Pillen und die Angst vor HIV – PrEP und Stigma

Zuletzt aktualisiert am 29. Januar 2018 um 14:30

PrEP – Pillen, die vor einer Infektion mit HIV schützen sollen. Viel ist darüber diskutiert worden, was für und gegen diese Strategie spricht. Ein Argument ist meines Erachtens bisher wenig bedacht worden: die potentiellen Wechselwirkungen zwischen PrEP und Stigma .

english summary at end of text

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Pillen und die Angst vor HIV – Gedanken zur PrEP – Debatte

Pillen, die vorbeugend vor einer Infektion mit HIV schützen – was lange wie ein schöner Traum klang, scheint längst Wirklichkeit zu werden. In den USA ist eine ‚Pille zum Schutz vor HIV‘ bereits (unter bestimmten Bedingungen) zugelassen, und auch in Europa beginnt zunehmend die Diskussion darüber, ob die so genannte PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe, Schutz vor einem möglichen Kontakt mit einem Erreger) eine sinnvolle Möglichkeit sein könnte.

Pillen zum Schutz vor einer HIV-Infektion – wenn das schon möglich ist, funktioniert, dann kann man diese Möglichkeit doch niemandem vorenthalten, oder? Also muss ich doch eigentlich auch die für die Einführung der PrEP sein, auch bei uns, oder?

Ja, muss ich?
Sollte ich?
Tatsächlich?

Mir ist bewusst, in einigen Staaten Europas ist die infektiologische Situation, was HIV betrifft, eine andere ist als die in Deutschland. Schon bei unseren französischen Nachbarn ist die Lage anders:
Derzeit werden in Frankreich jährlich 6.200 Infektionen mit HIV neu diagnostiziert (bei 65,82 Millionen Einwohnern eine Rate von 94,2 Neudiagnosen pro einer Mio. Einwohner/innen), während die Rate in Deutschland bei 37,14 liegt (ca. 3.000 HIV-Neudiagnosen, 80,78 Mio. Einwohner).
Klingt zunächst danach, als gäbe es in einigen Staaten eventuell mehr Gründe, über weitere Wege der Prävention, eben auch über PrEP nachzudenken.

Aber es gibt ja auch einige bereits oft geäußerte Argumente genereller Art in der Debatte um die PrEP.

  • Die ethische Dimension: wie vertretbar ist es zum Beispiel, in ‚reichen‘ Staaten Pillen zur Prävention zu nehmen – wenn in vielen Staaten der Welt noch nicht einmal alle HIV-Positiven und Aids-Kranken Zugang zu eben den gleichen Pillen haben?
  • Oder die gesundheitspolitische Dimension: wer soll das alles zahlen? Die Krankenkassen? Oder jeder selbst – Pillen zum Schutz nur für Wohlhabende?
  • Und wie steht es mit den Folgen einer Biomedikalisierung der Prävention?
  • Und die gesundheitsökonomische Dimension: Was kostet es eigentlich, breit für große Bevölkerungskreise täglich, jahre-, vielleicht lebenslang Medikamente zu bezahlen – im Vergleich dazu, die vergleichsweise wenigen Menschen mit Neu-Infektionen pro Jahr zu behandeln?

All diese generellen Bedenken sind nicht neu, und schon zahlreiche Gedanken sind zu ihnen publiziert.

Ein Argument jedoch, so scheint mir, ist in der Debatte bisher wenig beleuchtet, und genau ein Argument, bei dem wir als HIV-Positive besonders hellhörig werden sollten – und uns ganz genau fragen sollten, ob und wie wir PrEP unterstützen oder vielleicht noch einmal genauer nachdenken sollten: ein möglicher Zusammenhang zwsichen Prep und Stigma :

PrEP und die Krux mit dem Stigma

PrEP, das bedeutet Pillen zum Schutz vor einer HIV-Infektion, eingenommen vorbeugend kontinuierlich, oder (wie in Frankreich in einer großen Studie experimentell untersucht) nur jeweils vor und in Zeiten möglicherweise mit einem Infektionsrisiko verbundener Situationen.

Moment, da gibt es doch schon Kondome, und einige weitere Wege, das Risiko einer Infektion mit HIV deutlich zu reduzieren. Also, da es ja schon einige Mittel zum Schutz gibt (wie safer Sex, safer Use, ggf. auch PEP – die ‚Pille danach‘, falls doch ein konkretes Infektionsrisiko bestand), stellt sich die Frage:

1. Brauchen wir, um das Risiko einer HIV-Infektion zu reduzieren, heute tatsächlich neue Wege?

Braucht es neben dem, was bisher schon zum Schutz möglich ist, noch eine weitere, zudem nicht eben unbedenkliche ‚Alternative‘ (in Form von womöglich lebenslanger Einnahme chemotherapeutischer Medikamente, ohne überhaupt krank zu sein)?

Doch die Frage könnte noch tiefer gehen. Denn hinter der PrEP steht ja die deklamierte Notwendigkeit, sich schützen zu müssen. Fragen wir also:

2. Muss man / frau sich überhaupt und ’noch mehr‘ vor einer Infektion mit HIV schützen?

Ja klar doch, mag manche/r denken. Aber – schauen wir einmal genauer hin.

Denn – ist die HIV-Infektion heute noch „die große Katastrophe“?

Diejenigen von uns, die die 1980er und 1990er Jahre erlebt haben, die „decade of death“, die Zeiten der Perspektiv- und Hoffnunglosigkeit, die wissen – eine HIV-Infektion ist heute anders, sehr anders als „damals“.

Nach Jahren des großen Sterbens und keiner Medikamente, später nach Jahren erst wenig wirksamer, dann sehr effizienter aber nebenwirklungsreicher Medikamente haben wir längst eine Zeit hochwirksamer Therapien gegen HIV. Hinzu kommt: Menschen mit einer erfolgreichen Therapie ihrer HIV-Infektion sind heute sexuell nicht mehr infektiös.

Dies heißt damit auch: eine HIV-Infektion ist heute eben nicht mehr – „die große Katastrophe“.

Genau dies aber steht letztlich hinter dem der PrEP zugrunde gelegten Gedanken: sich schützen zu müssen, weil eine Infektion mit HIV eine der schlimmsten Dinge sei, die einem im Leben überhaupt passieren könnten, eines der größt vorstellbaren Risiken überhaupt. Fragt sich also:

3. Ist eine Infektion mit HIV wirklich „der worst case“?

Klare Antwort, siehe oben: nein. Längst nicht mehr.

Eine HIV-Infektion ist heute eine chronische Infektionskrankheit, die mit gut verträglichen Medikamenten erfolgreich behandelt werden kann. Menschen, die sich heute mit HIV infizieren, haben die gleich hohe Lebenserwartung wie Menschen, die nicht mit HIV infiziert sind.

Eine HIV-Infektion ist längst nicht mehr der ‚größte anzunehmende Unfall‘.

Oder steckt hinter dem Gedanken, eine HIV-Infektion sei „das schlimmste, was einem Menschen geschehen kann“, vielleicht eher etwas ganz anderes?

Wird damit nicht – im ‚Nebenbei‘ eines sicherlich einträglichen Geschäfts des Verkaufs von Medikamenten an Gesunde – eher ein zentrales Bild aus Zeiten des ‚alten Aids‘ weiter transportiert?

4. Transportiert das hinter dem deklamierten Schutz-Bedürfnis stehende Bild nicht, es sei weiter notwendig, Angst vor Aids zu haben?

Wenn ich Pillen nehmen soll, gar ohne überhaupt krank zu sein, benötige ich eine Motivationsstruktur. Hier eben die: eine Infektion mit HIV ist das schlimmste, was die im Leben passieren kann. Hab besser Angst davor, und tue alles denkbare, damit das nicht stattfindet!

Ist die hinter der PrEP steckende These, man/frau müsse alles tun (und damit eben auch: als Gesunde/r Pillen nehmen), um sich vor einer Infektion mit HIV zu schützen, nicht letztlich die Aufrechterhaltung, wenn nicht gar das erneut in die Welt Schreien der längst veralteten, überholten These: Habe Angst vor Aids, und schütze dich um Himmels Willen mit allem was geht vor HIV?

PrEP als – bewusst oder nicht bewusst, unterschwellig oder nicht – wirksames Vehikel, das alte Angst-Szenario aufrecht zu erhalten?

Der alte Dämon Aids verliert endlich seinen Schrecken – und da füttern wir ihn erneut?

Angst vor Aids – das hieß in den vergangenen Jahrzehnten der Aids-Krise, und heißt immer noch, wenn auch unterschwelliger, schnell auch: Angst vor Menschen mit Aids, Angst vor HIV-Positiven.

Angst vor Aids ist einer der Motoren von Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen mit HIV.

Was die Frage aufwirft: bestärkt dieses – hinter PrEP steckende – Bild „HIV ist das Schlimmste, was dir passieren kann, schütz dich bloß!“ damit nicht letztlich eher das, was im Kern des HIV-Stigma-Mechanismus steckt?
Und ist somit Baustein einer Struktur, die letztlich Teil des Instrumentariums unserer eigenen Stigmatisierung ist?

Heißt eine der Kern-Fragen damit vielleicht

Prep und Stigma :

Werden wir mit einer Tradierung des Angst-Szenarios hinter der PrEP also nicht letztlich zu Komplizen unserer eigenen Stigmatisierung ?

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Deswegen als These, zur Diskussion gestellt, der Versuch einer gelasseneren Position:

Wir haben in Deutschland und Europa einen Kanon an Mitteln der HIV-Prävention, die sich als wirkungsvoll und kosteneffizient erwiesen haben. Und wir haben vergleichsweise moderate bis niedrige Zahlen an Neuinfektionen mit HIV.

Wenn doch eine HIV-Infektion stattfindet: Wer sich heute mit HIV infiziert, hat eine ’normale‘ Lebenserwartung. Es gibt sehr gut wirksame, recht nebenwirkungsarme und zudem mit der zunehmenden Verfügbarkeit generischer Versionen auch kostengünstigere Medikamente.

HIV ist heute kein Drama mehr.
Und damit auch: vor HIV muss man / frau keine Angst im Sinne der ‚größten Katastrophe‘ mehr haben.

Ein gelassener(er) Umgang mit HIV wäre also angebracht …

Dem Angst-Szenario, einem der Motoren des Stigmas, könnte heute der Boden entzogen werden (statt ihn neu zu verstärken).

Brauchen wir da zusätzlich zu den bestehenden und gut wirksamen Präventions-Mitteln tatsächlich auch Pillen zum Schutz vor HIV? Brauchen wir hier wirklich PrEP?

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Die aktuelle Diskussion um die PreP offenbart das Stigma von HIV und das tiefe Misstrauen gegen Menschen mit HIV.
Carsten Schatz, Vorstandsmitglied DAH Deutsche Aids-Hilfe

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Pills, PrEP and fear

In stating that we need PrEP (do we? really?) we treat HIV infection as if it were – like in the 80s, 90s – one of the biggest evils possible, to be avoided under any circumstances.
Iis that the case?
In 2014?
Or do we reinforced the mechanism that lies behind hiv stigma – fear of aids?

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lesenswert auch
visual aids / Ted Kerr 08.07.2014: Central to PrEP conversations should be its impact on people living with HIV
Udo Schuklenk 14.07.2014: Grinding my gears – Truvada marketing
Warning 15.07.2014:
Prévention du sida : La recommandation de l’OMS sur la prep met en lumière ordre moral et conflits d’intérêts dans le monde médical français
Didier Lestrade in Slate, 17.07.2014: PreP: il existe un moyen de stopper l’épidémie de sida, et ce n’est pas une bonne nouvelle pour les gays
POZ 22.07.2014: 100% Efficacy for Gays Who Adhered in PrEP Study; Most Didn’t
FAZ 28.07.2014: Peter-Philipp Schmitt: Aids-Medikamente zur Prävention Pillen für Gesunde

2mecs 15.10.2014: Kannibalisiert PrEP Kondome ?

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Nachtrag:
Derr Text wurde am 18. September 2014 zweitveröffentlicht im Magazin der Deutschen Aids-Hilfe: Pillen und die Angst vor HIV – Gedanken zur PrEP-Debatte

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28 Antworten auf „Pillen und die Angst vor HIV – PrEP und Stigma“

  1. Ich finde eher die Frage interessant, ob man sich der Pharmalobby an den Rockzipfel hängt und ihnen für das Gefühl ohne Gummi zu poppen Riesengewinne sichert. Hauptsache es kommt keiner mit Moral. Wer will, der soll bitte. Bevormundung wäre hier sicher schlecht, also muss das jeder mit sich selbst ausmachen. Ich finde eine Diskussion ist total überflüssig. Ich finde es auch nicht gut, es mit der ewigen Diskussion ob reich und arm zu verknüpfen. Richtig arme Leute können sich nicht mal Kondome leisten und die Frage nach der Verteilung des Geldes hängt nicht kausal mit dem Thema zusammen, insofern sollte man die Frage gesondert betrachten, denn sie hat ja Auswirkungen auf jeden Lebensbereich.

    1. ja, die Frage ob Positive und Aktivisten eine so offensichtlich Pharmaindustrie-nahe Forderung vertreten können, schient mir eine berechtigte.

      Die Frage ‚arm / reich‘ allerdings finde ich alles andere als überflüssig. Was nutzt ein Mittel der Prävention, das (hier in Deutschland) finanziell gut gestellte Menschen sich leisten können – und finanziell schlechter gestellte eben nicht?
      Kann ein Aktivist dafür eintreten – PrEP für die die genug Geld dafür haben? (denn dass in D die Kassen dafür zahlen, scheint mir recht illusorisch …)

  2. Ich kann ja bei uns weit und breit niemanden sehen, der die PrEp als massentaugliche Präventionsmethode empfiehlt. Es sollte aber eine Option sein für diejenigen, die sonst wenig Schutzoptionen haben, am besten als intermittierende Prophylaxe. Besser als eine dauerhafte Therapie nach Infektion. Die Stigmatisierung dieser Leute halte ich auch für schwierig.

    1. Dirk,
      nun die Frage (die sich mir stelle, angesichts seit einiger Zeit verstärkter Diskussionen): wie halten wir (als Aktivsten, als Selbsthilfe, als Aidshilfe) es mit PrEP, welche Position haben wir?
      Denn Studien laufen, auch in Europa (sieh nur IPreX) …

      „Besser als eine dauerhafte Therapie nach Infektion“ … Bist du da sicher? Ich würde, fragte mich ein 18jähriger junger Mann, „soll ich das vorbeugend mein (sexuell aktives) Leben lang (und sei es nur ’situationsbezogen‘) nehmen“, sehr ins Nachdenken kommen …

  3. „Pillen, die vorbeugend vor einer Infektion mit HIV schützen . . . “

    Das negativ konnotierte Wort das bei Einigen ? Nicht Wenigen? Vielen? immer noch ein Scenario an Ängsten und auch Stigma auslöst ist nach wie vor „HIV“:

    Niemand würde auch nur im Entferntesten auf die Idee kommen das gleiche Scenario mit der alljährlichen GrippeSchutzimpfung „Grippe Prep“ gleichzusetzen. Warum also funktioniert das das mit einer Prep im Kontext zu HIV nicht?

    Ja, etwas mehr Gelassenheit auf der Basis von internalisertem Wissen über – zu dem Thema und Schutz von bzw vor HIV würde Allen gut tun.

    Ich stelle mir gerade mal so vor wie es wäre wenn man bei einer Verabredung mit einem Escort im Vorfeld sagen würde: „Du ich bin HIV +, frei von Std´s und seit Jahren unter der Nachweisgrenze; zudem gibt neben der Benutzung eines Kondomes was ja sowieso Standard ist für Dich die Möglichkeit einer HIV Prep.

    Wieviel Wahrheit – Ehrlichkeit soll – darf – muß aus ethischen? moralischen Gründen? sein?

    1. alivenkickin: verlockende Frage, die mit der ‚Grippe-Prep‘. Aber lässt sich eine einmalige Spritze, die dann eine Saison lang aschützt, mit einer lebenslangen (kontinuierlichen oder fallweise häufigen) Einnahme von Aids-Medikamenten vergleichen – ohne krank zu sein?
      Pillen für Gesunde?

      Ich könnte mit eine Position größerer Gelassenheit vorstellen – und Pillen kan man/frau dann immer noch nehmen, falls doch einmal eine HIV-Infektion stattgefunden haben sollte …

  4. Lieber Ulli,

    ich sehe nicht wirklich einen Zusammenhang zwischen PrEP und HIV-Stigma.

    PrEP ist eine sehr effiziente Präventionsmethode. Kondome sind eine andere. Ich benutze Kondome ja nicht, weil ich finde, das HIV das Schlimmste ist, was mir passieren kann, sondern, wenn ich mich frage: „Möchte ich HIV lieber haben oder nicht haben?“, dann entscheide ich mich für: nicht haben – genauso wie ich Hepatitis, HPV oder Diabetes lieber nicht habe. Ich finde, das hat nichts mit Stigma zu tun. (Müssten wir dann nicht auch die Kondom-basierte Prävention beenden, weil wir sagen: HIV ist nicht mehr das Schlimmste, was einem passieren kann, und Kondom-Promotion fördert nur das HIV-Stigma?)

    Also versuche ich, mich dagegen zu schützen, mit den mit zur Verfügung stehenden und für mich geeigneten Mitteln: Ich lasse mich gegen Hepatitis A und B impfen – zahlt für mich als schwuler Mann die Krankenkasse –; die HPV-Impfung wird mir nicht bezahlt und ist sehr teuer (und in meinem Alter wahrscheinlich eh zu spät); ich versuche mich gesund zu ernähren (naja). Und zum Schutz vor HIV benutze ich Kondome, denn eine andere – sichere, und in meinem „Kontrollbereich“ liegende – Präventionsmethode steht mir (als HIV-Negativer) in Deutschland nicht zur Verfügung. (Schutz durch Therapie ist klasse und funktioniert – aber für mich als Negativer liegt es, zumindest außerhalb einer Beziehung, außerhalb meines „Kontrollbereiches“ – und das ist für mich schon ganz wichtig, das Gefühl zu haben, ich nehme meinen Schutz selbst in die Hand („Empowerment“). Und das ist ja auch unsere Präventionsbotschaft: Schütz dich selbst!)

    Nun habe ich das Glück, dass ich mit Kondomen gut klar komme. Aber ich kenne viele schwule, HIV-negative Männer, die nicht jedes Mal Kondome benutzen, weil Kondome eben nicht das für sie geeignete Präventionsmittel sind. Diese Männer haben wir einfach Jahrzehnte lang mit unserer Präventionsbotschaft „Kondome schützen“ komplett ignoriert, bzw. hatten schlicht und einfach nichts für sie anzubieten. (Ich finde, Harm-Reduction-Strategien wie „Seropositioning“ oder „Serosorting unter Negativen“ sind ein nicht ganz so adequater Ersatz für Kondome oder PrEP. Für diese Männer gibt es nun eine bewiesener Weise hocheffiziente, neue Präventionsoption – sie wird ihnen aber in Deutschland vorenthalten!

    Zurück zu Stigma: Genauso, wie wir HIV nicht mehr als „Monster“ darstellen wollen, wünsche ich mir, dass wir auch PrEP nicht als ein „Monster“ darstellen. Soooo schlimm ist HIV nicht mehr, und sooo schlimm ist auch PrEP nicht!

    Die Nebenwirkungen von Truvada-Monotherapie als PrEP sind nicht so dramatisch, wie viele immer denken. Selbst die möglichen langfristigen Nebenwirkungen wie Beeinträchtigung der Nierenfunktion oder Verringerung der Knochendichte sind reversibel, wenn man die Einnahme von Truvada beendet. Als Mensch, der PrEP nimmt, hat man diese Option, die Einnahme zu beenden!

    Es gibt viele andere Bereiche, wo es völlig normal und akzeptiert ist, dass ansonsten gesunde Mneschen ein Medikament nehmen, um etwas zu verhindern, z.B. Malaria-Prophylaxe oder die Anti-Baby-Pille. Warum sollte es also verwerflich sein, HIV-PrEP zu nehmen?

    Auch ist PrEP nicht als lebenslange Maßnahme wie ART gedacht, sondern mal eine Zeit lang: in den „wilden Jahren“; oder in Zeiten, wo man vielleicht nicht so das Selbstbewusstsein oder die Fähigkeiten hat, auf andere Präventionsmethoden wie Kondome zu bestehen; oder weil man in einer serodiskordanten Partnerschaft lebt, und der HIV-positive Partner nicht unter der Nachweisgrenze ist.

    Ich finde ja, das aller Beste an PrEP ist, dass man alle drei Monate dafür zum Arzt muss und dort auf HIV und andere STIs getestet wird und zusätzlich Präventionsberatung bekommt! In der iPrex-Studie zum Beispiel – sicher nicht 1:1 mit der realen Welt vergleichbar – ist die Kondomnutzung der Teilnehmer sogar im Laufe der Zeit gestiegen.

    Ich denke ja oft: Wenn alle HIV-Negativen so gut über HIV und Übertragungswege und Schutzmöglichkeiten aufgeklärt wären, wie HIV-Positive – die diese Aufklärung bei ihren regelmäßigen Arztbesuchen bekommen –, dann wäre auch schon ein großes Stück Präventionsarbeit geschafft! Mit PrEP würden also genau die Menschen regelmäßig zum Arzt gehen, die große Vorteile davon hätten. So würden STIs viel früher erkannt werden als bei Menschen, die keine PrEP nehmen, und eventuell auch andere Krankheiten (z.B. ein Prostatakrebs) ggf. viel früher erkannt werden. Regelmäßig zum Arzt gehen ist einfach gut für die Gesundheit!

    Was die Kosten betrifft: Wieviel ist ein HIV-negativer Status wert? Wer entscheidet, wer welche Präventionsoption nehmen darf und wer nicht? PrEP muss von den Krankenkassen bezahlt werden! In unserer Solidargemeinschaft sind wir ja auch bereit, für andere private Risiken anderer Menschen zu bezahlen.

    Und PrEP ist natürlich nicht für die breite Masse, nicht für alle schwulen Männer gedacht, sondern für einige wenige, für die dies die beste Option ist. Wir müssen einfach akzeptieren, dass Kondome nicht für jeden die richtige Präventionsmethode sind. Ist es ethisch vertretbar, Menschen, die keine Kondome benutzen, eine ebenso gut – wenn nicht besser – wirkende Alternative vorzuenthalten?

    Die Zeiten ändern sich: Leben mit HIV ist anders geworden, und auch die HIV-Prävention ist anders geworden. Wir haben heutzutage einfach mehr Möglichkeiten – der Forschung sei Dank! Neben Kondomen (toll für alle, die damit klar kommen) haben wir jetzt auch Schutz durch Therapie (toll für HIV-Positive) und PrEP (toll für einige HIV-Negative).

    „Empowerment“ war und ist ja ein großer und wichtiger Aspekt für Menschen, die mit HIV leben. Ich kenne inzwischen einige Menschen (in den USA), die PrEP nehmen, und der Tenor dort ist ebenfalls: „Empowerment“! Sie fühlen sich endlich in der Lage, sich verantwortungsvoll verhalten zu können und etwas für ihre sexuelle Gesundheit tun zu können.

    Ich hoffe, es wir einen Pro-PrEP-Aktivismus in Deutschland geben – im Idealfall von HIV-Negativen und -Positiven gemeinsam!

    Solidarische Grüße,
    Nick 😉

    1. Nicholas,

      es geht nicht darum, ‚PrEP als Monster‘ darzustellen. Sondern darum, was brauchen wir – und wofür setze ich mich als Aktivist ein.

      Für ersteres habe ich (brauchen wir PrEP?) habe ich noch nicht so starke Argumente gehört, dass ich überzeugt wäre. Etwas überspitzt: Warum Pillen nehmen – um sich vor etwaigen Pillen zu schützen?

      Und zu zweiterem:
      Vielleicht hilft es, zwei Dinge zu unterscheiden:
      – ob, unter welchen Umständen und für wen PrEP etwa legal verfügbar wird, und
      – wofür ich mich aktivistisch einsetze.

      Zu letzterem habe ich für mich das Gefühl, es gibt wichtigere Dinge als PrEP, für die es sich zu engagieren gilt. Z.B. Zugang zu HIV-Therapie für alle Menschen, die sich in D aufhalten, unabhängig vom Aufenthalts-Status. Oder Situation im Strafvollzug. Oder das anstehende Prostitutionsgesetz. Um nur einige Beispiele zu nennen.

      Liebe Grüsse,
      Ulli

  5. Ein mehr an Gelassenheit in den Köpfer ALLER . . . . die gleiche Gelassenheit die mit einer „Grippe Prep“ einhergeht – eben vorhanden ist, auch wenn sich die Meisten dessen nicht bewußt sind. Das ist der Knackpunkt. 😉

  6. Lieber Uli,

    schön, dass Du hier ein Thema aufgegriffen hast, an dem wir uns in Bremen schon längerer Zeit „die Zähne ausbeißen“ .

    Angesichts der wenigen AIDS-bedingten Todesfälle in Deutschland, müssten zumindest die Fachleute zu einer Neubewertung des Stellenwertes von AIDS kommen.
    Derzeit sterben in Deutschland doppelt so viel Menschen, weil sie beim Verzehr einer Wurst ersticken (ca. 800), die Todesrate der Menschen, die jährlich im Straßenverkehr ums Leben kommen, ist zehnmal höher.
    Trotzdem ruft niemand – von Panik gezeichnet – in einer Beratungsstelle an und problematisiert die Tatsache, dass er eine Wurst vor sich auf dem Teller hat oder Morgen lebend in Hannover ankommen muss.

    AIDS ist, – wie ich einmal schrieb – gelb oder rot, spitz und es ist auf jeden Fall immer schleimig, jedenfalls, wenn man die Beratungsanlässe in der AIDS-Hilfe Bremen aufzählt. Und AIDS ist eigentlich immer mit einem schlechten Sex oder einem sexartigen Erlebnis verbunden (Noch nie kam jemand zur Beratung der behauptete, sich vor 3 Monaten bei einer Orgie nach Strich und Faden die Seele aus dem Leib gevögelt zu haben und nun einmal wissen wollte, ob das eigentlich gut gegangen sei).
    Die Angst vor AIDS ist meist an ein Erlebnis geknüpft, welches (zumindest hinterher) eigentlich nicht hätte stattfinden dürfen (Seitensprung, moralische Skrupel etc.). Und wenn man schon so ein überflüssiges Erlebnis hatte (oder haben will), dann soll wenigstens die Sicherheit 100 Prozent betragen, darunter tut man es nicht.
    Und wenn die Sicherheit dann nicht 100% betrug, dann wird in Panik investiert. Es muss sofort eine PCR, dann ein P24 AG-Test, dann nach 4 -6-10 und 12 Wochen eine HIV-AK-Test erfolgen (als wenn man nicht auch 6 Monate danach dann noch HIV-positiv wäre).
    Hier arbeitet AIDS immer noch stellvertretend als Katalysator eines moralischen Konflikts, an dem dann die Skrupel im Nachhinein abgearbeitet werden. Anders kann man es sich zumindest nicht erklären, wenn sich die Menschen nach der Beratung eine Zigarette anzünden (ohne die Krebshilfe zu kontaktieren) und ohne vorbereitete Patientenverfügung danach in ein Auto steigen.
    Hier werden also Risiken sehr unterschiedlich wahrgenommen und bewertet – und am AIDS-Risiko arbeiten sich scheinbar viele Urängste der Menschen ab.
    Die Menschen, die zu uns kommen und ein reales Infektionsrisiko hatten, können wir in der Tat an einer Hand abzählen.

    Was ich damit sagen möchte:
    In Deutschland ist AIDS in der Tat keine relevante, reale sondern eher eine gefühlte Gefahr.
    Wenn einem Hetero ein Kondom platzt, nimmt er einfach ein Neues und wenn es ein unsafes Erlebnis war, hat eigentlich nur die Frau, bzw. der passive Partner ein reales Infektionsrisiko gehabt.
    Wenn die Frau die „epidemiologische Sackgasse“ ist (was die sexuelle Übertragung von HIV angeht), so haben rein heterosexuelle Männer keinen Anlass, sich zu schützen.
    Sie werden jedoch durch die Kampagnen zum Gebrauch von Kondomen angehalten und haben oft das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben, wenn sie sich nicht dran hielten (und eine dementsprechende anschließende Panik).
    Da die Frauen die Männer jedoch nicht telepathisch durchleuchten können, müssen sie wiederum auf den ständigen Gebrauch von Kondomen bestehen, denn sie können ja nicht wissen, ob sich ihr Partner nicht auch gelegentlich oder regelmäßig von Männern durchpimpern lässt.
    So wird letztendlich das richtige Ergebnis aus den falschen bzw. unvollständigen Gründen erzielt: Bumsen nur mit Kondom (um die Frauen, bzw. Passiven zu schützen).

    Wo die „wirklichen“ Risiken stattfinden, ist meiner Meinung nach jegliche Prävention jedoch vergebens.
    Es scheint eine Generation (oder einen Typ) unter den schwulen Männern zu geben, die mit dem Thema „einfach durch“ sind.
    Sie infizieren sich und damit ist dann auch gut.
    Es sind jedenfalls nicht diejenigen, die bei jedem falsch gefalteten Kondom die AIDS-Beratung aufsuchen. Es sind wohl eher Menschen, die sich des Risikos voll bewusst sind und geradezu darauf bestehen, sich unsafe „vollpumpen“ zu lassen und jede Barebackparty im bereisbaren Umkreis mitnehmen, die sie kriegen können.
    So haben wir derzeit eine Prävention, die möglicherweise im brauchbaren Adressatenkreis schlicht gehört und ignoriert wird, derweil in der Gruppe mit dem geringsten Risiko die Panik weiter köchelt.

    Deswegen wäre eine Neubewertung von AIDS durchaus sinnvoll und wünschenswert, denn möglicherweise fordert die Angst vor AIDS (zumindest in Deutschland) mehr Opfer, als die Erkrankung selber.
    Und man muss es doch nicht besonders betonen, dass Prävention nicht nur das Risikobewusstsein, sondern auch die dementsprechenden Ängste schürt.

  7. Fast alles, was ich zum Umgang mit HIV weiß, habe ich von Positiven gelernt. Alles, was mir heute zu diesem Thema Gelassenheit und Souveränität gibt, haben mir Menschen ermöglicht, die sich offen und selbstbewusst positiv geäußert haben. Diesen Aktivisten, allen voran Ulli, bin ich dankbar, und ich verneige mich vor so viel Mut.

    Euer Engagement darf aber nicht so weit gehen, dass Ihr mir Entscheidungen abnehmt. PrEP ist nach 30 Jahren die erste gangbare Alternative zum Kondom als ein Präventionsmittel, das ich selber unter Kontrolle habe. (Enthaltsamkeit taugt nicht für mich. Serosorting sowohl was vermeintlich Negative als auch nicht-infektiöse Positive angeht, unterliegt nicht wirklich meiner Kontrolle). Ich weiß, ob ich ein Kondom dabei habe. Ich weiß, ob ich es richtig einsetze. Genauso weiß ich, ob ich heute meine PrEP geschluckt habe oder nicht.

    Wie ich das Risiko von Nebenwirkungen gegenüber der gewonnenen sexuellen Freiheit abwäge, ist meine Entscheidung – nicht Eure. Ob die Kosten von den Kassen übernommen werden, haben die Leute zu entscheiden, die auch über Erstattung für Cholesterinsenker für Übergewichtige oder die Antibabypille entschieden haben – nicht Ihr. Ob die Studienergebnisse ausreichen, um 9x% Wirksamkeit zu belegen, darüber entscheidet ein nachvollziehbares Zulassungsverfahren – nicht Ihr. Ob mir dann 99% oder 95% oder 92% ausreichen, muss wiederum ich entscheiden – nicht Ihr.

    Provokant gefragt: Mit welchem Recht glaubt Ihr, mir eine Präventionsoption verweigern zu dürfen?

    Als Negativer werde ich wohl nie nachempfinden können, was Stigmatisierung tagein tagaus konkret ausmacht und bedeutet. Wenn Ihr wegen PrEP Angst vor zusätzlicher Stigmatisierung habt, dann nehme ich das sehr ernst. Erklärt es mir bitte, denn in dieser Diskussion gibt es eine Menge Scheinargumente:

    „Die Negativen fressen den Positiven die Pillen weg!“
    Ja, es gibt Probleme mit der Versorgung in einigen Ländern. Diese haben viele Gründe: politische, religiöse, kommerzielle, rechtliche. Dass es materielle Nachschubengpässe gäbe, dass die Industrie mit dem Tablettenpressen nicht hinterher käme, dieses Problem existiert nicht. Es ist genug für alle da. Es kann also nicht moralisch verwerflich sein, wenn Negative in westlichen Ländern PrEP schlucken.

    „Wenn ein Positiver und ein Negativer beide Truvada schlucken, wo liegt denn dann noch der Vorteil, sich vor einer Infektion zu schützen?“
    Ganz einfach: ich kann jederzeit damit aufhören, wenn sich mein Sexleben verändert (Beziehung etc.).

    „Wer PrEP schluckt, muss HIV für das Schlimmste auf der Welt halten!“
    Nein, mittelunschön reicht schon. Natürlich braucht Präventation die Motivation, HIV vermeiden zu wollen. Wenn ich die Nebenwirkungen für vernachlässigbar halte, dann ist PrEP aber ein sehr niedrigschwelliges Angebot. Niedrigschwelliger als das Kondom sogar, denn dies ist ungleich fummeliger und muss in einer unsachlicheren Situation benutzt werden als die Pille.

    HIV ist kein Weltuntergang und keine existentielle Bedrohung mehr, sondern eine lästige chronische Infektion. Von einem behandelten Positiven geht weniger „Gefahr“ aus als von einem ungetesteten vermeintlich Negativen. Dass dies so ist, ist eine direkte Folge von Truvada & Co. Wenn ein Positiver Truvada schluckt, sollte das also Stigma abbauen. Wenn ein Negativer Truvada schluckt, baut das Stigma auf? Ich versuche wirklich, Euch zu verstehen, aber es gelingt mir (noch) nicht…

    TL;DR
    Ich wehre mich dagegen, dass mir Entscheidungen ab- oder weggenommen werden.
    Auf meiner ethischen Werteskala steht der Abbau von Stigmatisierung Positiver sehr weit oben. Hier müsst Ihr Euch aber um ehrlichere und nachvollziehbarere Argumente bemühen.

    1. Lieber Clamix,

      danke für den argumentenreichen langen Kommentar. Ich versuche in einigen Schritten zu antworten.

      – du schreibst von einem „ihr“. es gibt – insbesondere beim Thema PrEP – jeoch schon unter Positiven, erst recht nicht unter Aidshilfen (oder gar beiden gemeinsam) eine einzige gemeinsam von allen getragene Meinung, bei weitem nicht. deswegen antworte ich im ‚ich‘, als meine persönliche Meinung, nicht „die Positiven“ oder „die Aidshilfe“

      – es geht nicht darum (wie du formulierst), jemandem die Entscheidung abzunehmen, oder jemandem etwas vorzuschreiben. Ich habe kein Recht irgend jemandem etwas zu verweigern, und darum geht es auch m.E. nicht. Es geht derzeit darum, Positionen zu finden, zu diskutieren – bevor eventuell irgendwann darüber eine politische Entscheidung getroffen werden wird. Zu diesen Diskussionen sollte mein Text ein kleiner persönlicher Beitrag sein.

      Der obige Text entstand aus einer Debatte darüber, warum ich mich in meinem pers. aktivistischen Handeln (nicht) für PrEP engagiere. Es geht darum meine (derzeitige) Position darzustellen, nicht jemandem etwas / eine Position vorzuschreiben.
      Ganz im Gegenteil. In den vergangenen Jahren habe ich eher vermisst, das (HIV-negative oder ungetestete) schwule Männer sich (außerhalb von Aidshilfen) für HIV-Prävention engagiert, sich mit Themen öffentlich auseinander gesetzt haben. Wenn das jetzt durch PrEP anders wird, – gerne!

      – was die Frage der Kosten angeht: folgendes Gedankenspiel: angenommen PrEP wäre zugelassen. es gäbe aber (analog zu Pillen gegen Erektionsstöungen, Weg Lifestyle-Präparat) keine Kostenübernahme durch die gesetzl. Krankenversicherung. Keine ganz undenkbare Konstellation.
      Würden dann die (nicht eben billigen) PrEP-Pillen nicht potentiell zu einem Präventions-Mittel, das sich eben nicht jede/r leisten kann? Etwas stark überspitzt: PrEP-Pillen für wohlhabende Schwule (und andere) – Kondome für Habenichtse, HartzIV-Empfänger und Rentenbezieher? Schöne neuen Welt? Eine die ich nicht will …

      – angesichts mehrerer verfügbarer, zudem erprobter und wirksamer Präventions-Methoden läuft für mich die PrEP-Debatte derzeit (in Deutschland; und vor den gerade auf der derzeitigen Welt-Aids-Konferenz vorgestellten Daten – die habe ich noch nicht im Detail gelesen) hinaus auf die – zugegeben etwas spitze – Formulierung ‚Pillen nehmen aus Angst davor, Pillen nehmen zu müssen‘.
      Meine Meinung – man kann anderer sein.

  8. Danke für die schnelle Antwort.
    Das „Ihr“ bezog sich tatsächlich auf meine Wahrnehmung, dass hier in den Kommentaren, bei Facebook und in schwulen Medien das Contra zu PrEP vornehmlich von positiver Seite kommt.

    Du hast zwei Argumente aufgegriffen:

    Kosten.
    Wenn selbst in den USA, die nicht als Wohlfahrtsstaat bekannt sind, Versicherungen die Kosten für PrEP übernehmen, dann bin ich auch in Deutschland zuversichtlich. Bis zu der Entscheidung ist das aber Spekulation.

    Wirksame Methoden.
    Ich kenne keine Methode außer Kondom und PrEP, die ich unter meiner Kontrolle habe. Dass mögliche (anonyme?) Sexpartner ihre VL kennen oder sich für negativ halten, ist für mich hier und jetzt nicht belastbar. Gut zureden halte ich als Präventionsmethode für ungeeignet.

    Deine Zuspitzung müsste korrekt lauten „Zeitweise Pillen nehmen können zum Schutz davor, lebenslang Pillen nehmen zu müssen“.

    Beide Punkte sind sicher diskussionswürdig, gehen aber doch am Kern Deines Posts vorbei: Stigmatisierung. Und diesen Punkt habe ich tatsächlich nicht verstanden. Bedeutet Prävention automatisch Ausgrenzung, Dämonisierung, Diskriminierung?

    1. Wirksame (sexuelle) Präventionsmethoden sind zB insbes. Kondome, und die Viruslast-Methode (mit Partner/in, der/dem man/frau vertraut), heißt: im Fall des Falles ist der/die HIV-Positive der/die seine Viruslast kennt, evtl. der/die „sicherere“ Sexpartner/in als ein völlig anonymer Kontakt (bei dem dann Kondom zB das Mittel der Wahl sein könnte). Und (auch wenn unbeliebt) noch die Enthaltsamkeit. Dazu gibt es Serosorting, und im Fall des Falles PEP.

      „Zeitweise Pillen“ – nun, es gibt m.W. im wesentlichen zwei PrEP-Konzepte, permanent PrEP (also kontinuierlich immer) oder ‚fallweise‘ PrEP.
      Fallweise: Ob man/frau immer rechtzeitig (und ausreichend rechtzeitig um ausreichend rechtzeitig vorher Pillen zu nehmen) vor spontanem Sex weiß, dass eben der stattfinden soll und wird? Und wa,s wenn nicht? Entspricht das dem sexuellen ‚real life‘?
      [Nachtrag 18:22: ich sehe gerade, POZ bringt eines der potentiellen Probleme auf die griffige Schlagzeile „100% Efficacy for Gays in PrEP-Study; Most Didn’t“]

      was die Stigmatisierung angeht: nein, nicht jede Prävention ist imo automatisch Stigmatisierung.
      Folgender Gedankengang: Ausgehend vom status quo, gut funktionierende HIV-Präventionsmittel (wie die Neuinfektionszahlen für D zeigen): jetzt ein zusätzliches, zudem nicht unproblematisches weiteres Präventions-Mittel (nämlich PrEP) einzuführen – beinhaltet das nicht, dass eine HIV-Infektion über das Bestehende hinaus etwas Furchtbares, ein unter allen Umständen vermeidbarer Umstand ist?
      Könnte ein gelassenerer Umgang nicht vielleicht auch anders aussehen? zB „ich weiß dass es HIV gibt. ich schütze mich (und meine/n Partner/in) im Rahmen meiner persönlichen Möglichkeiten mit den verfügbaren Präventionsmitteln. Und sollte doch eine Risiko-Situation geschehen, gibt es PEP (Pillen danach), und sollte die dann fehlschlagen, kann ich dann immer noch Pillen nehmen“.

  9. Dein Gedankengang zur Stigmatisierung durch PrEP macht nur dann Sinn, wenn PrEP für dich den Stellenwert einer neuen Nuklearoption in einem bisherigen koventionellen Waffenarsenal hat „neuer, größer, gewaltiger, tötet mehr Viren als alles vorher!“…

    Diese Wahrnehmung teile ich überhaupt nicht. Für mich steht PrEP gleichwertig neben dem Kondom, für beide eine korrekte Anwendung vorausgesetzt. Ich muss als Motivation für das eine nicht mehr Angst vor HIV haben als für das andere. Genauso wenig sehe ich, dass ich ein „Verzicht“ auf PrEP und sich mit Kondomen zu „begnügen“ dich von einem Stigma erlöst.

    Diese Diskussion finde ich weiterhin befremdlich. PrEP als Bedrohung und stigmafördernd anzusehen und gleichzeitig Serosorting (= Diskriminierung in Reinform) als Alternative ins Feld zu führen, will so gar nicht zusammen passen.

    Ich nehme wahr, wie ein Präventionsangebot, das sich auschließlich an Negative richtet, in erster Linie bei Positiven eine starke Emotionalisierung hervorruft – bis hin zu Larry Kramers „cowards!“. Als sachliche Begründungen werden dann üblicherweise Kosten, Nebenwirkungen, Compliance genannt – alles Dinge, mit denen sich dann der negative Anwender herumschlagen muss. Diese potentiellen Nachteile für Negative emotionalisieren Positive stärker als Negative? Im Ernst?

    Warum das positive Unwohlsein mit PrEP? Selbst Äußerungen zu Stigma (und an diesen Punkt wären Positive erst selbst betroffen) bleiben merkwürdig diffus und sind schwer nachvollziehbar.

    Was stört „Euch“ wirklich?

    1. Lieber Clamix,

      netter Versuch 😉
      aber ich verweigere mich einer in meinen Augen künstlich konstruierten Frontstellung „Positive gegen Negative und Ungetestete“
      (und frage mich, warum es dieser bedarf?)

      zumal sie den Fakten nicht entspricht – gerade in Frankreich und den USA kenne ich viele Aids-Aktivisten (sehr viele selbst HIV-positiv), die sich massiv für PrEP einsetzen, und mit denen ich derzeit darüber diskutiere (nur ein Beispiel, the warning „Priscilla, queen of Prep : ça avance en Australie et les associations en redemandent“ http://www.thewarning.info/spip.php?article433 ). Da finden Positive und HIV-Aktivisten derzeit so überhaupt nicht zu einer (u.a. von dir suggertierten) gemeinsamen Meinung …

      du schreibst, für dich seien PrEP und Kondom gleichwertig. Nun, diese Einschätzung teile ich derzeit nicht, zu den Gründen habe ich oben einiges geschrieben. Einige weitere sind aktuell auch beim Europ. Center for Disease Control nachzulesen (http://www.aidsmap.com/page/2891977/)

      in einer Diskussion letztens zu genau diesem Thema habe ich mich gefragt, warum die Debatte von manchen (HIV-Negativen und Ungetesteten) so aufgeregt geführt wird, und warum gerade jetzt (nachdem 30 Jahre Kondome funktioniert und offensichtlich genügt haben). Ein bitterer Gedanke blitzte kurz auf, könnte es sein, dass manche Negative oder Ungetestete jetzt, nachdem EKAF und Viruslast-Methode endlich ‚im realen Leben‘ angekommen sind, Positiven unter bestimmten Bedingungen die Möglichkeit zu Sex ohne Kondom neiden? Nein, PrEP als Neid-Debatte, das ist sicher nur ein äußerst schräger Gedanke … 😉

  10. Meine Wahrnehmung in deutschen und amerikanischen Medien legt eine Meinungsgrenze zwischen Postiven und Negativen nahe. In Frankreich mag das anders sein, das weiß ich nicht.

    Natürlich ist die Aussicht auf kondomfreien und trotzdem geschützten Sex ein starker Motivator – warum auch nicht? Das finde ich nicht bitter, sondern sehr nachvollziehbar.

    Im gleichen Kontext müsste man dann genauso spitzfindig die Frage stellen, warum so viele Positive dagegen sind – weil damit ein medikamentös herbeigeführtes Privileg und eine bevorzugte Stellung bei der Sexpartnerwahl wegfällt? 😉

    1. Im Übrigen wäre das ein Grund, der die PrEP-Ablehnung für mich begreifbar macht.

      Man muss sich nur kurz auf den blauen Seiten aufhalten, um zu wissen, wie ruppig schwules Balzverhalten ist. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre offen positiv, hätte dort jahrelang deswegen von Negativen Körbe kassiert, würde dann mit dem Einsickern von EKAF in die Köpfe mehr begehrt werden und müsste mit PrEP damit rechnen, dass sich negative „Truvada-Flittchen“ wieder nur untereinander ficken, dann kann ich die Sorgen verstehen.

      Das ist nicht mal böse und spitzfindig, sondern für mich eine sehr nachvollziehbare Motivation, sich davor schützen zu wollen, sexuell wieder im Abseits zu landen.

  11. Ich verstehe das unterstellte ‚Argument‘ von Neid und Missgunst (‚vorenthalten‘, ‚verweigern‘) als Motivationsstruktur nicht.

    Ich sehe zum derzeitigen Zeitpunkt (vor etwaigen Melbourne-Daten, s.o.) und für die Situation in D keine ausreichenden und ausreichend harten Fakten und Argumente, dass ich mich für generelle PrEP einsetze.

    Andere mögen sich gern für PrEP engagieren – dem steht doch nichts entgegen, nur zu.

  12. Naja, die Punkte Neid und Missgunst hast du in die Debatte gebracht. Und ich sehe diese Punkte weder auf der Pro- noch auf der Contra-Seite der Debatte.

    Dass Du Dich nicht aktiv pro-PrEP einsetzen möchtest, kann ich verstehen, denn letzten Endes betrifft es Dich auch nicht. Würdest aktiv dagegen kämpfen, Negativen eine Wahlmöglichkeit zu lassen, fände ich das schon problematischer.

    1. Zu ‚Neid /Mißgunst‘: das bezog ich auf Formulierungen in deinen Kommentaren, wie ‚verweigern‘, ‚vorenthalten‘

      Sich für etwas einsetzen erfordert m.E. nicht selbst von der jeweiligen Sache betroffen zu sein. Insofern ist mir dein zweiter Gedanke sehr unverständlich. Ich habe mich immer wieder auch für Themen engagiert, die mich nicht persönlich betreffen, sei es ‚Frauen & Aids‘ oder ‚HIV im Strafvollzug‘ um nur zwei Beispiele zu nennen.

      1. Ich muss mich hier, auch wenn die Diskussion von euch beiden schon ein Stück älter ist, unbedingt einklinken.

        Lieber Ulli,
        das störendste Argument das du immer und immer wieder anführst ist für mich, eine HIV-Infektion sei ja längst kein ‚Weltuntergang‘ mehr und deswegen würde eine PreP lediglich eine unnötig hohe Angst weiter verstärken.

        Das Problem ist, das auch wenn heutzutage in Deutschland die Behandlungsmöglichkeiten sehr gut sind, dennoch niemand (außer ein paar Gestörten) HIV haben WILL.
        Niemand will Diabetes haben, Niemand will eine Schilddrüsenunterfunktion haben.
        Chronische Krankheiten sind Scheiße, und auch wenn es sich emotional für einen Positiven Mann oder eine Frau als Herausforderung darstellt, so sollten Sie wie ich finde schon akzeptieren lernen das ihr Zustand nichts erstrebenswertes ist. Diabetiker sind ja auch als Menschen nicht ‚weniger Wert‘, aber trotzdem ist jedem Klar das es eine höchst unangenehme Sache ist.
        Man muss da ohne zu Diskriminieren drüber reden, aber ich würde alles menschenmögliche tun um weiterhin negativ zu bleiben.

        Ich bin vorsichtig bei der Partnerwahl, benutze Kondome und würde sofort zusätzlich täglich eine PreP einnehmen. Kondome können reißen, sind nicht für Jedermann und müssen in einer sehr hitzigen Situation verwendet werden. Und speziell als Passiver hat man beim Sex dann auch noch relativ wenig Überblick.

        Eine Pille morgens nach dem Zähneputzen ist da sehr viel zuverlässiger. Besonders, wenn man die Pille bei nachlassender sexueller Aktivität oder in einer monogamen Beziehung nach einem HIV-Test einfach wieder weglassen kann.

        Ich als negativer, junger schwuler Mann fühle mich in der Diskussion auch sehr bevormundet. Ich habe ein bisschen das Gefühl das wirklich bei vielen älteren Positiven die sich mit dem Thema befassen eine gewisse Missgunst im Raum schwebt. Du sagst es gibt wichtigere Themen als eine PreP. Was ist denn bitte wichtiger als das ich negativ bleibe?
        So gemein das klingt, für Positive ist es ‚zu spät‘. Da ist klar, das dann ein Thema wie PreP eigentlich relativ egal ist.
        Es könnte dir egal sein. Stattdessen kommt allerdings ein sehr kritischer Artikel von dir. Wieso?
        Was ist da deine Motivation, außer das du vielleicht einfach der nachfolgenden Generation homosexueller Männer nicht gönnst unter Umständen (Wenn die iPreP Zahlen mit über 99% stimmen) sogar ein befreites Sexleben wie vor der Aidskrise genießen zu können.

        Soll ich darauf hoffen das kein Kondom reißt, und wenn doch eins reißt panisch zum Arzt rennen und eine PEP-Anfordern? Und mich dann drei Monate völlig verrückt machen ob mein ganzes Leben sich ändert?
        Viele Positive vergessen mit den Jahren die Angst vor HIV. Die lähmende Unsicherheit und die Ungewissheit ob der hübsche Typ mit dem man sich gerade Unterhält vielleicht positiv ist und es selbst nicht weiß.
        Im Rahmen der PreP wurde in den Staaten eine Umfrage durchgeführt in der die meisten negativen schwulen Männer angegeben haben beim Sex mehr als die Hälfte der Zeit an HIV zu denken. Das kann ich so unterschreiben.

        Ich glaube, HIV dominiert den Alltag vieler Negativen Männer mehr als das der Positiven. Eine Pille wird schnell zur Routine, und die Einschnitte in den Alltag die ein Positiver ertragen muss ebenso. Ein Positiver muss sich nicht nach jedem sexuellen Kontakt Sorgen um seine Gesundheit machen. Der Druck den HIV auf die Psyche von vielen negativen ausübt wird von vielen Positiven komplett unterschätzt. Und das hat weniger mit Stigma, sondern ganz menschlichem Selbsterhaltungstrieb zu tun. HIV ist und bleibt eine Krankheit, und die will man nicht haben.
        Wenn eine einfache Tablette jeden Tag diese Angst nehmen kann, wird das am Ende eh den größten Effekt auf die Stigmatisierung haben.

        Ich würde selbst mit Kondom nicht wissentlich mit einem Positiven Sex haben. Selbst wenn er sagt, seine VL ist unter der Nachweisgrenze. Für ‚Schutz durch Therapie‘ muss man seinem Gegenüber vertrauen können. Hat er am Wochenende die Tabletten vergessen? Dann ist unter umständen die Viruslast gerade sehr hoch. Kann das Kondom reißen? Ist das Kondom gerissen? Hat er es richtig übergestreift? Ist das genug Gleitgel? Ist das Kondom noch drauf? Fragen über Fragen. Ständig.
        All diese Möglichkeiten sich zu schützen bringen eine gewisse Unsicherheit mit sich, über die man keine Kontrolle hat.
        Über eine Tablette jeden morgen habe ich 100%ige Kontrolle.

        Und deswegen würde ich mich z.B. erst mit PreP in auf einen Positiven überhaupt einzulassen. Mit Prep kann alles andere schiefgehen, aber man hat seine letzte ‚Schutzwand‘ für die man zu 100% selber verantwortlich ist.

        Und ich glaube ich bin nicht der einzige negative der so fühlt. Überlege also mal, ob du Dir im Kampf gegen Stigmatisierung mit deiner Meinung zur PreP nicht ins eigenen Fleisch schneidest.

        Liebe Grüße

        1. @ ‚Leser‘:
          eine Infektion mit HIV, sollte sie trotz verfügbaren guten Schutzmöglichkeiten, und trotz PEP stattfinden, halte ich – gerade verglichen mit ‚früher‘ – nicht mehr für einen Weltuntergang. Verstehe aber, dass man sie vermeiden möchte.
          Was ich nicht verstehe, ist – kurz zusammengefasst – Pillen zu nehmen (PrEP), aus Angst davor Pillen nehmen zu müssen (Kombi).

          100%ige Kontrolle? mit PrEP? statt Kondomen?

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