von Männlichkeit„, so die Autoren (die sich dabei implizit auf Foucault beziehen). Sie ziehen in 4 Teilen eine Linie von Gloeden über Hirschfeld  bis zu Guy Hocquenghem (der im vierten Teil selbst auftritt) – oder, wie der Film selbst sagt „de Gloeden jusqu’à la pornographie actuelle„.

Wie es zu dem Titel des Dokumentarfilms kam, berichtet Hocquenghem im Vorspann:

Ich ging durch irgend eine dieser Vorort-Straßen, suchte nach einer Klappe mit einschlägigem Ruf. Unter einer Brücke hingen zwei Typen rum, lehnten sich an ihre Motorräder. ‚Race d’Ep‘ riefen sie mir zu (nicht böse), als ich vorbei ging.
(Guy Hocquenghem, Vorwort ‚Race d’Ep‘)

Der Ausdruck ‚Race d’Ep‘ bedeutet in Verlan (nach „l’envers“ = umgekehrt; eine Art von französischer Umgangs-/Jugendsprache mit Silbenverdrehung) ‚Pédéraste‚, damals meist abfällig verwendet für ‚schwul‚.

Der französische Regisseur Lionel Soukaz und Guy Hocquenghem, der in Deutschland besonders für sein Buch ‚Das homosexuelle Verlangen‚ bekannt ist, drehten „Race d’Ep : un siècle d’images de l’homosexualité“ ‚(ein Jahrhundert Bilder der Homosexualität‘) im Herbst 1979. Beide trafen sich erstmals 1977 (auch wenn Soukaz Hocquenghem zuvor schon als Redner gehört hatte). Sie wurden Liebhaber, bis zu Hocquenghems Tod an den Folgen von Aids 1988 blieben sie enge Freunde.

Beide waren Aktivisten der französischen Schwulengruppe ‚Front homosexuel d’action révolutionnaire‘ (FHAR)

Die Dokumentation ist in vier Teile gegliedert:

  1. 1900: Le temps de la pose
    (Mit gewissem Humor werden die Photos von Wilhelm von Gloeden und ihr Entstehen betrachtet und analysiert)
  2. 1930 / Les Années 30: le 3ème sexe ou: les années folles à l’extermination
    (Uranismus, Wandervogel, Magnus Hirschfeld und das ‚dritte Geschlecht‘, Homosexuellen-Bewegungen in Deutschland bis zur NS-Zeit und ein wenig beklagtes Verschwinden)
  3. 1960: Sweet Sixteen in the Sixties
    (die Explosion der Pornographie und die zunehmende Liberalisierung)
  4. 1980: Royal Opéra
    (Paris 1979, die Veränderungen des Nachtlebens und des Umgangs der Homosexuellen mit einander, die ‚folles queer‘)

Der vierte Teil, die Szene in der Hocquenghem einen amerikansichen Touristen cruist, wurde gedreht in der 1959 eröffneten Nachtbar ‚Le Royal Opéra‘, einem der ersten Nachkriegs-Homo-Treffpunkte in Paris.

Bei seinem Erscheinen verursachte Race d’Ep einen Skandal, der Film sollte als ‚Classement X‘ eingeordnet werden. Dies würde bedeuten, dass er nur in Pornokinos gezeight werden könnte. Zudem wäre auf jedes Ticket eine zusätzliche Steuer von 35% erhobven worden.

Doch mit Unterstützung von Intellektuellen wie Michel Foucault, Roland Barthes, Gilles Châtelet oder Gilles Deleuze und einer öffentlichen, u.a. von Roland Barthes, Gilles Deleuze, Felix Guattari, Marguerite Duras, Simone de Beauvoir, Patrice Chéreau, sowie den Cahiers du Cinéma unterzeichneten Petition gelang es, Kultusminister Jean-Philippe Lecat zum Einschreiten zu bewegen.

Den Film kann doch zur Aufführung, wenn auch in einer leicht ‚bereinigten‘ Schnitt-Version (Schwänze dürfen nicht gezeigt werden) und mit einer Alters-Freigabe ab 18 Jahren.

„Race d’Ep ! est nécessaire, faisant comprendre qu’il n’est, dans l’histoire, jamais d’acquis, que l’homosexualité est toujours une révolte, non un état, que son désir ne vit que d’affirmation conquérante et ne permet jamais l’installation.“
(etwa: Race d’ep! ist notwendig, lässt verstehen dass in der Geschichte Homosexualität immer eine Revolte ist, nicht ein erreichbarer Zustand, dass sein Begehren nur in der erobernden Bestätigung lebt und niemals eine Festlegung erlaubt.)
René Scherer, französischer Philosoph, zeitweise aktiv in der FHAR

Die Produktionsfirma ‚Littel Sisters Production‘ realisierte nach ‚Race d’Ep‘ (1979) zwei weitere Filme, die Dokumentation ‚La marche gaie‘ (1980; u.a. mit Guy Hocquenghem und Allen Ginsberg) und ‚Maman que man‘ (1982).

Guy Hocquenghem starb 1988 in Paris an den Folgen von Aids (wie mehrere der Beteiligten an Race d’Ep).

Guy Hocquenghem Urnen-Grab auf Père Lachaise, Paris (Foto: Pierre-Yves Beaudouin)
Guy Hocquenghem Urnen-Grab auf Père Lachaise, Paris (Foto: Pierre-Yves Beaudouin)

.

Race d’Ep

(englischer Titel: The Homosexual Century)
16 mm, 95 Minuten
Produktion: Littel Sisters Production
Regie: Lionel Soukaz
Text: Guy Hocquenghem & Lionel Soukaz
Uraufführung Paris 24. Oktober 1979
deutsche Erstaufführung: Berlin (Filmfestspiele) Februar 1980

Darsteller:
Elizar von Effenterre (Baron von Gloeden)
Christian, Serge, Sixteen, Pierre, Jerome (Jungen)
Gilles Sandier, Pierre S. (Kunden)
Pierre Hahn † (Magnus Hirschfeld)
Yves Jacquemard † , Jean Demelier, Jean Michel Sénécal (Hirschfelds Assistenten)
Betty (Transsexuelle)
Claire Amiard, Adeline Andre (Sekretärinnen)
Michel Journiac †,  Jean Luc, Piotr Stanislas, Dominique (SS-Männer)
Hunks Clements (Schöner Blonder)
Peter Vlaspolder † (Schöner dunkelhaariger Junge)
Philippe Veschi, Serge H., Didier Barbin, François Dantchev, Jean Francois, Briane (Jungen)
Guy Hocquenghem † (Queen)
Piotr Stanislas (Amerikaner)
Copi †, Rémy Germain, Loic Jovan, Michel Cressole †, Patrice Finet, Gilles Chatelet † (Kunden in der Bar)

Guy Hocquenghem
Race d’Ep! – Un siècle d’images de l’homosexualité
Taschenbuch
1979

.

Race d’Ep (1979) – Videos

Race d’ep 1 – 1900: Le temps de la pose

Race d’ep 2 – 1930 / Les Années 30: le 3ème sexe ou: les années folles à l’extermination

Race d’ep 3 – 1960: Sweet Sixteen in the Sixties

Race d’ep 4 – 1980: Royal Opera


RACE D EP.4.ROYAL OPERA.1978. von soukaz
.

Race d’Ep heute – persönliche Gedanken

„Race d’Ep! ist notwendig!“ , dieser Satz des französsichen Philosophen René Scherer hat auch heute noch eine eigene Gültigkeit. Der Film ist ein auch heute noch bemerkenswertes Stück schwuler Bewegungs- und Filmgeschichte, eiens das zu unrecht in Deutschland heute kaum bekannt ist.

Kaum ein Film hat – zu diesem Zeitpunkt, 1979 – einen derart breiten Bogen schwuler Bewegungen gespannt, den Horizont so geöffnet und gleichzeitig so auf aktuelle politische Positionen hin analysiert. Race d’Ep ist beeindruckendes Dokument einer großen Zeit der französischen Schwulenbewegung, des Umfeldes der FHAR.

Dokument ist Race d’Ep auch auf eine ganz andere Weise. Ein Blick auf die Liste der am Entstehen Beteiligten lässt schnell sichtbar werden, wie viele von ihnen schon wenige Jahre später an den Folgen von Aids verstorben sind. Der Film ist so auch ein weiteres bitteres Zeugnis dafür, welch große Löcher Aids in schwule Bewegungen und Kultur gerissen hat. Deutet darauf hin, wie viele Debatten nicht mehr geführt, wie viele Projekte nicht mehr gedacht und realisiert, wie viele Träume nicht mehr geträumt und gelebt werden – weil Aids.

Doch Race d’Ep ist weit mehr als ’nur‘ ein Stück schwuler Zeitgeschichte. Blicke ins Detail lohnen.

So wird der Film und Hocquenghems Text besodners dicht, wenn er auf die zunehmende Medikalisierung des Schwulseins (bzw. der Darstellung der Homosexualität) hinweist und nach den Folgen der medikalisierenden Haltung fragt. Hat Hirschfeld mit der „Definition, oder doch nahezu, der Homosexuellen als eigene Rasse einen blutigen Weg eröffnet“, wie der Film (ab ca. Minute 9:30 in Teil 2) konstatiert? Was intendiert war als Argumentation für die Straffreiheit (’nicht verantwortlich für ihr Schicksal‘), trug es paradoxerweise z.B. mit seiner in Kategorien gegliedertem Unterscheidung der Homosexuellen von den ‚Normalen‘ zu späteren monströsen Katalogen der NS-Vernichtungspolitik (Stichwort ‚Rassenphysiologie‘) bei? Hat die Homosexuellen-Bewegung der 1930er Jahren so tragischerweise den Boden für seine Vernichtung selbst mit bereitet?

Mich erinnert der Film hier heute auch an Debatten, die wir wenig später in Deutschland führten. Soll ein Schwulen- und Lesbenzentrum  Magnus Hirschfeld als Namenspatron haben? Heftige Debatten führten wir (ich erinnere mich z.B. an viele hitzige aufgeregte Gespräche mit dem eigentlich sehr geschätzten Hans Georg Stümke). Ja, entscheiden die Hamburger (UHA) mit dem 1983 gegründeten MHC. Nein, entscheiden wir kurze Zeit später in Köln mit dem 1985 gegründeten SchuLZ.

Doch zurück zu Race d’Ep.
Der Film zeigt eine weitere Stärke im vierten Teil. Der vielleicht eher leicht angestaubt wirken mag, nicht nur in seiner heute unbeholfen wirkenden Art und Ästhetik. Doch es schiene mir zu kurz gedacht, diesen Teil als angestaubte ideologische Folklore der 70er-Schwulenbewegung abzutun.

Der Film wirft hier erneut grundsätzliche Fragen auf. Wie die nach Zustand oder Prozeß. Ist Homosexualität ein erreichbarer Zustand – durch zunehdmendes Streben nach Gleich-Sein z.B.? Oder ist es ein fortwährender Prozess, Schwul-Sein als immer währende Suche und Auflehnung, Anderssein und Revolte?

Bürgerrechtsbewegung oder Emanzipationsbewegung? Hier wirft der Film Fragen auf, die heute vielleicht wenig beliebt sind, dennoch aber auch heute zu fruchtbaren Debatten genutzt werden könnten.

Race d’Ep – ein Film der Schwulenbewegung Frankreichs der späten 1970er Jahre, dessen (Wieder-) Entdeckung lohnt!

.

zuletzt aktualisiert 17. Juni 2017 (Video Teil 3)

5 Antworten auf „Race d’Ep (Soukaz Hocquenghem 1979)“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.