The Broad Paris (1980 – 1990)

Das 1980 eröffnete ‚The Broad‘ war in den 1980er Jahren ‚die‘ schwule Disco in Paris. Sie schloß endgültig im Sommer 1990.

Im Pariser Viertel ‚Les Halles‘ eröffnet Jean-Claude Detais 1980 auf der rue de la Ferronnerie (Nr. 4) die Diskothek ‚The Broad‘ (zeitweiser Untertitel: ‚un espace au masculin‚). Vorher befand sich an gleicher Stelle die Disco ‚Le Broadway Melody‘.

Schnell wird das ‚Broad‘, das sich deutlich von Diskotheken der siebziger Jahre absetzt, zu einer der beliebtesten Schwulen-Discos im Paris der 1980er Jahre. „l’endroit le plus branché des Halles„, meint Alain Pacadis in ‚5 sur 5‘ September 1983.

Am 14. Dezember 1983 eröffnet David Girard mit dem ‚Haute-Tension‘ eine nahe gelegene Konkurrenz. Doch das Broad bleibt Mitte der 1980er (nach einer Wiedereröffnung nach Renovierung im April 1985) die ‚boite la plus en vogue de Paris‚, „die angesagteste Disco von Paris“ (Samourai‘, November 1982).

The Broad Werbung 1983 (Abbildung mit freundlicher Genehmigung The Broad)
The Broad Werbung 1983 (Abbildung mit freundlicher Genehmigung D.R. / The Broad)

The Broad – Musik, Tanzen und Begehren

Im Erdgeschoß befand sich hinter der Bar die Haupt-Tanzfläche, über der sich zwei Stockwerke hoch einzig Treppen und Gänge entlang der Wände erhoben. Von hier hatte man einen Blick auf die Tanzfläche, und auf den DJ, der sich nach dem Umbau 1985 ebenfalls über der Tanzfläche befand. Dazu ein Video-System, das Cartoons, frühe Videoclips oder Ähnliches zeigte. Im Keller, der aus zahlreichen Gewölben auf verschiedenen Ebenen bestand, befand sich eine weitere, kleinere Bar. Dazu zahlreiche Sitzmöglichkeiten, Ecken des Kennenlernens, Cruisings, Begehrens und Begegnens, ein Darkroom.

Dank mehrerer junger DJs und hervorragender Musik nebst (im Vergleich zur Rue St. Anne) vertretbaren Preisen wird  das ‚Broad‘ schnell beliebt. Hier treffen sich die offenen, nicht ‚verklemmten‘, die coolen aber nicht zu hippen Schwulen. Der heute als erfolgreichster DJ der Welt geltende David Guetta hat hier als Siebzehnjähriger 1985 sein erstes DJ-Engagement, seine ‚Acid House‘ – Soirées werden bald populär. An der Bar arbeitet u.a. der junge Florent Pagny, der bald als Sänger und Schauspieler Karriere machen sollte.

1982 – Bombenanschlag auf das Broad

31 Dezember 1981, am frühen Morgen. Die letzten Gäste waren eben im Begriff die Disco zu verlassen, als das Personal im Darkroom ein seltsames Paket entdeckte. Gerade holten die Mitarbeiter eine Taschenlampe, als eine Explosion die Disco erschütterte. Eine Tür und mehrere Wände wurden beschädigt. Nach einer notdürftigen Reparatur und Reinigung konnte die Disco am gleichen Abend wieder öffnen, Silvester wurde wie geplant gefeiert.

Jean-Claude Détais bestätigte später, bereits seit Eröffnung der Disco Drohungen und einschüchternde Briefe erhalten zu haben.

Doch der Anschlag vom 31. Dezember 1981 war nicht alles – bereits acht Tage später ging am Abend ein Anruf ein, „Attention, ça va encore suater!“ (Achtung, heute wird noch was hochgehen!; Übers. UW). Sofort wurde das Broad evakuiert. Und tatsächlich wurde  ein weiterer Explosivkörper entdeckt, der auch kurz darauf detonierte.

Seit diesen Anschlägen wurden die Gäste am Eingang genauer unter die Lupe genommen. Weitere Anschlags-Versuche wurden nicht festgestellt.

Broad – mehr als ’nur‘ Disco

1983 sponsorte das ‚Broad‘ gemeinsam mit dem schwulen Radiosender Fréquence gaie, Champs-Disques sowie der Kings Sauna das erste in einer größeren Rallye offiziell registrierte ’schwule Fahrzeug‘, den ‚Samourai‘. Der Wagen ist benannt nach einem französischen Schwulen-Magazin und fährt auf der durch den Atlas führenden ‚Rallye du Maroc‘ vom 11. bis 23. Mai 1983.

Wenige Schritte von der Diskothek entfernt (13, rue de la Ferronnerie) eröffnet Detais am 20. März 1982 (?)  das vom Nachmittag bis zum späten Abend geöffnete Café ‚Le Broad Side‘ mit einer offensichtlich von Fassbinders ‚Querelle‘ inspirierten Dekoration. Bereits frühzeitig erklärte sich Besitzer Jean-Claude Detais (ebenso wie Jürgen vom ebenfalls legendären ‚Piano Zinc‚, und im Gegensatz zu zahlreichen anderen Pariser Schwulen-Bars und -Cafés) bereit, Aids-Präventions-Materialien auszulegen.
Später wird aus dem ‚Broad Side‘ das ‚Banana Café‘ (eine Anspielung auf den Ort, hier befand sich zu Zeiten der Markthallen ein Bananen-Lager); heute befindet sich dort ein Restaurant.

The Broad – das Ende 1990

Schon 1984 hatte das Broad, wie auch andere schwule Clubs und Discos, mit Polizeirazzien und Feststellung der Personalien von Gästen zu kämpfen. 1990 kamen für einige Clubs neue Probleme hinzu, so auch für das Broad: die Stadtverwaltung zwang den Betreiber, die Disco bereits um 2:00 Uhr nachts zu schliessen. Weitere Schikanen folgten, zudem erkrankte Jean-Claude Detais schwer. Das Team warf das Handtuch, The Broad schloss.

Zum CSD 1990 wurde es ausnahmsweise noch einmal geöffnet, das ‚The Broad‘, am 23. und 24. Juni 1990. Dann war endgültig ‚aus‘.

Inzwischen befindet sich hier eine ‚Lounge Bar‘. Auf der Tanzfläche soll sich 2013 die Küche befunden haben, Obergeschoss und Keller hingegen seien nicht zugänglich aber ‚unverändert‘.

Jean-Claude Detais, Chef und Seele des ‚The Broad‘, des Cafés ‚Broad Side‘ und der Boutique ‚Broad Bazar‘, starb 1990 an den Folgen von Aids.

Das ‚Le Broad‘ wurde von Michel Aribaud erworben, der zuvor sein Unternehmen ‚Connexion‘ gegründet hatte.

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zuletzt aktualisiert 5. Januar 2017

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