Ist PrEP die neue sexuelle Revolution ?

Zuletzt aktualisiert am 2. März 2016 um 1:18

PrEP, die Prä-Expositionsprophylaxe, Aids-Medikamente zum Schutz vor einer Infektion mit HIV, kann eine wirksame Schutzstrategie sein. Aber – ist PrEP die neue sexuelle Revolution für Schwule der ‚post-Aids-Ära‘, wie gelegentlich postuliert wird?

Gelegentlich wird die PrEP bereits als Auftakt einer „neuen (schwulen, post-Aids-) sexuellen Revolution“ gefeiert (auch wenn noch viele Fragen in Sachen PrEP offen sind). Endlich das – gerade auch sexuelle – Trauma Aids überwinden, hinter uns lassen. PrEP sozusagen in der Tradition der ‚Pille‘ der 1960er Jahre.

Aber – ist PrEP das? Ermöglicht PrEP die ersehnte ’neue Sorglosigkeit‘ (Sorglosigkeit hier immer positiv bewertet, im Sinne ‚ohne Sorge‘)?

a tergo - Plastik, Bronze, Pompeji, 1. Jhdt. v.Chr. (Archäologisches Museum von Neapel, Geheimes Kabinett)
a tergo – Plastik, Bronze, Pompeji, 1. Jhdt. v.Chr. (Archäologisches Museum von Neapel, Geheimes Kabinett)

Die Pille hatte genau eine Aufgabe: die Befruchtung der Eizelle zu verhindern. Dies leistete und leistet sie gut und zuverlässig. Und ermöglichte so Heterosexuellen einen neuen Umgang mit Sexualität, wurde zum Symbol der sexuellen Revolution.

PrEP hat ebenfalls genau eine Aufgabe: eine Infektion mit HIV zu verhindern. Und auch PrEP scheint, darauf deuten neue Daten hin, diese Aufgabe für bestimmte Gruppen gut zu erledigen. Problem dabei, wenn wir auf die Möglichkeit einer sexuellen Revolution schauen: neben HIV gibt es noch andere potentielle ‚Störenfriede der Sorglosigkeit‘, von Tripper über Syphilis bis Hepatitis B und C. Einige davon mag man/frau als ‚hinnehmbar‘ ansehen. Für eine Hepatitis-C-Infektion z.B. wird das jedoch vermutlich kaum gelten.
Gegen all diese sexuell übertragbaren Erkrankungen schützt die PrEP nicht. So ermöglicht PrEP vielleicht – und nur vielleicht – die individuellen Ängste vor Aids über Bord zu werfen. Aber Syphilis, Hepatitis C & co? Da ist PrEP machtlos. (So zeigen erste Auswertungen bereits sexuell übertragene Hepatitis C Infektionen unter PrEP-Nutzern in den USA (1)).

PrEP als Pille der neuen schwulen Sorglosigkeit? Als Startschuss zur neuen schwulen sexuellen Revolution? Ist PrEP die neue sexuelle Revolution ? Ich bin skeptisch. Und nicht nur aus dem Grund der weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten.

Mir scheint diese Betrachtungsweise arg biomedizinisch, arg mechanistisch. Sorglosigkeit basiert meines Erachtens nur wenig auf einer oder mehreren Pillen. Sorglosigkeit gründet eher in einer Haltung – ich gestehe mir in dieser konkreten Situation bewusst zu, sorglos sein zu können, Sex zu genießen, den Kopf abzuschalten, mich fallen zu lassen. Ich gestatte mir selbst, sorglos zu sein. Sorglosigkeit (sans souci, hier konkret: ohne Angst, z.B. vor Infektionen) wird wird durch Pillen vielleicht erleichtert. Aber Pillen sind keine hinreichende Bedingung für die Fähigkeit zur Sorglosigkeit. Sorglosigkeit ist eine Haltung, die ich zu mir (und zu meinen Partner/n) habe. Pillen wie die PrEP allein reichen da meines Erachtens nicht für eine neue schwule sexuelle Revolution.

PrEP mag also eine Entlastung bringen, für den einen mehr, für den anderen weniger. Mag helfen die individuelle Angst vor Aids (bzw. einer Infektion mit HIV in einer konkreten Situation) zu senken. Aber – reicht das für eine neue schwule sexuelle Revolution? Ist PrEP die neue sexuelle Revolution ? Sorglosigkeit als Basis einer sexuellen Revolution ist meines Erachtens weniger eine Sache von Pillen – sondern eher die einer Haltung, einer Haltung zu mir selbst wie auch zu meinen Partnern.

PrEP allein macht noch keine sexuelle Revolution, so sehr wir sie uns auch wünschen mögen. PrEP ist eben keine ‚Pille für die neue Sorglosigkeit‘. Dazu braucht es mehr.

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Das formulierte strategische Ziel ist nicht, sexuelle HIV-Übertragungen zu reduzieren, sondern Menschen zu ermöglichen, den besten Sex mit dem geringsten Schaden für sich und andere zu haben.
Ford Hickson, britischer Präventionsforscher, 2010
zitiert nach Rolf Rosenbrock: Neue Herausforderungen für die soziale und medizinische Prävention. In: Bundesgesundheitsblatt 2012, 55, S. 541

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siehe auch
Ulrich Würdemann / 2mecs 26.02.2015: PrEP – viele Fragen offen, wir müssen reden …
Ulrich Würdemann / 2mecs 16.06.2014: Pillen und die Angst vor HIV – PrEP und Stigma

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(1) Eine Auswertung der ‚Kaiser Permanente‘ in San Francisco, der wohl z.Z. größte US-Gruppe von PrEP-Nutzern, ergab unter 485 Schwulen, die zwischen Februar 2011 und Dezember 2014 eine PrEP begannen, zwei neue Infektionen mit Hepatitis C – sexuelle HCV-Übertragungen bei HIV-negativen Schwulen unter PrEP, die keinen iv-Drogenkonsum aufwiesen, keine Tätowierungen hatten, keine beruflichen Expositionsrisiken.
Bemerkenswert: 45% der PrEP-Nutzer einer weiteren Auswertung von 90 PrEP-Anwedern der Kaiser Permanente gaben an, seit Anwendung der PrEP weniger Kondome zu benutzen. Ein weiterer Hinweis darauf, dass PrEP eben doch potentiell die Kondom-Benutzung kannibalisiert? Zumindest könnte sich die Vorstellung der DAH, „die PrEP soll dabei Kondome und andere Präventionsmethoden keinesfalls ersetzen“ (Pressemitteilung DAH vom25.2.2015), als frommer Wunsch erweisen …

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Foto: Objekt im ‚Geheimen Kabinett‘ in Neapel

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