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Die heilige Johanna der Schlachthöfe / Theater Bremen 2022

Zuletzt aktualisiert am 4. Oktober 2022 von Ulrich Würdemann

Regisseurin Alize Zandwijk hat Brechts ‚Die Heilige Johanna der Schlachthöfe‘ für ihre Inszenierung am Theater Bremen adaptiert und vor allem gekürzt. Im Mittelpunkt steht nun die Auseinandersetzung zwischen Johanna und dem Fleisch-König Mauler.

Grundlage ist Brechts ‚Heilige Johanna der Schlachthöfe‘, ein Stück über Klassenkampf vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe Theater Bremen 2022

Es sind ausgesperrte Arbeiter eines Chicagoer Schlachthofs, denen Johanna von der Heilsarmee den Glauben näher bringen will. Das Elend der Menschen lässt sie zu einer Klassenkämpferin werden. Doch letztlich scheitert sie daran, die Missstände zu beheben. Erst angesichts ihres Todes akzeptiert sie Gewalt als Mittel um Ziele durchsetzen zu können.

Brecht nennt seine Protagonistin Johanna Dark – angelehnt an Jeanne d’Arc, die französische Bauerntochter, die im Hundertjährigen Krieg den Franzosen zum Sieg über die Engländer verhilft.

Brechts Theaterstück in 12 Bildern (Mitautorin Elisabeth Hauptmann) aus dem Jahr 1929/30 wurde erst am 30. April 1959 (drei Jahre nach Brechts Tod) am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt (Inszenierung Gustaf Gründgens).

Die Bremer Inszienierung des Stücks (2022) arbeitet mit kleiner Besetzung. Im Mittelpunkt dieser Inszenierung: eine Fokussierung auf Johanna (Shirin Eissa) und Mauler (Nadine Geyersbach). Die ausgesperrten Arbeiter sind hier nur noch (von den Darstellern der Vieh-Magnaten bewegte) Hand-Puppen, die Heilsarmee mutiert zu Silhouetten an der Wand.

Mit dieser Fokusierung verlegt Zandwijk (seit der Spielzeit 2016/17 leitende Regisseurin Schauspiel am Theater Bremen) den Konflikt: er wandert von der kollektiven Ebene (ausgesperrte Schlachthof-Arbeiter, Heilsarmee) auf die individuelle Ebene, wird zur politischen und persönlichen Auseinandersetzung zwischen Johanna und Mauler.

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Eine starke Frauen-Figur steht im Mittelpunkt der Inszenierung von Regisseurin Zandwijk. Nur – ist die starke Frau Johanna, oder wird eigentlich fast Mauler (beeindruckend Nadine Geyersbach) zur Hauptfigur?

Zandwijks Verschieben des Fokus auf eine individuelle Ebene wirkt wie eine recht eigenwillige Interpretation von Brechts Stück. Eine Schwerpunktverschiebung, die letztlich nicht überzeugt – gerade angesichts des Themas, einer kritischen Auseinandersetzung mit Kapitalismus-Folgen.

Die Bremer Inszenierung ist phasenweise etwas spektakelig, und sie ist intensiv – manchmal zu intensiv. Ist es z.B. (um den aktuellen Bezug zu verdeutlichen) wirklich notwendig, die Heilige Johanna zum Schluss zu Greta Thunberg zu mutieren?

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Die Heilige Johanna der Schachthöfe
Regie Alize Zandwijk
Theater Bremen – Kleines Haus
Premiere am 9. September 2022

Von Ulrich Würdemann

einer der beiden 2mecs.
Schwulenbewegt, Aids- und Therapie-Aktivist. Von 2005 bis 2012 Herausgeber www.ondamaris.de Ulli ist Frankreich-Liebhaber & Bordeaux- / Lacanau-Fan.
Mehr unter 2mecs -> Ulli -> Biographisches

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