Die Chinesen von Montargis und die KP China

Die Chinesen von Montargis und die Gründung der KP China: Montargis, ein Städtchen  im Loiret 100 Kilometer südlich von Paris gelegen, ist in Frankreich wenig, in Deutschland fast gar nicht bekannt. Ganz anders in Asien: in Montargis ist die Wiege der KP China . Zahlreiche spätere Spitzenpolitiker Chinas verbrachten hier einen  Teil ihrer Jugend.

Montargis? Kaum jemand kennt in Deutschland diese Kleinstadt von knapp 15.000 Einwohnern, und selbst in Frankreich ist das Städtchen (außer durch die Prasline von Montargis) nur wenig bekannt.

In China hingegen steht Montargis in fast jedem Geschichtsbuch.
In China?

die Chinesen von Montargis – ein Brief führt zur Gründung der KP Chinas

Ausgerechnet in einem kleinen verträumten Städtchen in Frankreich spielt die Vorgeschichte der Gründung der Kommunitischen Partei Chinas ( KP China ).

Des chinesische Agrarökonom und Pädagoge Li Shizeng (auch: Li Yuying; 29. Mai 1881 Guangyang bis 30. September 1973 Taipei), der 1902 nach Paris gekommen war, siedelte 1903 nach Montargis um und schrieb sich an der ‚Ecole Pratique d’Agriculture du Chesnoy‘ ein. Er war Mitglied der chinesischen Elite (Sohn eines früheren kaiserlichen Beraters). Cai Yuanpei, Erzeihungsminister und Präsident der Universität Peking, sowie Sun Zhingshan (Sun Yatsen) besuchten ihn mehrfach in Montargis.

Auf Initiative und mit maßgeblicher Beteiligung Li Shizengs wurde 1913 in Absrache mit Bürgermeister und Stadtrat in Montargis das ‚Mouvement Travail-Études‚ (etwa: Arbeits- und Studien-Bewegung) gegründet. Jungen Chinesen sollte ermöglicht werden, nach Frankreich zu reisen, um dort Kultur und Sprache des Landes zu studieren. Bis in die Mitte der 1920er Jahre entsteht so um das Mouvement herum eine bedeutende chinesische Gemeinschaft mit mehreren hundert Teilnehmer/innen in Montargis. Ihr Haupt-Anliegen: China zu reformieren, zu modernisieren.

Die Chinesen von Montargis studieren im Colège Gambetta (Männer) bzw. im Lycée du Chincon (Frauen), oder im Lycée Durcy (Agrarwissenschaft). Zudem arbeiteten die meisten von ihnen in der nahe gelegenen 1853 gegründeten Kautschuk-Fabrik von Hiram Hutchinson in Chalette-sur-Loing.

Nicht nur die späteren chinesischen Spitzenpolitiker und Funktionäre der KP Chinas Deng Xiaoping und Zhou Enlai verbringen über das Mouvement einen Teil ihrer Jugend in Montargis. Auch die im Westen weniger bekannten Li Weihan, Li Fuchun, sowie Chen Yi leben längere Zeit in Montargis. (zu ihrere späteren Rolle in der KP China siehe weiter unten).

Cai Hesen – Briefe aus Montargis an Mao und die Gründung der KP China

1919 reiste auch Cai Hesen (30. März 1895 – 4. August 1931; auch Ts’ai He-sen, 蔡和森) nach Frankreich, nahm an dem Programm teil. Er beteiligte sich an politischen Diskussionen und agitierte für den Marxismus. Bekannt wurde er als Vertreter der Haltung, dass nur ein gewalttätiger Umsturz Chinas Probleme lösen könne.

Cai Hesen, früher Führungspolitiker der KP Chinas, an deren Gründung er aus Montargis beteiligt war
Cai Hesen, früher Führungspolitiker der KP Chinas, an deren Gründung er aus Montargis beteiligt war

Im ‚Jardin Dourzy‘ in Montargis stellte Cai Hesen gemeinsam mit seinem Freund Xiang Jingyu seine Thesen zur ‚Rettung Chinas und der Welt‘ seinem Freundeskreis vor – heute ist der Jardin Dourcy eine der Stationen eines Geschichtspfads in Montargis.

Cai Hesen war in regelmäßigem Briefwechsel mit Mao Tsetung, der zu dieser Zeit in Peking lebte. Cais Briefe, insbesondere der ‚Brief vom 13. August‘ 1920, waren maßgeblich an der Gründung der KP Chinas (1. Juli 1921) beteiligt. Mao Tsetung: „Es gibt nicht ein Wort, mit dem ich nicht übereinstimme.

Nach seiner Rückkehr nach Cina war Cai Hesen u.a. Gründer der ersten Zeitung ‚The Guide‘ sowie Mitglied des 2., 3., 4., 5. und 6. Zentralkommittees der KP China sowie des 5. und 6. Politbüros.

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Die Chinesen von Montargis – spätere Spitzenfunktionäre der KP China

Mithilfe des Mouvements waren neben Cai Hesen zahlreiche spätere Spitzenpolitiker Chinas während ihrer Jugend in Montargis:

Zhou Enlai

(5. März 1898 bis 8. Januar 1976) war einer der wichtigsten Führer der KP China und zeitweise Premierminister.

Er lebte von 1922 bis 1924 in Paris (vorher 1921 Edinburgh); in dieser Zeit kommt er in Kontakt mit den Chinesen von Montargis, ohne selbst Mitglied des Mouvement travail-études (s.o.) zu sein. Im März 1922 zieht er nach Berlin um, wo zu der Zeit auch das Osteuropa-Sekretariat der Komintern seinen Sitz hat.

Im Juni 1922 gründet er gemeinsam mit 21 anderen die Kommunistische Partei der Jugend Chinas (‚Jugendliga‘), den europäischen Arm der KP Chinas. Hier lernt er den damals siebzehnjährigen Deng Xioaping kennen. Mitte der 1920er Jahre kehrte er nach China zurück.

Er wurde zu einem der führenden Politiker Chinas und war von 1949 bis zu seinem Tod am 8. Januar 1976 Premierminister.

Ein Ende 2015 publiziertes Buch eines Hongkonger Journalisten behauptet, möglicherweise sei Zhou Enlai schwul gewesen.

Deng Xiaoping

(22. August 1904 Xiexing bis 19. Februar 1997 Peking) kam 1920 nach Frankreich, zunächst nach Bayeux. Nach einigen Monaten reist er weiter Richtung Montargis, um in der Rüstungsfabnrik Schneider (Creusot) seinen Lebensunterhalt zu verdienen, später bei Renault, und in der Kautschuk-Fabrik Hutchinson. Während dieses Aufenthalts kommt er erstmals mit marxistischen Ideen in Kontakt.

Er lernt Zhou Enlai kennen, mit dem er zeitweise in einem Appartment in Paris wohnt. 1923 tritt er der KP China bei, wird bald eine der Führungsfiguren des europäischen Zweigs (‚Jugendliga‘). Anfang 1926 setzt er sich nach Moskau ab, wo er sein Studium fortsetzt.

Deng Xiaoping machte nach seiner Rückkehr nach China schnell Karriere in der KP China und wurde einer der wichtigsten Unterstützer Maos. Nach Maos Tod wurde er Parteivorsitzender und läutete ab 1979 eine Öffnung Chinas gegenüber kapitalistischen Wirtschaftsformen (ohne politische Veränderungen) ein.

Li Weihan

(2. Juni 1896 Liling / Hunan bis 11. August 1984 Peking) kam 1910 nach Montargis. Nach seiner Rückkehr nach China 1922 wurde er enger Berater Maos. 1928 wurde er in das ZK gewählt. Am Langen Marsch nahm er als Politkommissar teil.

Li Weihan war der erste Direktor der Parteischule der KP Chinas 1933 bis 1935 sowie erneut 1937/38. Viele Jahre war er im Volkskongress tätig, zeitweilig war er Vize-Präsident des Senats (1954 – 64). 1949 bis 1954 war er Generalsekretär der Vollversammlung der Nationalversammlung.

Während der Kulturrevolution wurde er als Abweichler und Revisionist bezeichnet und aus allen seinen Ämtern entfernt. 1978, zwei jahre nach Maos Tod, erschien er erneut auf der politischen Bühne Pekings und wurde Partei-Berater. Im Alter von 88 Jahren starb er am 11. August 1984 in Peking.

Li Fuchun

(22. Mai 1900 Changsha bis 9. Januar 1975) kam 1919 nach Montargis, arbeite u.a. bei Renault und in der Waffenfabrik Schneider / Creusot. 1922 tritt er der kommunitischen Partei bei. 1923 heiratet er die Schwester von Cai Hesen (s.o.). 1925 setzt er seine Studien kurzzeitig in der UdSSR fort. Nach seiner Rückkehr nach China wird er Polit-Kommissar der 2. Armee. In dieser Zeit lernt er Mao kennen.

1934 wird Li Fuchun in das ZK der KP Chinas gewählt, nimmt am Langen Marsch teil. 1954 wird er zum Vize-Premierminister und Viorsitzenden der Staatlichen Planungskommission ernannt. 1956 wird er Mitglied des Politbüros.

Nach Kritik an der Kulturrevolution ruhen seine Ämter ab Ende 1966 zunächst. 1971 wird er komplett rehabilitiert. Er stirbt am 9. Januar 1975. Li Fuchun gilt als einer der Begründer des kommunistischen Wirtschaftssystems Chinas.

Xiang Jingyu

(4. September 1895 bis 1. Mai 1928) studierte an der gleichen Schule wie Cai Hesen (s.o.) , den sie im Mai 1920 heiratete, und Mao Tedong.  Xiang Jingyu kam im Dezember 1919 nach Montargis. Sie setzte sich aktiv für die Rechte der Frauen ein.

1921 kehrte sie nach Cina zurück und  wurde als eine der ersten Frauen Mitglied der KP Chinas.  Sie wurde erste Vorsitzende des neu eingerichteten Frauen-Büros der KP Chinas.1925 wurde sie de facto politisch kalt gestellt (Entsendung nach Moskau). Am 1. Mai 1928 wurde sie von Guomindang-Polizisten hingerichtet.

Aufgrund ihrer Arbeit, ihres Charismas und ihrer Energie wird sie als Inbegriff des neuens Chinas und Inbegriff der Frauenbewegung Chinas betrachtet.

Chen Yi

(26. August 1901 Sichuan bis 6. Januar 19782 Peking) trat der KP China 1923 bei. 1928, nach Begegung mit Mao, war er an der Gründung der Roten Arbeiter- und Bauernarmee beteiligt. Im chinesisch-japanischen Krieg (1937 – 45) leitete er die ’neue 4. Armee‘, eine der beiden von der KP China direkt geleiteten Armee-Einheiten.

Seit 1945 war Chen Yi Mitglied des Zentralbüros der KP Chinas. 1949 bis 1958 war Chen Yi erster kommunistischer Bürgermeister von Shanghai. Von 1958 bis 1972 fungierte er in Nachfolge von Tchou Enlai als Außenminister der Volksrepublik China.

Im Februar 1967 kritisierte Chen Yi offen die Kulturrevolution. Die Roten Garden verhaften ihn, er verliert seine öffentlichen Ämter, trotz Protektion durch Tchou Enlai. Am 6. Jauanr 1972 stirbt Chen Yi in Peking. Die aufwendigen Zeremonien bei seiner Trauerfeier werden von einigen Sinologen als indirekte Rehabilitation gewertet.

Geschichts-Pfad in Montargis

An die Geschichte der „Chinesen in Montargis“ erinnert in der Stadt seit einiger Zeit ein Rundgang mit 11 Stationen (Plan und informative Broschüre dazu im Office de Tourisme erhältlich).

Denkmal für 'Monsieur le Maitre' und die Chinesen von Montargis, Li Xiaochao
Denkmal für ‚Monsieur le Maitre‘ und die Chinesen von Montargis, Denkmal von Li Xiaochao, Montargis Foire de la Madeleine

Seit Ende Juni 2014 erinnert eine Plastik in Montargis (place du Patis), gestiftet von der chinesischen Künstlerin Li Xiao Chao, an den ‚Lehrer‘:

L’enseignant, dit Monsieur le Maître. Mince et très gentil, il a enseigné toute sa vie. Retraité depuis quelques années, il n’a pas d’autre passion que l’enseignement. Chaque jour, il se lève à l’aube et sort du village vêtu de son costume, comme s’il retournait à l’école.
Inschrift (französisch / englisch / chinesisch) der Tafel unter der Plastik von Li Xiao Chao

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