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Punks auf Sylt – oder: Syltokalypse 2022 ?

Zuletzt aktualisiert am 8. August 2023 von Ulrich Würdemann

Syltokalypse 2022 – Punks auf Sylt, und viel Aufregung auf Sylt und in den Medien.

Samba si, Arbeit no (war Roberto Blanco 1979 Punk ?)

Dabei, ganz Sylt – nein, eigentlich konzentriert sich das Geschehen auf Westerland. Die Straßen sind hier benannt nach Wilhelm und Friedrich, der Damm, über den das Eiland erreicht wird, gar nach Hindenburg.

Zentraler Ort der Inszenierung Syltokalypse (und der Erregung): zunächst der Wilhelmine-Bunnen (Entwurf Ursula Hensel-Krüger) in Westerland, zwischen Bahnhof und Strandpromenade gelegen. Medien sprechen von der ‚Punkerszene an Wilhelminebrunnen‘ oder ‚Sylter Punker-Krise‘. Auch wenn einige Punks zeitweise weitergezogen sind, erst in den Park vor dem nahe gelegenen Rathaus, später vor den ’neuen Rossmann‘ (gegenüber dem Brunnen).

Punks auf Sylt - Wilhelminebrunnen
Wilhelmine Brunnen Westerland, hinten rechts die Beton-Mauer

Zur ‚Vermeidung von Verunreinigungen‘ wird eine Betonmauer aufgestellt und erst Mitte August wieder abgebaut [ein ganz eigener Fall von ‚feindlicher Architektur‚), nicht etwa einfach ein Dixiklo, der notwendige Beschluss dafür fiel erst Ende Juni. Der Wilhelmine-Brunne wird stillgelegt, entleert und mit einem Zaun ‚gesichert‘ (der am 27.Juni 2022 wieder entfernt wird), damit Punks nicht in ihm baden können. Punks greifen die Situation kreativ auf, bitten um Spenden mit dem Slogan ‚Kleingeld für die Freilassung der Wilhelmine !‘.

Punks auf Sylt - die Betonmauer
grotesk: die als ‚Punker-Sperre‘ errichtete Beton-Mauer (die nun zudem den Zugang zu einem Reformhaus versperrt …)

Einige Schlagzeilen des Juni 2022:

  • ‚Invasion der 9-Euro-Punks‘
  • ‚Politik berät über Umgang mit 9-Euro-Punks‘
  • ‚Sylt greift durch‘
  • ‚Punk-Lager in Westerland: Bürgermeister verteidigt Mauerbau‘
  • ‚Insel wehrt sich mit Zaun und Betonmauer‘
  • ‚Punks lungern vor Modehaus‘
  • ‚Kapituliert Sylt jetzt vor den Punkern?‘
  • ‚Sylt setzt nun auf Security – gegen Schnorrer in Unterhosen‘
  • ‚Politik berät erneut über Umgang mit den 9-Euro-Punks‘
  • ‚Händler verzweifeln an ungebetenen Gästen: Sylt ergreift neue Maßnahmen gegen Punks‘
  • ‚Polizeieinsatz: Krawallmacher zündeln und böllern in Westerland‘
  • ‚Rührei und Radau: Punks starten Protestcamp vor dem Sylter Rathaus‘

Später beschließt der Hauptausschuss einen Sicherheitsdienst für die Fußgängerzone, und ein Streetworler soll sich ‚in der 9-Euro-Phase‘ um die ‚Problemgäste‘ kümmern.

Am 13. Juli fand eine kleine Demonstration statt. Etwa 400 Teilnehmer*innen protestierten in Kampen mit Parolen wie ‚Luxus für alle, sonst gibt’s Krawalle‘ [selbiger und selbige blieben aus] oder ‚Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten‘. Auch die Hochzeit von Bundesfinanzminister Christain Lindner auf Sylt einige Tage zuvor wurde thematisiert (‚während wir angehalten werden im Winter zu frieren, feiert Lindner eine fette Party auf Sylt‘).
Nach Abschluss der Demonstration fand ein Konzert vor dem Ratshaus in Westerland statt. Es spielten Raest, Enemigx’s Del Enemigo und Mühlheim Asozial.

Punks auf Sylt - quuer punx unite
Punks auf Sylt – queer punx unite (Westerland, Juli 2022)

Viele Berichte vermitteln den Eindruck, dass ‚die Punks‘ als eine homogene Gruppe wahrgenommen werden – und verkennen das Fluidum. Manche Punks sind nur tageweise da, andere für eine Woche, besonders viele am Wochenende, die Oldenburger sind schon wieder abgereist, die aus Hamburg (da hinten bei denen aus Husum) erst gestern gekommen. Einige sind eher Crust Punks, andere ‚Modepunks‘. Manche sind sehr jung, andere haben schon einige Jahre Punk hinter sich. Politik und Medien scheinen sich (immer noch, immer wieder) schwer zu tun, das Wesen zu erfassen, das Autonome zu erkennen, das Unorganisierte anzunehmen.

Immerhin, viele Besucher*innen der Insel gehen offenbar gelassener mit der Situation und den Punks auf Sylt um. „Viele finden gut, dass Westerland durch uns ein bisschen bunter wird“, zitiert eine Zeitung einen der Punks.

Die taz resümiert Anfang Juli nach einem Monat

„Ja, einige trinken morgens schon Bier … Ein andermal hat jemand in den Brunnen gepinkelt. … Ansonsten ist alles wie immer.“

Antje Lang-Lehndorff, taz 8.7.2022

Und Anfang August – das Protest-Camp ist inzuwischen ‚legalisiert‘ – kommt nämliche taz zu dem Schluss ‚Punks werten das Sylter Image auf‘ – nicht nur mit Gratis- Aufmerksamkeit, sondern auch durch Diskussionen wie mit Wolfgang Schäuble (der zu einer Lesung in Kampen war) über gerechtere Vermögensverteilung. Derweil gibt es es im August 2022 ein zweites Camp nahe der Kirche, und Strukturen wie Security, Awareness Team und Plena etablieren sich.

Die Aufregung 2022 kommt irgendwie bekannt vor … wirkt wie ein ‚Sturm im Wasserglas‘ mit historischem Vorbild:

Rückblick: Punks auf Sylt – Vorgeschichte(n) der Syltokalypse

Schon seit den 1980er Jahren hat Sylt offensichtlich einen besonderen Reiz für Punks.

1995: Punks auf Sylt – Chaostage Sylt

Am 25. März 1995 besuchten etwa 80 Punks die Insel, mit dem Zug von Hamburg kommend. Ihr Motto: „Sylt für alle – sonst gibt’s Krawalle!“ wandte sich auch gegen Vorschläge, schon am Bahnhof von allen Anreisenden die Kurtaxe zu kassieren.
Die Punks trafen auf eine gut vorbereitete Polizei. Die in Westerland auf sie wartete, weswegen die Punks schon in Keitum ausstiegen. Auf der Straße Richtung Westerland allerdings wurden sie eingekesselt, erfasst für die 1982 eingerichtete ‚Punker-Datei‚ (die ihrerseits Hintergrund der Chaostage war) und mit dem Zug zurück nach Hamburg geschickt (vgl. Erinnerungen von Robert Matthies 2022 in der taz).

Aufruf zum Chaostag in Hannover 1982 (Dezember 1982; wikimedia, Lars K. Köln, Lizenz GNU)

1985: vor Punks fliehende Skins

Zehn Jahre zuvor waren im Sommer 1985 Skinheads und Punks auf Sylt aufeinander getroffen (mit fliehenden Skins …).
Und etwa 80 Punker campierten auch damals kurzzeitig am Wilhelmine Brunnen (bis die Polizei Platzverweise aussprach und die meisten wieder abreisten).

2015: Punk Picnick Westerland

Zwanzig Jahre nach den ‚Chaostagen Sylt‘ gab es 2015 den Versuch einer Fortsetzung – zum ‚Punk Picnick‘ in Westerland wurde bereits Ende 2014 breit für den 20. Juni 2015 ‚eingeladen‘, „bringt loite, spaß und gute laune mit!“.
Lokalmedien sprachen später von ‚randalierenden Punks‘ und berichten, 30 Punks hätten in Husum und auf Sylt ‚für Radau gesorgt‘.

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Ist das 9-Euro-Ticket ein ‚Mittel zur Überwindung unsichtbarer Grenzen‘? Theresa Schouwink (Philosophie Magazin, Leitende Redakteurin Print) verweist auf den 1984 verstorbenen französischen Philosophen Michel Foucault und dessen ‚Kunst der Verteilungen‘ (in ‚Überwachen und Strafen‘). Sie verweist auf Ortung als Disziplinarinstitution und dessen ökonomische Dimension:

„Auf Sylt wiederum profitieren Immobilienunternehmer vom Ausschluss der Armen und Unangepassten als Distinktionsmerkmal, das die Preise in die Höhe treibt.“

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Auch 2023 kommen Punks nach Sylt … an den Ortsrand verdrängt …

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Eine Insel mokiert sich nicht nur, sie debattiert sich peinlich wund bis zur Lächerlichkeit … über Billigtouristen mit 9-Euro-Ticket allgemein (abfällig oft als ‚9-Euro-Gäste‘ bezeichnet), aber ganz besonders über die ‚Sylt-Punks‘.

Oh was bin ich froh dass ich den Zwangsumtausch schon erledigt hab, und den Passierschein für die neue Mauer

Zwischenbilanz nach einem Monat: Syltokalypse ? Chillt mal, möchte man ihnen zurufen (egal ob Sylt- Politik, Geschäftsleuten oder interessierten Medien) … schließlich gibt’s ja noch zwei weitere Monate das 9- Euro- Ticket …

Obwohl – das Ticket deutet genau darauf hin, worum es geht. Bereits 1995 ging es zu den Chaostagen mit einem gerade neu eingeführten ‚Billig-Ticket‚ nach Sylt: dem 1995 frisch gestarteten Schönes-Wochenende-Ticket für 15 DM (SWT, 1995 – 2019).

Und schon 1995 klagten Geschäftsleute, das neue Billigticket schade der Insel … und erst recht die ‚Rucksacktouristen ohne Kaufkraft‘ … die schon damals als ’15-Mark-Touristen‘ geschmäht wurden …

Denn – eigentlich geht es ja gar nicht um die Punks. Es um Exklusivität (oder die Reste der einst vorhandenen, natürlich ökonomisch ausgedrückten), und es geht um Anderssein. Anderssein können sie schlecht ertragen, Andersartigkeit ist nicht willkommen. Es sei denn sie bringt Geld mit auf die Insel, frönen dem Konsum … die Konsum-Verweigerung der Punks, sie ist der eigentliche Stein des Abstoßes auf Sylt …

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Sylt in Punk Songs 1988 und 2022

„Oh, ich hab solche Sehnsucht, ich verliere den Verstand.
Ich will wieder an die Nordsee,ich will zurück nach Westerland!“

Die Ärzte (die 1988 ihr vorläufiges Abschiedskonzert auf Sylt spielten), 8. April 1988

„Der Pöbel macht sich auf den Weg,
zum Pogo auf dem Badesteg.
Sylt, wir kommen!
Jetzt wird nicht mehr gefragt, jetzt wird genommen!“

Menschenabstinenz (i.e. Matthias Seeba-Gomille, 9. Mai 2022

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Von Ulrich Würdemann

einer der beiden 2mecs.
Schwulenbewegt, Aids- und Therapie-Aktivist. Von 2005 bis 2012 Herausgeber www.ondamaris.de Ulli ist Frankreich-Liebhaber & Bordeaux- / Lacanau-Fan.
Mehr unter 2mecs -> Ulli -> Biographisches

4 Antworten auf „Punks auf Sylt – oder: Syltokalypse 2022 ?“

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