Absturz im Mai – ‚zweimal Rita und zurück‘ Teil 4

Zuletzt aktualisiert am 26. Mai 2019 um 12:49

1995 / 96 erkrankte ich schwer, war mehrere Male im Krankenhaus. In der Mini-Serie „zweimal Rita und zurück“ erzähle ich aus dieser Zeit. Der vermeintliche Husten, der sich als lebensbedrohliche PcP entpuppte, war auskuriert. Doch lange hielt die vermeintliche Gesundung nicht an – Teil 4: „Absturz im Mai
(Übersicht über alle Teile der Mini-Serie siehe Ende des Textes):

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Keine drei Monate später bin ich erneut im Krankenhaus, wieder im Klösterchen – und wieder mit einer Lungenentzündung.

Immerhin, schnell wird klar, diesmal ist’s nicht die gefürchtete PcP wie vor kurzem im Dezember / Januar, sondern ’nur‘ eine bakterielle Pneumonie.
‚Nur‘ – wenn’s so einfach wäre. Ich bekomme sofort Antibiotika – die aber nichts bewirken. Mir geht es nicht besser. Im Gegenteil, ich baue täglich weiter ab, bekomme schlechter Luft, habe keine Energie.

Dass mein Zustand schlecht ist, zeigen ganz nüchtern auch die Laborwerte. 31 Helferzellen sind es jetzt noch, und die Viruslast hat eine ungeahnte Rekordhöhe von 3,2 Millionen erreicht (was den Arzt, der solch einen Wert bisher noch nicht erlebt hat, zu einer Kontroll-Messung veranlasst – die nahezu den gleichen Wert ergibt).

Doch es kommt noch schlimmer. Nicht nur, dass die Lungenentzündung nicht verschwindet, die Antibiotika-Therapie (die inzwischen intensiviert worden ist) nicht funktioniert. Schon nach wenigen Tagen beginnt meine Haut seltsam zu brennen. Ich habe das Gefühl meine Beine und Finger seien geschwollen, würden täglich dicker. Schnell wird es so schlimm, dass ich nicht einmal mehr aus dem Bett aufstehen, mich auch nur selbst waschen kann.

Mit dem Rücken an das Kopfteil des Bettes gelehnt, sitze ich den ganzen Tag und die Nacht mehr als dass ich liege. Dennoch, irgend wie müssen meine Füße ja das Bett berühren, können leider nicht schweben. Die geringste Berührung ist inzwischen zur Qual geworden. Besonders an den Beinen beginnen sich die obersten Schichten der Haut zu lösen. Fallen mir in grauen Fetzen vom Körper. In meinen Fußsohlen lodern tausende kleiner Feuer, ohne dass ich sie löschen, mich gegen sie wehren könnte. Lodern Tag und Nacht, breiten sich schleichend aber zielsicher weiter aus. Bald schon beult sich meine Haut in dicken wässrigen Blasen von den Fußsohlen, als wollte sie vor den Feuern flüchten.

Der Gesichtsausdruck der Ärzte scheint mir zwischen ratlos und erschrocken zu changieren. Wie die Lungenentzündung in den Griff bekommen? Und erst recht: wie gegen diese Haut-Reaktionen vorgehen? Schnell wird klar, es handelt sich um eine allergische Reaktion auf eines oder mehrere der Antibiotika.
Dunkle Tage.
Gefühl der Ausweglosigkeit.
Einsamkeit.
Abstürze in tiefste schwarze Unendlichkeit.
Auch heute noch, 2014, blockiert mein Verstand Erinnerungen, fehlen mir Worte, diese Tage zu beschreiben.

Lyell-Syndrom, der Zustand meiner Haut, meiner Füße hat auch einen Namen, erfahre ich. Dass die Sterblichkeit nicht unbeachtlich ist – erschüttert mich das tatsächlich noch?

[Ein Lyell Syndrom sieht alles andere als schön aus. Aus dieser Zeit gibt es bemerkenswerterweise keine Fotos von mir. Wer dennoch sehen will, wie es aussieht, wie auch meine Füße damals ausahen, wird u.a. hier fündig.]

Absetzen sämtlicher Medikamente, plus hochdosiertes Kortison. Und Salben für die Füße.

Nach vielen langen schmerzvollen Tagen beginnt sich der Zustand von Haut und Füßen langsam zu bessern. Aber wie soll es weitergehen?

Ich kann nichts mehr tun für Sie.
Der Arzt, der mich nun bei zwei langen Krankenhaus-Aufenthalten, in vielen Wochen, in vielen Untersuchungen und Behandlungen, in zunehmend schlechteren Verfassungen und steigender Aussichtslosigkeit begleitet und  immer wieder auf’s Neue zu motivieren versucht hat, und den ich beinahe lieb gewonnen habe, schaut Frank und mich ernst an. Er habe einfach überhaupt keine einzige Option mehr, die er sich vorstellen könne. Ich könne voraussichtlich bald entlassen werden (was dann am 29. Mai geschah). Mit hoch dosiertem Kortison könne ich vielleicht noch einmal einige wenige akzeptable Wochen haben. Aber:
Ich kann nichts mehr tun für Sie.

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zweimal Rita und zurück
1. Husten auf Mallorca
2. Lovely Rita?
3. Sauerstoff zu Weihnachten
4. Absturz im Mai
5. Wie es (doch) weiter ging …

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