Nacht und Nebel – der Schriftsteller Jean Cayrol

Zuletzt aktualisiert am 8. Juni 2018 um 9:35

Der französische Poet, Essayist und Schriftsteller Jean Cayrol (1911 – 2005) ist in Deutschland wenig bekannt – wohl aber eines seiner bekanntesten Werke, ‚ Nacht und Nebel ‚.

Jean Cayrol

Jean Raphaël Marie Noël Cayrol wurde am 6. Juni 1911 in Bordeaux geboren. Seine Kindheitstage verbrachte Cayrol oft im nahe Bordeaux am Atlantik gelegenen Lacanau Océan. Bereits mit 16 Jahren gründete er seine erste Literatur-Zeitschrift. Nach einem ohne Abschluss beendeten Jurastudium arbeitete er in Bordeaux als Bibliothekar.

1940. Frankreich ist nach dem Angriff durch NS-Deutschland von einer Demarkationslinie zerteilt, in den von NS-Truppen besetzten Nordwesten und das mit Nazi-Deutschland kooperierende Vichy-Regime unter Philippe Pétain im Südosten. Cayrol, 1940 zur Marine eingezogen,  schließt sich nach der Demobilisierung noch im gleichen Jahr der Résistance an. 1942 wird er denunziert und festgenommen. Er wird 1942 in das KZ Mauthausen deportiert, ab 1943 Mauthausen – Gusen I.

Über seine Erlebnisse im KZ schreibt Cayrol, veröffentlicht 1946 die ‚Nacht- und Nebel-Gedichte‘ (Poèmes de la nuit et du brouillard).

Jean Cayrol veröffentlichte unzählige Gedichte, zahlreiche Romane. Er erhielt mehrere Literatur-Preise, so 1947 den Prix Renaudot oder 1968 den Grand Prix littéraire de Monaco. Von 1973 bis 1995 war er Mitglied der Académie Goncourt.

Am 10. Februar 2005 starb Jean Cayrol im Alter von 93 Jahren in Bordeaux.

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Nacht und Nebel

Das in Deutschland bekannteste Werk von Jean Cayrol sind seine Poèmes de la nuit et du brouillard (1945, in Frankreich erstveröffentlicht 1946), auf deutsch veröffentlicht unter dem Titel Nacht und Nebel. Bekannt vor allem durch den Film: Auf Basis dieses Buches dreht Alain Resnais seinen Dokumentarfilm Nuit et brouillard (1955; deutscher Titel Nacht und Nebel), für den Jean Cayrol  das Drehbuch verfasst (Musik: Hanns Eisler; deutsche literarische Übersetzung Paul Celan, der Cayrol 1954 kennen gelernt hatte).

1941 ordnete eine geheime Richtline die Entführung von über 7.000 Personen aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Norwegen an, die des Widerstands gegen die Nazis verdächtigt wurden. Dieser Erlass wurde seit den Nürnberger Haupt-Kriegsverbrecher-Prozessen unter dem Namen Nacht-und-Nebel-Erlass (NN) bekannt. Zahlreiche bedeutende Personen des französischen Widerstands – unter ihnen auch der NN-Deportierte Jean Cayrol – verschwanden, wurden deportiert, gefoltert, ermordet. Bis 1944 wurden 6.639 Personen mit diesem Erlass nach Deutschland deportiert, viele in KZs eingewiesen (viele davon in die KZs der Emslandlager), vermutlich 340 Todesurteile vollstreckt.

Gedenk- Plakette für die Deportierten 'Nacht und Nebel' im Ehemaligen SS-Sonderlager / KZ Hinzert (Foto: Christoph Lange)
Gedenk- Plakette für die Deportierten ‚Nacht und Nebel‘ im Ehemaligen SS-Sonderlager / KZ Hinzert (Foto: Christoph Lange, Lizenz cc-by 2.5)

Gedenktafel der überlebenden französischen OpferChristoph Lange / LangecCC BY 2.5

Der gut 30minütige Dokumentarfilm, den Alain Resnais 1955 drehte, bezieht sich schon in seinem Titel auf den Nacht-und-Nebel- Erlass. Wie kaum ein anderer Film zeigt Nacht und Nebel Terror und Qualen der KZs, machte unvorstellbare menschenverachtende Verbrechen der Nazis in ihrer ganzen Monstrosität bekannt.

Der im Dezember 1955 fertiggestellte Film wurde am 31. Januar 1956 mit dem Prix Jean Vigo ausgezeichnet. Seine Einreichung als französischer Beitrag für die Filmfestspiele von Cannes 1946 führte zu einer diplomatischen Kontroverse (‚Skandal von Cannes‘): die Bundesrepublik protestierte und forderte die Absetzung der Nominierung, der Film vergifte die Atmosphäre zwischen Franzosen und Deutschen, er könne“den erzeugten Hass gegen das deutsche Volk wiederbeleben„, so damals das Bundesinnenministerium“. Der von der französischen Regierung veranlasste Rückzug des Films von der Vorschlagliste führte sowohl in Frankreich als auch in der Bundesrepublik zu massiven Kontroversen. Schließlich wurde der Film in Cannes am 8. Mai 1956 außerhalb des Festival-Programms erstmals gezeigt.

1956 ordnete die französische Zensur-Kommission an, ein Foto in dem Film unkenntlich zu machen. Auf diesem Bild war ein Gendarme im französischen Internierungslager Pithiviers deutlich zu erkennen, der jüdische Gefangene bewachte, die nach Auschwitz deportiert wurden. Dieser Hinweis auf Kollaboration wurde geschwärzt. Diese Maßnahme wurde inzwsichen wieder rückgängig gemacht, der Film ist an dieser Stelle wieder im Original zu sehen.

Erstmals wurde ‚Nacht und Nebel‘ in Deutschland im Juli 1956 während der Berlinale gezeigt. Das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung erwarb 1956 Rechte zur nichtkommerziellen Nutzung des Films (über 100 Kopien). Die erste TV-Ausstrahlung erfolgt (spät im Nachtprogramm) Mitte April 1957 im 3. Programm des Bayrischen Rundfunks.

‚ Nacht und Nebel ‚, basierend auf den Gedichten von Jean Cayrol, wurde zum ersten Film, der auch breite Kreise der Bevölkerung der Bundesrepublik mit den Grauen der Konzentrationslager und des Holocaust konfrontierte.

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Material zum Film Nacht und Nebel ist – ergänzt um zahlreiche Hintergrund-Informationen – u.a. bei der Bundeszentrale für politische Bildung verfügbar.
Von dem Film existiert auch eine ‚DDR-Version‘ mit anderem deutschen Text (Henryk Kreisch).

KZ Mauthausen – Gusen / Gedenkseite für Jean Cayrol
Anne Diatkine: Mots de nuit et de brouillard (über die französische Erst-Veröffentlichung von Cayrols Text zum Resnais-Film 1997)

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