Aids und die Schwulen 1: Trauma Aids – Dimensionen

Zuletzt aktualisiert am 1. Dezember 2019 um 9:59

Martin Dannecker hat Aids (genauer: die psychischen Reaktionen darauf) 1990 als „das kollektive Trauma der Schwulen“ beschrieben. Inzwischen hat Aids und damit das Gesicht der Aids-Krise sich wesentlich verändert. Das einstige „kollektive Trauma der schwulen“ – existiert es noch? Und wenn nicht – welche Folgen hat es? Versuche einer Annäherung. Heute Teil 1 – Trauma Aids – Dimensionen:

Trauma Aids – Dimensionen

Das Trauma Aids hat mehrere Facetten. Auf einige möchte ich etwas eingehen, teils auch persönlich eingefärbt.

Aids verwüstete unsere Jugend. Eben noch stolze und selbstbewusste junge schwule Männer, mussten wir uns ziemlich unvermittelt mit einer Welle an eine Welle an Stigmatisierung Homosexueller auseinander setzen: Homophobie, Gleichsetzung mit Krankheit, Sex- und Lustfeindlichkeit, Ablehnung und pauschale Kategorisierung als Risiko.

Und wir mussten lernen mit massivem Leid und Sterben, mit persönlichen und kollektiven Folgen zu leben.

Das große Sterben

Mein Vater erzählt manchmal, kaum noch einer seiner Schulkollegen, Skatbrüder, Freunde würde leben. Er habe ein gewisses Gefühl von Verlassenheit, Einsamkeit, Übriggebliebensein.
Mein Vater ist jüngst 86 Jahre alt geworden. In seinem Alter gehört diese Erfahrung, so schmerzhaft sie ihm ist, wohl mit zur ’normalen Lebenserfahrung‘. Auch das ist Teil des Altwerdens.

Viele schwule Männer, auch ich unter ihnen, machten diese Erfahrung durch Aids als junge Männer. Im Alter von Mitte 30 Jahren – nicht als Senioren in ihren 80ern. Eine zeitweise Allgegenwart des Todes, nicht irgendwo weit weg, sondern ganz nah. Kombiniert mit der Erfahrung völligen Ausgeliefertseins. Hilflosigkeit. Ohnmacht.

Seit über 20 Jahren lebe ich mit den Folgen. Frage ich mich, wer ist denn überhaupt noch da von meinen etwa gleichaltrigen Weggefährten, Freunden, Liebhabern? Blicke in die Adressteile meiner Kalender aus den 1980er oder 1990er Jahren unterlasse ich, zu groß wäre der Schrecken. Eine Leere, die niemand füllt. Eine Leere die bleibt, die mich seit Ende der 1980er Jahre durch mein Leben begleitet.

Einer meiner Bekannter hat dies in die Worte gefasst, „Ja, da sind noch Freunde und Weggefährten, über und unter mir (er meinte das auf ihr Alter bezogen). Aber – wer ist denn noch neben mir?

Dass man die Erfahrung des Leids, des Sterbens macht, gehört zum Leben. Dass man die Erfahrung des Sterbens von Geliebten macht, auch das gehört zum Leben. Und auch dass man diese Erfahrung im Einzelfall schon in jungen Jahren macht, gehört ab und an zum Leben.

Aber diese Erfahrung machten wir nicht einmal, sondern mehrfach, oft ungezählte Male. Wir machten sie ‚in den besten Jahren‘ mit Mitte 30 und nicht ‚am Ende des Lebens‘. Und diese Erfahrung machten wir zudem nicht (nur) als einzelne, sondern auch kollektiv. Als ganze Gruppe mit einander verbundener, sich auf einander beziehender Menschen. Und in einer an Dauer und Intensität die alles ‚Normale‘ um ein Vielfaches überstieg.

Für mich gibt es nur ein Wort, das annähernd beschriebt, was das bedeutet. Verwüstung.

Verloren gegangene Bewegungen

Über die persönliche Ebene hinaus hatten die frühen Jahre der Aids-Krise, die ‚decade of death‚, die Versuche sich den Herausforderungen der Aids-Krise zu stellen, Folgen auch für den weiteren Gang schwulenpolitischer Bemühungen.

Ein Großteil der 1970er-Jahre schwule Emanzipationsbewegungen, ihrer Ideen, ihrer Ideale, selbst ihrer Texte scheint (auch in Folge der Aids-Krise und der Wege ihrer Bewältigung) „untergegangen“ und vergessen. Verschwunden zugunsten einer auf ‚Gleichstellung‘ setzenden bürgerlichen Integrations-Politik, die bis heute schwulenpolitisches Denken und Handeln zu dominieren scheint.

Das eigene Schwulsein entdecken und erleben hieß einst für einige auch, Schwulsein als Chance zu erkennen anders sein, eigene Wege gehen, neue Wege finden zu können. Was einst breit und vielfältig war, scheint heute eng geführt, schmalspurig fokussiert auf Ehe und Steuerklasse. „Die Anpassung führt zur Anpassung, nicht zur Freiheit“, kommentierte Martin Dannecker jüngst die Entwicklung.

Ist die Verbürgerlichung der Schwulen und der Verlust emanzipatorischer Ansätze Teil des ‚Preises‘, den wir zu zahlen haben?

Schimmliges Brot

Aber noch einmal zurück zur persönlichen Ebene und einer weitere Facette des Traumas Aids: der Umgang schwuler Szenen mit Menschen mit HIV.

Ich bin mit und in der Schwulenszene (der spät-1970er und frühen 1980er) sozialisiert. Habe mein Schwulsein großenteils in Schwulenszene(n) ge- und erlebt, mich ausprobiert, Freunde Liebschaften Liebhaber gehabt. Habe Schwulengruppen mit gegründet (wie die Schwule Aktion Bremerhaven) oder geleitet (wie SchwuSel), war an der Gründung von Schwulenzentren (wie dem SchuLZ in Köln) mit beteiligt, habe den Volkszählungsboykott oder Antifa-Veranstaltungen organisiert.

Und in eben dieser Schwulenszene, in der ich mich ‚zuhause‘ fühle, in eben dieser Schwulenszene behandelten mich viele, sobald ich ich offen positiv bin, wie „schimmliges Brot“.

Auch und gerade in schwulen Szenen habe ich viel „schimmliges Brot“ erlebt. Insbesondere sobald es nicht mehr um dieses ‚abstrakte Aids‘ ging, das man glaubt mit roten Schleifen, warmen Worten und Spendengalas bekämpfen zu können. Sondern um das konkrete Aids, um den positiven oder aidskranken Kollegen, potentiellen Sexpartner, Hilfsbedürftigen.

Ja, es gab und gibt immer wieder auch Solidarität in der Szene. Besonders erinnert sei da an die leider in Vergessenheit geratenen Sozialwerke der lokalen (ebenfalls meist in Vergessenheit geratenen) Lederclubs, die in den ersten Jahren der Aids-Krise Großartiges leisteten.

Aber gerade im eigenen Nest zum ’schimmligen Brot‘ zu werden, ist für mich eine der bitteren Erfahrungen dieser Zeit.

Die ‚Veteranen-Frage‘

Zu den Facetten des Traumas Aids gehört meines Erachtens auch eine Frage, die schon hin führt zum Problem des Fortwirkens des Traumas. Die Frage, dass sich weite Teile schwuler Szenen und Lebenswelten jahrelang nur herzlich wenig für Aids und insbesondere für Lebenssituationen, Probleme und Schicksale HIV-Positiver interessierten und interessieren.

Michelangelo Signorile, bekannter US-amerikanischer Radio-Moderator und Aids-Aktivist, brachte diese Erfahrung der ‚Überlebenden der Aids-Krise‘ einmal auf die griffige Formulierung:

für Schwule über 40 sei es oft so als seien sie „aus einen Krieg zurück gekehrt, der für die meisten anderen weit weg und entfernt war, selbst als er stattfand“. Und anders als für Veteranen anderer Kriege gebe es für die Überlebenden des Aids-Krieges keinerlei Unterstützungsstrukturen.

Man muss die Kriegs-Metaphorik nicht mögen – das Gefühl des Alleingelassenseins mit den Folgen der Aids-Krise ist bei denen, die die ‚decade of death‘ überlebten, kein unbekanntes.

Haben wir ein ‚Veteranen-Problem‘? Und wie gehen wir damit um?

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Der zweiteilige Text Trauma Aids – Dimensionen und Trauma Aids – vorbei?  ist entstanden in Vorbereitung auf die Podiumsdiskussion ‚Lust auf Zukunft? Aidshilfe zwischen dem Trauma Aids und neuen Herausforderungen‚ auf dem Fachtag ‚Die Zukunft gehört uns‚ der Deutschen Aidshilfe am 31. Oktober 2014 in Lübeck.

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