Kategorien
Homosexualitäten

Elemente einer homosexuelle Kritik, Diekmann / Pescatore 1979

Zuletzt aktualisiert am 17. Oktober 2022 von Ulrich Würdemann

Bernhard Diekmann und Francois Pescatore veröffentlichten ihr Buch “ Elemente einer homosexuelle Kritik “ 1979 im Verlag rosa Winkel.

Begeisterte Herausgeber auf der Suche nach dem Perversen

Texte aus dem direkten Umfeld der französischen FHAR – der die Herausgeber begeistert gedanklich folgen (und die in einem Beitrag chronologisch portraitiert wird):

„wir [die Schwulen der FHAR, d.Verf.] werden uns nicht damit zufrieden geben, uns zu verteidigen, wir werden angreifen. Wir sind nicht gegen ‚Normale‘, aber gegen die normale Gesellschaft.“

Die Herausgeber erleben Homosexuelle in (West-)Deutschland hingegen damals völlig anders:

Die Homosexuellen sind längst normal geworden und fühlen sich hierzulande am wohlsten bei einer Brühwarmaufführung unter Heterosexuellen, von denen nichts mehr sie unterscheidet.

– und dies 1979. Prophetisch? (ggf. ‚Brühwarm‚ durch … ersetzen) oder resignierend bis depressionsfördernd (zumindest für emanzipationshungrige fortschrittsgläubige Schwule)?

Was aber machen französische Schwule (Mitte der 1970er, zur Zeit des Entstehens der Texte) nach Absicht der Herausgeber anders?

„Eher hatten die Franzosen das eigentliche Mehr erkannt, daß an jedem Ort, in jedem Augenblick und aus jeder Art von Begegnung zusätzlich die Liebe entstehen kann; sie hatten verstanden, daß im homosexuellen Leben etwas existiert, das weder mehr noch weniger aus nur einer einzigen, bestimmten, sondern aus jeder Situation entstehen kann und Homosexuell-Sein heißt, dafür offen zu sein.“

Die (nur damalige?) Realität hingegen erleben sie anders:

„Solange die Homosexuellen sich nicht vorstellen können, daß die Heterosexuellen es mit ihnen treiben, ohne homosexuell zu sein, solange sie diskutieren, ob die von einem Heterosexuellen empfangene Zärtlichkeit eine homosexuelle Qualität habe, und solange sie die Heterosexuellen zu Erklärungen veranlassen, die diesen eine Position zuschreiben und ein Geständnis aufzwingen, solange hat die Liebe der Homosexuellen – auch die unterdrückte – noch zuviel Bedeutung, ist noch zu sehr Wunsch, sich in einem anderen Blick selbst zu betrachten oder von anderen besehen zu lassen.“

.

„Elemente einer homosexuellen Kritik“ ist eine wunderbare Ergänzung zu „Drei Milliarden Perverse“, Diekmann / Pescatore 1980 sowie zu „Das homosexuelle Verlangen“ / Guy Hocquenghem 1974.

.

‚ Elemente einer homosexuellen Kritik ‚ erlebe ich (noch heute, beim Wiederlesen nach vielen vielen Jahren) in seinen Grundpositionen als fundamentaler als vieles, was ich in schwulenbewegten Diskussionen hierzulande gehört habe.

Manchmal werde ich den Eindruck nicht los, die Debatte war Mitte der 1970er (in Frankreich) zumindest bei Schwulen im Umfeld der FHAR weiter, als sie hier je war geschweige denn heute ist …

.

Francois Pescatore war u.a. auch Übersetzer des Romans „Als Jonathan starb“ (Tony Duvert, 1984)

.

Bernhard Diekmann, Francois Pescatore
Elemente einer homosexuellen Kritik
Französische Texte 1971 – 77
Verlag rosa Winkel
Schwule Texte
Nr. 4
Berlin 1979

nur noch antiquarisch erhältlich

.

Von Ulrich Würdemann

einer der beiden 2mecs.
Schwulenbewegt, Aids- und Therapie-Aktivist. Von 2005 bis 2012 Herausgeber www.ondamaris.de Ulli ist Frankreich-Liebhaber & Bordeaux- / Lacanau-Fan.
Mehr unter 2mecs -> Ulli -> Biographisches

Eine Antwort auf „Elemente einer homosexuelle Kritik, Diekmann / Pescatore 1979“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert