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Feindliches Design – Defensive Architektur

Zuletzt aktualisiert am 20. Januar 2023 von Ulrich Würdemann

Feindliches Design oder Defensive Architektur – so lauten euphemistische Bezeichnungen für das, was eigentlich Anti – Obdachlosen – Architektur ist: die Gestaltung des öffentlichen Raums und seiner Möblierung auf eine Weise, um Obdachlosen den Aufenthalt zu verleiden, sie zu vertreiben.

Im weiteren Sinn richtet sich feindliches Design auch gegen Skateboarder, street art bzw. graffiti sowie Drogengebraucher*innen.

Beispiele feindlichen Designs

Feindliches Design wird z.B. realisiert durch Stadtmöblierung, die Betreten verhindert oder bestimmte Benutzungen unmöglich macht, durch Beschallung zur Vertreibung oder Verleidung längerer Aufenthalte, oder i.w.S. durch Betretungsverbote und Sperrung.

feindliches Design im Öffentlichen Nahverkehr

(unnötig) mit Armlehnen gestaltete Sitzbänke zum Unterbinden von Schlafmöglichkeiten (Hamburg, U-Bahn, Januar 2023)

Köln: Skater stören – Platz gesperrt

Der Heinrich-Böll-Platz befindet sich am Kölner Rheinufer – er liegt direkt über der Philharmonie. Dass der Platz auch genutzt werden wird, ist bei der Architektur vielleicht nicht oder nur unzureichend bedacht worden. Passanten, vor allem aber Skater sorgten schnell für Ärger – die Geräusche (Fahr- und Sprunggeräusche, Aufschlagen der Decks, …) übertrugen sich in den Saal.

Die Folge: der Platz wurde 2006 gesperrt (mehr: Heinrich Böll Platz – Betreten verboten!).

Köln: Betreten Verboten
Heinrich Böll Platz in Köln: Betreten Verboten (Foto 2006)

Kritische Auseinandersetzung mit feindlichem Design

‚Defensive Architektur‘ – Platz 3 Unwort des Jahres 2022

Der Begriff ‚Defensive Architektur‘ belegte 2022 Platz 3 der Wahl zum ‚Unwort des Jahres‚:

„Bei dem Wort defensive Architektur handelt es sich um eine militaristische Metapher, die verwendet wird, um eine Bauweise zu bezeichnen, die sich gegen bestimmte, wehrlose Personengruppen (zumeist Menschen ohne festen Wohnsitz) im öffentlichen Raum richtet und deren Verweilen an einem Ort als unerwünscht betrachtet. Die Jury kritisiert die irreführende euphemistische Bezeichnung einer menschenverachtenden Bauweise, die gezielt marginalisierte Gruppen aus dem öffentlichen Raum verbannen möchte.“

Wahl des 32. „Unwort des Jahres“, Pressemitteilung der Jury, 10. Januar 2023

Fanny Allié: The Glowing Homeless (2011)

Die aus Frankreich stammende Künstlerin Fanny Allié hat 2011 die Unsichtbarkeit von Obdachlosigkeit und der von ihnen betroffenen Menschen in der Stadt in ihrer Installation ‚The Glowing Homeless‘ thematisiert:

Fannie Allié The Glowing Homless 2011
Fannie Allié: The Glowing Homless (2011; in der Ausstellung ‚Who’s next? – Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt‘, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 14.10.2022 – 12.03.2023)

Die Installation entstand 2011 für das Bring to Light NYC Festival in Brooklyn. Die Installation war 2021/22 in München in der von dem Architekturtheoretiker Daniel Talesnik kuratierten Ausstellung ‚Who’s next?‘ zu sehen, die anschließend nach Hamburg übernommen wurde.

Disarstar: Nicht mal das Mindeste (2022)

Der aus Hamburg stammende Rapper Disarstar, der selbst auf St. Pauli wohnt, publizierte 2022 ein Video, in dem er gegen Obdachlose (auf Privatgrund) angebrachte Metallbügel an einer Sitzfläche in St. Pauli abflexte:

‚Aus den Augen, aus dem Sinn‘ – Disarstar bezeichnete in seiner Aktion ‚Nicht mal das Mindeste‘ die Bügel als Mittel der Vertreibung und rief zu Spenden für den Obdachlosen-Hilfsverein CaFée mit Herz auf.

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Von Ulrich Würdemann

einer der beiden 2mecs.
Schwulenbewegt, Aids- und Therapie-Aktivist. Von 2005 bis 2012 Herausgeber www.ondamaris.de Ulli ist Frankreich-Liebhaber & Bordeaux- / Lacanau-Fan.
Mehr unter 2mecs -> Ulli -> Biographisches

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