Hardliner und Kassandra der Aids-Krise: Gert G. Frösner

Hardliner, Untergangs-Prophet, Kassandra – der CSU-Politiker Peter Gauweiler war bei weitem nicht der einzige, der sich um diesen ‚Titel‘ bewarb. Der Münchner Virologe Gert G. Frösner war Berater von Gauweiler – und expliziter Hardliner in den frühen Jahren der Aids-Krise.

100.000 Aids-Tote schon 1996. Kondome seien nicht sicher, ‚Aids-Übertragung‘ auch bei Zungenküssen möglich. Reihenuntersuchungen der gesamten Bevölkerung, und selbstverständlich nicht nur auf freiwilliger Basis. Meldepflicht von HIV-Infizierten. Fanatismus der Vertreter der Betroffenengruppen. Die Szenarien, die der Münchner Virologe Professor Dr. med. Gert G. Frösner vom Pettenkofer-Institut Mitte / Ende der 1980er Jahre zeichnete, rechtfertigten bald seine Ruf als Hardliner in der Auseinandersetzung um eine wirksame Antwort auf die Aids-Krise.

Frösner konstatierte das „Versagen der ’safer sex‘ -Kampagnen in den USA“ [4] und gefiel sich als Kassandra. Schon bis zum Jahr 1996 prognostizierte er 100.000 Aids-Tote [1].
Hintergrund: bis Ende 2013 belief sich die Gesamtzahl aller in Deutschland an den Folgen von Aids Verstorbenen laut RKI auf 28.000 [5].

Die verzweifelte Kassandra vor der brennenden Stadt Troja. Evelyn de Morgan 1898. De Morgan Center London
Die verzweifelte Kassandra vor der brennenden Stadt Troja. Evelyn de Morgan 1898. De Morgan Center London

Frösner warnte noch 1987 vor „Aids-Übertragung beim Zungenkuß“ und betonte, es ist „anzunehmen, daß bereits sehr viele Infektionen durch Küssen übertragen worden sind.

Auch die ‚Behauptung‘, dass Kondome sicher schützen, sagte Frösner, „scheint widerlegt„. [4] Frösner konstatierte, ebensfalls 1987,, „daß ‚jede Art des Intimkontakts (auch mit Kondomen) ein Aids-Risiko darstellt“ [4].

Frösners Rezept zur Aids-Bekämpfung: er forderte ein Screening der gesamten Bevölkerung auf HIV sowie Meldepflicht:

„Um auch diese Infektionsquellen durch die Meldepflicht zu erfassen, ist eine regelmäßige Blutuntersuchung der erwachsenen Bevölkerung notwendig.“ [7]

Reihenuntersuchungen der gesamten erwachsenen Bevölkerung und eine namentliche Meldepflicht der Infizierten“ [4]. „Das kostet bei zwei jährlichen Untersuchungen nur 250 Millionen Mark“ [1], das sei „so viel wie zwei Kampfflugzeuge“ [3].

Dieses Screening solle nicht auf freiwilliger Basis sein, denn

es gehört schon sehr viel Naivität und sehr wenig Einsicht in die menschliche Natur dazu, an die Wirksamkeit des Konzepts der freiwilligen Testung zu glauben“ [4].

Und das Recht auf Selbstbestimmung?

Wenn zum Schutz der Allgemeinheit jeder über seine Infektiosität Bescheid Wissen muß, die freiwillige Untersuchung aber abgelehnt wird, so ist ein Staat, der den Schutz seiner Bürger ernst nimmt, zu den oben genannten oder zu ähnlichen Kontrollmaßnahmen verpflichtet“ [4].

Wenn all das nicht geschieht, wusste er – ganz Kassandra – auch, was droht:

Den deutschen Risikogruppen droht der Holocaust.“ [2]

Menschen die seine apokalyptischen Prognosen und Angst-Szenartien nicht teilen, nennt Frösner gerne „Beschwichtiger“ und spricht am 13. Mai 1987 von „durch Fakten nicht zu erschütternden Fanatismus der lnteressenvertreter der Risikogruppen“ [4]:

Würde ich die ‚Dummheit und Unlogik der Argumentation sowie den durch Fakten nicht zu erschütternden Fanatismus der Interessenvertreter der Risikogruppen nicht fast täglich erleben, so müßte ich bei dieser Sachlage an einen mit kaltem Intellekt gebilligten Holocaust der Risikogruppen glauben.

Bei all dem überrascht es auch nicht, dass Frösner in den von Aids-Kranken und HIV-Positiven sehnlichst erhofften und erwarteten Aids-Medikamenten eher Gefahren sah.  Kühl und kurz konstatierte er

Eine lebensverlängernde Therapie der Erkrankten könnten das AIDS-Pro­blem der Bevölkerung vergrößern.” [6]

Aber dass Positive und Aids-Kranken länger leben, allein darin läge schon eine Gefahr, so Frösner:

„Das AIDS-Problem vergrößert sich ebenfalls, wenn die Annahme einiger Virologen zutreffen würde, daß ein Großteil der Infizierten nicht stirbt, sondern lebenslang eine Infektionsquelle darstellt.“ [6]

Wie sollten wir diese Äußerung verstehen? Zum Schutz der Bevölkerung sei es vielelicht besser, wenn HIV-Positive und Aids-Kranke keine Medikamente bekommen?

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Von 2014 aus betrachtet, mögen diese Äußerungen des Virologen Professor Gert Frösner skuril bis verschroben erscheinen. Damals wirkten sie anders. Entsetzen, Fassungslosigkeit, Wut. Eine Pogromstimmung, aus der heraus auch ACT UP entstand.

Erinnert sei nur, Frösner war nicht irgendwer – er war Berater von Peter Gauweiler … und (zumindest noch 2012) im Beirat des Vereins ‚Aids-Aufklärung e.V.‘.

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Aufgrund ihrer Schönheit gab der griechische Gott Apollon Kassandra, Tochter des Priamos, König von Troja, und Hekabe, die Gabe der Weissagung. Doch all seine Verführungsversuche wies Kasandra ab. Zur Strafe verfluchte Apollon sie, niemand solle zukünftig ihren (zumeist Unheil verkündenden) Weissagungen Glauben schenken.

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[1] „Harte Hand“, Spiegel 4.5.1987 (online)
[2] Hans Halter: Das Virus muß nur noch fliegen lernen. Spiegel 16.11.1987 (online)
[3] SZ 29.4.1987
[4] Gert G. Frösner: Fast müßte man an einen mit kaltem Intellekt gebilligten Holocaust glauben. Leserbrief in SZ vom 13.5.1987 , in: AIDS Informationsdienst Nr. 22, Juni 1987 (online als pdf auf aidshilfe.de)
[5] HIV/AIDS in Deutschland – Eckdaten der Schätzung. in: Epidemiologisches Bulletin Nr. 44 / 2014 vom 3. November 2014
[6] in: ‚Aids-Forschung‘, Juni 1987; zitiert auch in [8]
[7] AIDS – Sexverbot für Zehntausende? Streitgespräch zwischen Peter Gauweiler und Martin Dannecker. in: Spiegel 12.1.1987 (online)
[8 ] Andreas Salmen: Wir sind im Krieg – Kommentar. in: Siegessäule Januar 1988, S. 9

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6 Antworten auf „Hardliner und Kassandra der Aids-Krise: Gert G. Frösner“

  1. Es ist immer mal wieder gut, sich daran zu erinnern, was alles hätte passieren können, hätten nicht rechtzeitig ein paar engagierte Menschen das Steuer herumgezogen.

    Die relativ niedrige Neuinfektionsrate in Deutschland spricht dafür, dass mit der Betonung der Eigenverantwortung statt der Repression nicht nur der gesellschaftlich humanere, sondern auch der präventionstechnisch effektivere Weg eingeschlagen wurde.

    Leider muss diese Haltung auch heute noch immer mal wieder verteidigt werden – ich denke z.B. an die immer noch regelmäßig stattfindende Kriminalisierung von hiv-Positiven durch Justiz und Medien.

    1. ja – Diskriminierung und Kriminalisierung zeigen (genauso wie Stigmatisierung), dass die (gesellschaftspolitische) Aids-Krise weiterhin nicht vorbei ist.

      Mir ist wichtig, auch Positionen (und Personen) aus der ‚Aids-Geschichte‘ zu erinnern – auch um zu lernen, zB immer wieder: nicht auf Hysterie und Untergangs-Prophetie zu hören

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