Akademos – Jacques d’Adelswärd-Fersen gründet 1909 erste Zeitschrift über Homosexualität in Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 23. Juni 2018 um 12:34

Sie wird oft als ‚erste schwule Zeitschrift Frankreichs‘ bezeichnet: Akademos (voller Titel: Akademos : revue mensuelle d’art libre et de critique), herausgegeben von Jacques d’Adelswärd-Fersen. Und ist doch wohl eher die erste Zeitschrift über Homosexualität (während Inversions vielen als erste Homosexuellen-Zeitschrift Frankreichs gilt).

Akademos wurde nach Planungen ab 1907 im Januar 1909 in Paris gegründet. Die erste Ausgabe erschien mit einem Umfang von 160 Seiten am 15. Januar 1909 im Verlag von Albert Messein (1873 – 1957; Messein war auch Verleger der Werke von Verlaine).

Akademos Ausgabe 1909 (public domain)
Akademos Ausgabe 1909 (public domain)

Der bei Gründung 29jährige Herausgeber Jacques d’Adelswärd-Fersen (s.u.) war homosexuell. Er bemühte sich einige homosexuelle Mitarbeiter um sich zu versammeln. Sein Freund Nino Cesarini fungierte als Geschäftsführer.

Die Zeitschrift behandelte Homosexualität aus den Blickwinkeln von Kunst und Literatur. Sie war allerdings wesentlich über Homosexualität als Thema hinausreichend angelegt und trat – im Gegensatz zu späteren Homosexuellen-Zeitschriften – im wesentlichen nicht explizit für die Rechte Homosexueller ein. Aus diesen Gründen betrachten viele Akademos als erste Zeitschrift in Frankreich über Homosexualität, Inversions hingegen als erste Homosexuellen-Zeitschrift Frankreichs.

Einen Monat nach Erscheinen der ersten Ausgabe bemerkt die anerkannte Revue Le Mercure de France, Akademos sei „une revue somptueuse, imprimée avec luxe et bon goût. Toutes les belles choses n’ont heureusement pas un destin court et il faut souhaiter la durée à ce nouveau recueil“ (eine prächtige, mit Geschmack und Luxus realisierte Zeitschrift. Schöne Dionge haben zum Glück kein kurzes Schicksal und wir müssen dieser Neuerscheinung Ausdauer wünschen.).

Insgesamt erschienen 11 Ausgaben von Akademos mit einem Umfang von insgesamt 1.025 Seiten. Die erste Ausgabe ist hier als Scan online. Als Bilddateien sind die Ausgaben des zweiten Halbjahres (Juli bis Dezember 1909) hier online.

Am 1. Januar 1910 beschließt Fersen die Einstellung der Zeitschrift. Grund ist nicht einzig der hohe Mittelbedarf hierfür (er hat bis dahin etwa 50.000 Francs aus seinem Vermögen eingesetzt). Vielmehr soll er eine international angelegte, in mehreren Sprachen publizierte neue Zeitschrift planen. Er fragt u.a. bei Magnus Hirschfeld wegen einer Kooperation an. Zur Realisierung des Projektes kommt es nicht.

Jacques d’Adelswärd-Fersen – Gründer von Akademos

Jacques d’Adelswärd-Fersen wurde am 20. Februar 1879 in Paris geboren. Väterlicherseits ist er Nachfahre des schwedischen Adeligen und Reichsmarschalls Axel von Fersen, Liebhaber der französischen Königin Marie Antoinette, der die gescheiterte Flucht des Königspaares plante.
Jacques d’Adelswärd-Fersen nannte sich selbst auf Visitenkarten ‚comte de Fersen‚ (Graf von Fersen).

Jacques d'Adelswärd-Fersen auf einem Foto aus dem jahr 1905 (Quelle: wmc Roger Peyrefitte)
Jacques d’Adelswärd-Fersen, Gründer von Akademos , auf einem Foto aus dem Jahr 1905 (Quelle: wmc Roger Peyrefitte)

1898 kommt Adelswärd-Fersen nach dem Tod seines Großvaters (Mitgründer eines Stahlwerks) zu großem Reichtum. 1902 verlobt er sich. Im Folgejahr wird durch einen im Juli 1903 große Publizität erlangenden Skandal seine Homosexualität einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Die bereits geplante Heirat kommt nicht zustande.

Fersen lebt in der Folgezeit überwiegend auf Capri, wo er sich im Nordosten der Insel ein Haus bauen lässt. Die so genannte Villa Lysis (benannt nach dem Werk Platons über die (auch erotische) Freundschaft) wird im Spätsommer 1905 eingeweiht. Später wird die Villa auch bekannt als Villa Fersen.

Villa Lysis / Villa Fersen auf Capri (Foto(c) Stefan M. Weber)
Villa Lysis auf Capri 2017 (Foto(c) Stefan M. Weber)

Jacques d’Adelswärd-Fersen stirbt am 5. November 1923 auf Capri. Sein Grabmal befindet sich auf dem ’nicht-katholischen‘ Friedhof (Cimitero Acattolico) auf Capri (Grab 2-40).

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Der Roman L’Exilé de Capri (1959; dt. 2004 Exil in Capri) des französischen Schriftstellers und Diplomaten Roger Peyrefitte (1907 – 2000) ist in Teilen vom Leben Adelswärd-Fersens inspiriert.

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Danke Stefan M. Weber für das Foto der Villa Lysis!

Text zuletzt aktualisiert 23. Juni 2018

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