Tri-Ergon – 1919 wird in Berlin ein Verfahren für Tonfilm erfunden

Wie können stumme Bilder im Kino tönen? Drei Berliner Erfinder hatten 1919 eine Lösung – Tri Ergon. In Berlin-Wilmersdorf erinnert eine Gedenktafel an ihr ‚Laboratorium für Kinematographie‘.

Tri-Ergon – ein Begriff, der inzwischen nahezu in Vergessenheit geraten ist. Ganz anders in den 1920er Jahren. Die Anfänge des Tonfilms. In Berlin sind drei Männer ganz vorne mit dabei, bei der Entwicklung von Techniken zur Kombination von Bild und Ton.

Wie läßt sich Schall photographisch auf einem  Medium mit Bild kombinieren – zum Tonfilm? Damit beschäftigen sich in den 1920er Jahren Josef Engl, Hans Vogt und Joseph Massolle. Sie entwickeln das ‚Lichtton – Verfahren‘. Und gründen nebenbei auch noch ein Schallplattenlabel.

Tri Ergon - Gedenktafel für das 'Laboratorium für Kinematographie in Berlin'
Tri Ergon – Gedenktafel für das ‚Laboratorium für Kinematographie in Berlin‘

Berlin 1919. Josef Engl, Hans Vogt und Joseph Massolle beginnen mit der Entwicklung von Ideen für den Tonfilm. Sie richten hierzu im Haus Babelsberger Straße 49 im Berliner Bezirk Wilmersdorf ein ‚Laboratorium für Kinematographie in Berlin‚ ein. Die Gründung erfolgt zunächst in Kooperation mit dem Elektrokonzern Lorenz

Es entsteht das ‚Tri-Ergo Lichtton-Verfahren‚ zur Aufnahme und Wiedergabe von Lichttonfilmen . Großer Vorteil gegenüber anderen zeitgleich entstehenden Tonfilm-Verfahren: bei ihrem Verfahren befindet sich die Tonspur (mit variabler Dichte, 7 mm) neben den Bildern (Standard 35mm Film) auf dem gleichen Filmstreifen, der so insgesamt 42 mm aufweist. Bild und Ton sind so zwangsläufig synchron (wenn auch auf einem von der Standardbreite abweichenden Filmformat).

Das Lichtton-Verfahren konkurrierte damals zunächst mit dem ‚Ton-Scheiben-Verfahren‘, bei dem der Ton auf getrennten Schallplatten aufgenommen war. Schon aufgrund der leichteren Synchronisierung von Ton und Bild setzte sich das Lichtton-Verfahren jedoch bald durch.

Nach dem Patent in Deutschland 1919 erhalten die drei Erfinder 1922 auch ein US-Patent für ihr Tonfilm-Verfahren. Den Namen Tri-Ergon für ihre Erfindung und Firma bilden die Pioniere des Lichttonverfahrens aus dem Griechischen ‚Werk der drei‘.

Bereits wenig später, am 26. Februar 1921, gelingt ihnen der erste (kurze) Tonfilm der Welt – eine Rezitatorin spricht Goethes Gedicht ‚Heideröslein‚.

Am 24. November 1922 kündigt der Elektrokonzern Lorenz die Verträge mit Tri-Ergon. Doch ein Schweizer Rechtsanwalt stellte ihnen 800.000 sFr zur Verfügung für die Weiterentwicklung ihrer Erfindung. Alle Rechte am Tri-Ergon – Tonfilmverfahren übertragen die drei Beteiligten 1923 an die neu gegründete Tri-Ergon-Aktiengesellschaft mit Sitz in Zürich. Die Rechte außerhalb Deutschlands hält seit 1926 die Tri-Ergon Musik AG in St. Gallen (Schweiz).

aus Tri Ergon wird Tobis Klangfilm

1927 gründete die Tri-Ergon Musik AG als Tochterunternehmen die Tobis-Klangfilm-Syndikat AG. Tri-Ergon Musik AG (St. Gallen) schloss sich in der Folge am 30. August 1928 mit der Küchenmeister KG, mit der Deutschen Tonfilm AG und mit der Messterton AG zusammen. Durch einen weiteren Zusammenschluss mit der Klangfilm GmbH (13. Februar 1929) entstand die Tonbild Syndikat AG, bald darauf genannt Tobis-Tonbild Syndikat AG (kurz Tobis Klangfilm). Das Tri Ergon Tonfilmverfahren wird dadurch bis zum Ende des 2. Weltkriegs zu einem der dominierenden Tonfilmverfahren in Europa.

Am 5. Juli 1927 verkauft die Tri-Ergon AG Zürich die USA- Rechte für das Tri-Ergon – Tonfilmverfahren für 50.000 US-$ an den US-Unternehmer William Fox (Fox Film Corp.). Fox erwirbt die Rechte an weiteren Tonfilm-Patenten und entwickelt aus diesen das Tonfilm-System ‚Fox Movietone‚. Einer der ersten Filme nach dem neuen Tonfilm-Verfahren ist ‚Sunrise‚ von F. W. Murnau im Jahr 1927.

Joseph Massolle wurde 1925 verantwortlicher Leiter für Tonfilm-Technik bei der UFA und blieb dies bis 1945. Josef Engl ging bereits 1929 in die USA und arbeitete für US-Filmgesellschaften. Hans Vogt machte sich 1927 selbständig und verlegte 1942 seinen Betrieb nach Erlau.

Ein originaler Tri-Ergon – Filmprojektor aus dem Jahr 1923 befindet sich im Deutschen Museum in München.

Tri-Ergon Photo-Electro-Records (1927 – 1932)

1927 (nach dem Verkauf der Rechte am Tonfilm-Verfahren) gründen Engl, Vogt und Massolle als Tochterunternehmen der Tri-Ergon-AG die Tri-Ergon Photo-Electro Records. Bereits im Juli 1923 haben sie die Idee, die von ihnen entwickelte Tonfilm-Technik auch für Schellack Schallplatten-Aufnahmen zu nutzen und zum Patent anzumelden (Patent angemeldet 6.12.1924, Beginn Patentdauer 15.10.1925, Patent Nr. 102809 ‚für die Herstellung von Schallplatten für Sprechmaschinen in größerer Vollkommenheit als bisher zu erreichen war‚).

Tri-Ergon Records hat seinen Sitz in Berlin-Kreuzberg, Ritterstr. 46/47. Die Gesellschaft produziert Schellackplatten für den deutschen, französischen, schwedischen und dänischen Markt. Unter dem Sub-Label ‚Star‚ werden zudem von 1930 bis 1932 nur für den schwedischen Markt Platten veröffentlicht.

Tri-Ergon Photo-Electro Records war als Unternehmen bis 1932 aktiv.

Gedenktafeln an die Tonfilm-Erfinder von Tri-Ergon

Am 21. Juni 1996 wurde am Haus Babelsberger Straße 49 in Berlin Wilmersdorf eine Gedenktafel enthüllt. Sie erinnert an die drei Tonfilm-Erfinder Josef Benedikt Engl (6.8.1893 München – 8.4.1942 New York), Hans Vogt (25.9.1890 Wurlitz bei Hof – 4.12.1979 Erlau; Pseudonym als Schriftsteller: Johannes vor der Erlau) und Joseph Massolle (24.3.1889 Bielefeld – 2.4.1957 Berlin).

Die Welturaufführung des ersten (mehrstündigen) Tonfilms ‚Das Leben auf dem Dorfe‚ – dessen technische Grundlage Tri Ergon lieferte –  fand am 17. September 1922 im damaligen Kino ‚Alhambra‚ am Kurfürstendamm 68 in Berlin statt. Am Ort des damaligen Kinos (später ‚Hotel Kurfürstendamm‚) erinnert hieran seit 17. September 1964 eine Gedenktafel.

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