Aids und die Schwulen 2: Trauma Aids vorbei?

Zuletzt aktualisiert am 29. April 2015 um 9:22

Martin Dannecker hat Aids (genauer: die psychischen Reaktionen darauf) 1990 als „das kollektive Trauma der Schwulen“ beschrieben. Inzwischen hat Aids und damit das Gesicht der Aids-Krise sich wesentlich verändert. Das einstige „kollektive Trauma der schwulen“ – existiert es noch? Und wenn nicht – welche Folgen hat es? Versuche einer Annäherung. Nach Teil 1 ‚Trauma Aids – Dimensionen‘ heute Teil 2 – Trauma Aids vorbei?

Mein Aids ist vorbei – auch das kollektive Trauma?

Was damals war ist nicht mehr.

Aids tritt heute als Krankheitsbild kaum noch auf, Aids ist heute ’nur noch‘ weiterhin eine politische Krise. Wenn auch gravierend anders und weniger dramatisch als ‚damals‘.

Im Vergleich des in den 1980er und 1990er Jahren Erlebten mit dem Heute bleibt als Resümee:

Mein Aids ist vorbei.

.

Auch kollektiv lässt sich feststellen: Aids bedeutet heute für ‚die Schwulen‘ etwas völlig anderes als ‚damals‘ in den 19890er / 1990er Jahren. Die traumatischen Erfahrungen von damals werden wohl so heute nicht mehr gemacht, erst recht nicht kollektiv.

Können wir also das ‚Ende des kollektiven Traumas der Schwulen‘ konstatieren?

Schon diese Frage stellen zu können ist toll. Es liegt eine riesige Chance für uns darin, und eine Befreiung von einer drückenden Last.

Und ja, Aids ist wohl heute kein kollektives Trauma mehr.

Aber.

Unter uns leben viele – wie auch ich selbst – , die diese Zeiten traumatisierender Erfahrungen selbst durchlebt haben (siehe ‚Veteranen-Frage‘ oben). Auf über 30.000 schätzt das RKI aktuell allein die Anzahl der HIV-Positiven über 50 Jahre in Deutschland.
Und auch heute machen leider viele Positive individuell im Kontext ihrer HIV-Infektion immer noch traumatisierende Erfahrungen.

Es mag also sein, dass Aids heute (und wohl schon seit einigen Jahren) nicht mehr als ‚kollektives Trauma‘ erlebt wird. Das ‚Ende des kollektiven Traumas‘ heißt aber eben nicht ‚das Ende des Traumas‘.

Damit heißt das ‚Ende des kollektiven Traumas‘ auch: wir müssen uns dieser Parallelität bewusst bleiben.

Einerseits die Chance auf Befreiung (auch von der impliziten Todesdrohung) nutzen, die im Ende des kollektiven Traumas liegt. Ein positives Bild finden, jenseits von Aids.
Und andererseits gewahr sein, dass unter uns viele Menschen leben, die im Kontext HIV und Aids aus den verschiedensten Gründen traumatisierende Erfahrungen gemacht haben und auch heute noch machen.

Aus dieser Parallelität erwächst Verantwortung, beiderseitige Verantwortung.

Die Verantwortung, einerseits, angesichts aller Freude und allen möglichen Aufbruchs über das Ende des kollektiven Traumas Menschen mit traumatisierenden Erfahrungen nicht zu vergessen. Und zu prüfen, welche Angebote sie brauchen.

Die Verantwortung, andererseits (und diese ist mir wichtiger), besonders der in den 1950er bis 1970er Jahrgängen Geborenen, einer auch radikalen Neu-Betrachtung der – ehemaligen? – Aids-Krise heute nicht im Weg zu stehen. Chancen angesichts des Endes des kollektiven Traumas nicht zu verbauen, sondern sie wo gewünscht zu unterstützen. [Und ansonsten vielleicht auch mal den Mund zu halten 😉 ]

Kann das alles weg?

Die gemeinsame Verantwortung reicht weiter. So schmerzhaft viele der Erfahrungen waren und womöglich heute noch sind, die schwule Männer in Zeiten der Aids-Krise machten – welche Bedeutung, welchen Wert haben diese Erfahrungen heute?

„Kann das alles weg? Oder ist das noch zu irgend etwas gut?“

Die in Zeiten des Traumas gemachten Erfahrungen – sind sie heute wertlos geworden? Oder können wir sie uns auch heute noch nutzbar machen? In den Niederlanden z.B. kommen (ehemalige) Aids-Aktivisten gezielt mit z.B. Patientenbewegung aus dem Krebs-Bereich in Dialog. Was unternehmen wir?

Heißt das ‚Ende des kollektiven Traumas‘ vielleicht auch ‚das Ende des Kollektiven‘? Oder ist es Zufall, dass mit abnehmenden kollektiven traumatischen Erfahrungen zeitlich einher auch ein schrittweiser Bedeutungsverlust von und sinkendes Interesse an Selbsthilfe, sowie ein Abnehmen an (kollektiver) ‚positiver Identität‘ zu beobachten war und ist?
Wie reagiert Selbsthilfe darauf?

Und was macht Aidshilfe?

Fast als würde das einstige Aufgabengebiet Aids nicht mehr reichen, hat sich Aidshilfe in den vergangenen Jahren bereits weitere Aufgabenfelder gesucht, befasst sich mit STIs und Hepatitiden, eine Aidshilfe hat sich gar schon vor einigen Jahren ganz umbenannt, macht jetzt in sexuelle Gesundheit.

Wollen wir das? Sucht Aidshilfe sich eine neue Zukunft ohne Aids? Oder sagt Aidshilfe: Aus diesem Grund wurden wir gegründet. Wir müssen noch diese und jene Punkte erreichen. Dann lösen wir mit Freude uns auf.

.

Aids wurde einst zum kollektiven Trauma einer ganzen Generation schwuler Männer.
Die Situation von HIV und Aids, von Leben mit HIV hat sich drastisch verändert.
Heute wird HIV nicht mehr als kollektives Trauma erlebt, möglicherweise aber noch individuell.
Die Zeit von Aids als kollektivem Trauma der Schwulen ist vorbei.
Viele Menschen die die damalige kollektive Traumatisierung erlebten, leben auch heute noch – schon damit wirkt dieses Trauma fort.
Es entsteht eine Parallelität verschiedener Intensitäten an Traumatisierung.
Um die Chancen, die Befreiung zu realisieren, die das Ende des kollektiven Traumas bietet, ist ein Bewusstsein für diese Parallelität erforderlich – und generationenübergreifender Dialog.

.

Der zweiteilige Text Trauma Aids – Dimensionen und Trauma Aids – vorbei?  ist entstanden in Vorbereitung auf die Podiumsdiskussion ‚Lust auf zukunft? Aidshilfe zwischen dem Trauma Aids und neuen Herausforderungen‘ auf dem Fachtag ‚Die Zukunft gehört uns‘ der Deutschen Aidshilfe am 31. Oktober 2014 in Lübeck.

.

4 Antworten auf „Aids und die Schwulen 2: Trauma Aids vorbei?“

  1. Die Veteranen Frage 2. Teil ist die Frage derer die mit HIV – AIDS alt geworden sind und auf einmal feststellen das sie das Alter wie viele Menschen der Gesellschaft am Wickel hat. Zu Ihrem „älter geworden sein als schwuler Mann oder Frau“ gesellt sich der Aspekt der Hilfe im Alltag durch Andere – in dem Fall Menschen „Pflegeteams“ die in einem ‚Pflegeheim arbeiten – wenn sie nicht verehelich, noch verpartnert oder in einem engmaschigem Netzwerk von Freunden, Familie oder der Community eingebunden sind.

    Diese Menschen die sich der LGBTIQ zugehörig fühlen existieren nicht, dieser Aspekt findet nicht statt.

    Vielleicht ist man auch nur Teil der LGBTIQ Community solange man jung, dynamisch und als SixPack mäßig ausgestatteter Lust und Party PreP und Drogenuser existiert. Möglicherweise scheint es auch so zu sein das die Menschen der LGBTIQ Community gut verdienen.

    Das es Einzelne gibt die im Alter in Pflegeheimen leben und mit den Teams als Einzelne gut klarkommen stelle ich nicht in Abrede. Doch bei 6,7 Mio oder 7,4 % der Bevölkerung die der LGBTI Community angehören wage ich dies im „Verhältnis zum Alter“ zu bezweifeln.

    Alter findet unter Schwulen und Menschen mit HIV im Kontext zum älter werden in einem Pflegeheim nicht statt. Weder thematisch innerhalb der Community geschweige denn Fort undAusbildungsthematisch innerhalb der Pflegeteams bzw examinierten PflegerInnen. Hier herrscht das Jahr 1985. Vor ca 4 Wochen wurde ich im Rahmen einer „Fortbildung eines Pflegers der sich zu einem Krankenpfleger in einem Krankenhaus ausbilden ließ“ interviewt: Wann haben Sie was von iihren HIV also AIDS gemerkt?
    Er kannte noch nicht einmal den Unterschied zwischen zwischen HIV und AIDS. Seine Fragen auf seiner Liste die er abspulte war „1985“.

    „Die Diskriminierung endet nicht mit dem Alter“
    Schwules Leben/Menschen mit HIV finden in Pflegeheimen nicht statt.

    Seniorenzeitung von 2014 Seite 28
    http://senioren-zeitschrift-frankfurt.de/wp-content/uploads/2016/10/1_2014.pdf

    Leben im Pflegeheim – LGBTIQ Community und Menschen mit HIV
    https://alivenkickn.wordpress.com/2017/10/26/leben-im-pflegeheim-lgbtiq-community-und-menschen-mit-hiv/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.