Sauerstoff zu Weihnachten – ‚zweimal Rita und zurück‘ Teil 3

Zuletzt aktualisiert am 23. März 2014 um 12:43

1995 / 96 erkrankte ich schwer, war mehrere Male im Krankenhaus. In der Mini-Serie „zweimal Rita und zurück“ erzähle ich aus dieser Zeit. Was als Husten begann, brachte mich auf Station ‚Rita‘, wo ich Weihnachten und den Jahreswechsel verbrachte – Teil 3: „Sauerstoff zu Weihnachten
(Übersicht über alle Teile der Mini-Serie siehe Ende des Textes):

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Nur zu bald wurde mir klar, wie aussichtslos meine Situation tatsächlich war. Insofern, ja – in diesem Sinne lag ich wohl richtig auf ‚Ritas Station der aussichtslosen Fälle‘. Aber – hatte ich das auf diese Weise erfahren wollen ?

Mein Zustand war so schlecht, dass gar nicht daran zu denken war, für die Feiertage nachhause entlassen zu werden. 66 Helferzellen – einen so schlechten Wert hatte ich noch nie. Immerhin, die erste Messung der Viruslast – eine Methode die ganz neu war und sagen sollte wie viele HI-Viren in meinem Blut sind –  ergab ’nur‘ knapp 80.000 (pro Milliliter). Eigentlich kein so schlechter Wert. Aber bei einem so kaputten Immunsystem war jeder Schnupfen ein potentielles Desaster, geschweige denn diese PcP.

Weihnachten im Krankenhaus … gibt es Trostloseres?

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Wenn es einem schlecht geht, wissen wohl die meisten Menschen damit nicht recht umzugehen – und flüchten. Diese Erfahrungen musste ich nun auch machen.

Von den vermeintlichen Kölner Bekannten, Kneipen-Bekanntschaften und Sexdates  war bald nicht mehr viel zu hören geschweige denn zu sehen. Ich hatte die KölnerArt der ‚Bekanntschaft‘ meist als oberflächlich, letztlich nicht belastbar erlebt. Aber nun betraf es nicht ’nur‘ meinen Kölner Bekanntenkreis, sondern auch die wenigen Menschen, die ich als Freunde betrachteten.

Auch ein Mensch, der uns beiden, Frank und mir, die letzten Jahre (seit ACT UP – Zeiten) ein enger Freund geworden war, viele gegenseitige Besuche, gemeinsame Urlaube, gemeinsames Engagement – auch er flüchtete, im wahrsten Sinne des Wortes, auf äußerst unschöne Art. Eine sehr bittere, trostlose Erfahrung.

Ich kann es nicht ertragen dich krank zu sehen. Das zieht mich so runter, das kann ich mir beruflich nicht erlauben„, waren ungefähr seine Worte zur Begründung, warum er nichts von sich hören ließ, mich nicht im Krankenhaus besuchte.

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Auch den Jahreswechsel musste ich im Krankenhaus verbringen. Für einige Stunden durfte ich allerdings nachhause, am Silvestertag, mit dem Versprechen, abends pünktlich wieder in der Klinik zu sein.

Es war spiegelglatt draußen, Frank hatte mich schon gewarnt. Es war nicht leicht überhaupt ein Taxi zu finden, das mich bei dem Glatteis am Krankenhaus abholen und die kurze Strecke zu uns nachhause fahren wollte. Mühsam schaffte ich es mit Franks Hilfe vom Taxi zur Haustür. Die zwei Halb-Treppen zu unserer Wohnung im ersten Stock erwiesen sich als noch größere Hürde – mir fehlte die Kraft, die Treppen allein gehen zu können. Meine Beine erinnerten mehr an seltsam verformte überdimensionale Streichhölzer, Muskeln gab es da nicht mehr.

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Ende Januar ist es endlich soweit – die Lungenfunktionswerte sind wieder akzeptabel, die Medikamente haben ihre Arbeit getan, körperlich bin ich zumindest für’s Nötigste wieder halbwegs aufgebaut. Ich kann endlich entlassen werden, freue mich auf zuhause. In der Hand ein Rezept für die nun regelmäßig anstehenden Inhalationen zur PcP-Prophylaxe. Einige Illusionen weniger, und einen schmerzhaft verkleinerten Freundeskreis.

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zweimal Rita und zurück
1. Husten auf Mallorca
2. Lovely Rita?
3. Sauerstoff zu Weihnachten
4. Absturz im Mai
5. Wie es (doch) weiter ging …

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6 Antworten auf „Sauerstoff zu Weihnachten – ‚zweimal Rita und zurück‘ Teil 3“

  1. Aber – hatte ich das auf diese Weise erfahren wollen ?

    Gute Frage und eine Frage die ich mir auch schon stellte. Der Wunsch sich solchen Fragen die oftmals Wesentliches beinhalten wünscht man sich in heiterer Gelassenheit 😉 zu stellen. Doch leider hält das Leben andere Pläne für einen bereit.

    Ich mußte – habe auch diesen vorher „als unangenehm empfunden“ Weg gehen müssen. Unangenehmes lehnt man nicht selten erst mal gerne ab, verdrängt es . . .

    Für mich waren Krankenhausausfenthalte – Zeiten wo ich sehr nah bei mir war und sehr viel reflektiert habe.

    Wobei . . auch für mich kam die PcP unangekündigt wie aus heiterem Himmel über mich.

    Dennoc ich beantworte diese Frage mal mit: Ja 😉

    1. alivenkickin: vielleicht sind das unterschiedliche Bezugspunkte.

      ich versuche hier, mein Erleben der damaligen zeit zu beschrieben, weitgehend aus damaliger Erlebensperspektive.

      Heute – mit Abstand, und wissend wie es weiter ging – sehe ich einige Dinge auch anders. Damals aber war die Diagnose PcP (deren Schwere mir ja sofort klar war) ein Schoch, und das klare Zeichen, nun geht es los (bzw. nun ist es bald vorbei)

  2. Auch ich schreibe Vieles in meiner damaligen Erlebnisperspektive nieder.

    Heute, in der Zeit danach hat sich meine Wahrnehmung und Verständnis in Vielem geändert. ich halte es durchaus für angemessen meine – die jetzige Sichtweise – Verstädnis darzulegen, die natürlich erst mal rein subjektiv ist, sein kann

    Ich hatte die PcP zur gleichen Zeit wie Du. Vieles was Du damals „subjektiv empfunden“ hast habe ich ähnlich empfunden, kommt mir also „sehr bekannt“ vor . . . 😉

    Bei mir kam sie nach 13/14 Jahren des HIV + sein s über s Wochende im Oktober 1996.

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