Wie es (doch) weiter ging … – ‚zweimal Rita und zurück‘ Teil 5

Zuletzt aktualisiert am 26. März 2014 um 16:28

1995 / 96 erkrankte ich schwer, war mehrere Male im Krankenhaus. In der Mini-Serie „zweimal Rita und zurück“ erzähle ich aus dieser Zeit. Die PcP hatte ich überstanden, die nächste Lungenentzündung folgte wenige Wochen später. Bescherte mir zusätzlich eine lebensbedrohliche Antibiotika-Allergie, Absturz in tiefste Aussichtslosigkeit. Aber das vermeintliche Ende fand nicht statt – Teil 5: „Wie es (doch) weiterging …
(Übersicht über alle Teile der Mini-Serie siehe Ende des Textes):

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Auch wenn es im Mai 1996 nach Ende aussah – es ging doch weiter.
Ganz kurz erzählt: Aus dem Klösterchen entlassen, wechselte ich meinen Arzt. Ein neues Medikament, ein Proteasehemmer der ‚besser‘ sein sollte als derjenige, den ich erfolglos ‚versucht‘ hatte, war in klinischen Studien, und wurde nach ersten guten Ergebnissen ungewohnt schnell am 13. März 1996 in den USA zugelassen. Die Zulassung in Europa erfolgte zwar erst sieben Monate später, am 4. Oktober 1996 (pdf) – über Import konnte ich das neue Medikament allerdings schon jetzt bekommen und startete im Juni 1996 einen weiteren Therapie-Versuch. Mit neuen bürokratischen Hürden, meine Krankenversicherung weigerte sich zunächst, die Kosten zu übernehmen (was gemeinsam mit Tex Weber, der exakt das gleiche Problem hatte, geklärt werden konnte).

Bereits nach wenigen Wochen machte es geradezu ‚peng‘  – innerhalb weniger Tage merkte ich, Ulli ist wieder da, da ist wieder Leben im Körper. Ein erster Morgen, an dem ich zuversichtlich aufwache. Ein erster Spaziergang mit Freuden. Nach Monaten (waren es Jahre?), in denen mir nicht einmal Gedanken an Sex kamen, geschweige denn körperliche Reaktionen stattfanden, plötzlich eine erste Erektion. Da ist noch Leben … wieder Leben.

18 Jahre später – 2014

Am Kösterchen vorbei gegangen bin ich des öfteren in den seitdem vergangenen Jahren, gelegentlich auch mit Gedanken wie „weißt du noch?“. Nie aber bin ich wieder auf Station Rita gegangen.

Bis zum Februar 2014, als ich – ein Freund feierte – nach längerer Zeit wieder in Köln war. Frank und ich stromerten durch die Südstadt,  die Severinstrasse entlang. Einer spontanen  Idee folgend gingen wir auch zum Klösterchen. Ein plötzlicher Impuls, Frank nickt zustimmend, wir gehen hinein. Nehmen den Fahrstuhl, hinauf in die zweite Etage, auf Station Rita. Nicht überlegt, nicht geplant. Es ist eher, als folge ich einer Regie, die sagt, nun mach das.

Stehe wieder in der zweiten Etage, gehe duch die Glastür, links um die Ecke auf die Station.Diese Station.

Als erstes schaue ich nach ‚Rita‘ – und ja, das gleiche Heiligenbild mit dem knappen Erläuterungstext hängt immer noch an gleicher Stelle.

Diese Tür, dieser Flur, dieser Geruch, die Tür da hinten war ‚mein Zimmer‘. Gefühle stürmten auf mich ein.

Dort, in dem Zimmer lag ich zuerst, schaute abends traurig aus dem Fenster, noch so viele Blicke wie möglich auf Frank werfen, der nach seinem abendlichen Besuch zum Auto geht. Und hier ging es mit dem Fahrstuhl hinunter, ins Erdgeschoß oder den Keller, zu der Bronchoskopie die ich halb mit erlebte und zu ersticken glaubte. Da das Fenster zum Arztzimmer, aus dem Nachrichten mit immer weniger Hoffnung kamen. Und hier, hinter dieser Tür, das Zimmer in dem ich zuletzt lag, auf die Kastanie im Hof blickte, bis ich nicht einmal mehr aufstehen konnte, bis nichts mehr ging.

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Die Wochen, die ich hier verbracht habe, die Momente hier, sie prägten mein Leben. Doch sie waren kaum je ‚im jetzt‘ präsent. Nun sind sie plötzlich da, vor mir, in mir. Als sei jetzt, heute, genau heute die Zeit, sich dies noch einmal anzuschauen. Mit Abstand. Ich fühle erneut Bestürzung. Spüre wie es in meinem Bauch rumort, höre meinen Herzschlag. Es rauscht, dröhnt in meinen Ohren. Bilder rasen vorbei. Gerüche ziehen durch die Nase, ins Gehirn, direkt in mein Kopfkino.

Ich sehe den Ulli von ‚damals‘ vor mir. Erinnere seine Gefühle. Zorn. Wut. Hilflosigkeit. Gefühl tiefstschwarzer Leere. Ich erinnere diese Gefühle.

Ja, ich bin wieder hier, auf ‚Rita‘. Und es ist nicht ‚damals‘, nicht 1996. Sondern 2014, und ich lebe.
Und bemerke ein Gefühl von Ruhe und Dankbarkeit.

Auch wenn dieses Überleben immer noch mit seltsamen Gefühlen verbunden ist, und weißgott nicht nur schönen (ich habe darüber 2009 geschrieben, ‚Die Schuld des Überlebens‚).

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Eine der Lektionen, der wesentlichen Lektionen, die ich damals gelernt habe: welch hohen Stellenwert Liebe und Freundschaft [zwei Dimensionen von Miteinander, die für mich nicht wesentlich weit von einander entfernt sind] in meinem Leben haben. Außer Frank und meinem inzwischen engsten Freund und ‚Seelenbruder‘ war da damals niemand mehr. Inzwischen gibt es drei, vielleicht vier Menschen, die mir so nahe sind, dass ich für mich ‚Freund‘ zu ihnen denke, sage. Freunde, ein kleiner Kreis nur, nah und vertrauensvoll.

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Heute erscheint mir diese Zeit auf eine merkwürdige Weise banal brutal.

Brutal  – auf erbarmungslose Weise wurde mir schlagartig klar, was Aids heißt, für mich, für mein Sein. Wie zerbrechlich, wie endlich mein damals noch recht junges Leben war und ist. Wie unausweichlich …

Banal – so wie mir erging es damals, in den furchtbaren Jahren der Plage, Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre, vielen meist jungen schwulen Männern. Was mir geschah, war im direktesten Sinne ’nichts Besonderes‘. War ein – in Szenen in denen ich mich bewegte – auf grauenvolle Weise alltägliches Phänomen.

Brutal banal – so sehr, dass ich mich auch heute noch gelegentlich frage: Bin ich mehr als ein zufällig Überlebender der Plage?

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18 Jahre ist diese Zeit jetzt her – irgend wie ‚feiere‘ ich also eine Art zweiten Geburtstag, eine ‚Volljährigkeit‘ ganz eigener Art.

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zweimal Rita und zurück
1. Husten auf Mallorca
2. Lovely Rita?
3. Sauerstoff zu Weihnachten
4. Absturz im Mai
5. Wie es (doch) weiter ging …

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8 Antworten auf „Wie es (doch) weiter ging … – ‚zweimal Rita und zurück‘ Teil 5“

    1. Danke, lieber Rene 🙂
      Ach ja 18 — schön wär’s ;-)) oder doch lieber nicht ? 😉

      (nein, das ist kein wichtiger Tag für mich (die Erlebnisse hingegen schon) – ich hab eher zufällig beim sponaten Besuch dort letztens festgestellt, dass das alles jetzt 18 Jahre her ist)

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