Selbsterhaltungstrieb – die ewige Aidshilfe ?

Zuletzt aktualisiert am 4. März 2017 um 16:37

Die französische Aidshilfe Aides ist in der Krise. Hätte man sie schon längst schliessen müssen, um “ die ewige Aidshilfe “ zu vermeiden? Dies fragt der Soziologe und Mitgründer von Aides, Daniel Defert.

In Frankreich „wackelt ein Denkmal des Kampfes gegen Aids“, schreibt die Tageszeitung ‚Liberation‘ – die Aidshilfe Aides ist in der Krise. Und eine weitere weitere Organisation steht kurz vor dem Aus – ACT UP Paris befindet sich seit Ende März 2014 in Insolvenz.

ewige Aidshilfe ? - Aides Logo
ewige Aidshilfe ? – Aides Logo

Ein Drama?


Oder – normale Entwicklung in einer sich verändernden Situation?
Aids ist keine düstere Bedrohung mehr.
Braucht es da noch jede Aids-Organisation?
Snd einige Organisationen inzwischen auch vom Selbsterhaltungstrieb gesteuert?
Suchen, wenn der alte Zweck schwindet (oder aus den Augen verloren wurde), sich ’neue Zwecke‘ – vor allem um das eigene Überleben zu sichern?

Droht entsprechend dem Primat des Systemerhalts “ die ewige Aidshilfe “ ?

.

Der Soziologe Daniel Defert, der 1984 die französische Aidshilfe ‚Aides‘ mit gründete, bemerkt (in der Tageszeitung ‚Liberation‘, 2.4.14) angesichts der bevorstehenden Massenentlassungen bei Aides:

C’était ma crainte. Je me suis toujours demandé si, à un moment, il ne fallait pas arrêter Aides. En grossissant, en devenant une entreprise avec beaucoup de salariés, les associations de malades perdent souvent leurs objectifs initiaux et après, leur seul objectif est le maintien… de l’emploi.
(„Genau das war meine Befürchtung. Ich habe mich immer gefragt, ob man nicht eines Tages ‚Aides‘ beenden muss. Während sie wachsen, ein Unternehmen mit vielen Beschäftigten werden, verlieren Gesundheits-Organisationen oftmals ihre ursprünglichen Ziele aus den Augen, und ihr einziges Ziel ist … der Arbeits-Erhalt.“ Übers. UW)

.

Die französische Aidshilfe Aides kämpft mit finanziellen Problemen. Aides reagiert bereits zum zweiten mal in seiner Geschichte mit einem Sozialplan – und will eine große Zahl Mitarbeiter/innen enlassen. 65 von 462 Vollzeitstellen sollen in 2 Wochen abgebaut werden, gleichzeitig sollen 22 Stellen neu geschaffen werden.

Kritiker werfen der Leitung von Aides schwere Mängel und Misswirtschaft („une gestion calamiteuse“) vor (anlässlich z.B. von Gehältern in der Leitung zwischen 8.000 und 11.000 Euro brutto monatlich). Mitarbeiter und Gewerkschaften protestieren gegen das Vorgehen der Leitung von Aides. Unter dem Motto ‚Aides in Aufruhr – Dank der Direktion ist das Ende von Aides näher als das Ende von Aids‚ informoeren sie auf einer eigenen Internetseite.

In Frankreich werden jedes Jahr ca. 6.200 neue Infektionen mit HIV diagnostiziert.

.

Daniel Defert wurde am 10. September 1937 geboren. 1984 gründete er die französische Aidshilfe-Organisation Aides und war bis 1991 deren Präsident.
Defert gründete Aides vor dem Hintergrund des Erlebens des Erkrankens und Sterbens seines langjährigen Lebenspartners, des französischen Philosophen Michel Foucault. Foucault starb am 25. Juni 1984 an den Folgen von Aids.
Defert wurde 1998 für die Gründung von Aides mit dem ‚Prix Alexandre Onassis‘ ausgezeichnet.

.

Liberation 02.04.2014: La lutte contre le sida dans l’impasse
Liberation 02.04.2014: Aides secouée par un plan social
Yagg 04.04.2014: Les associations de lutte contre le VIH survivront-elles à la crise?

.

6 Antworten auf „Selbsterhaltungstrieb – die ewige Aidshilfe ?“

  1. Das Frage ich mich schon seit mehreren Jahren auch bei Deutschlands Aidshilfen. Es gibt unzählige schwerwiegendere chronische Krankheiten, und für diese erlaubt man sich nicht solche Infrastrukturen. Sexuelle Aufklärung könnte in Gesundheitsämtern und Schulen durchgeführt werden. Es wird von mehreren Stellen ein und dasselbe angeboten. Die BzGA ist ja auch aktiv, und die unterscheidet im Regelfall auch nicht zwischen Homo oder Hetero, oder Frau oder Mann, während man bei einigen sehr ländlichen oder Kleinstadt Aidshilfen den Eindruck bekommt, dass dortige Angestellte nur Augen für Männer und vor allem für Jüngere haben, und sie es auch an Professionalität missen lassen, weil sie gerne mal ihre Funktion dazu missbrauchen, auch privat etwas klar zu machen bzw. Jüngere in bestimmte Richtungen zu beeinflussen. Da ist schon ein sehr größer Selbsterhaltungstrieb vorhanden. Die Pfründe will man nicht mehr abgeben.

    1. Danke für den Kommentar, Ben.

      Diese Frage ob man eigene (Gründungs-) Ziele erreicht hat, und ob eine eigene Selbst-Auflösung geboten ist oder Ziel sein sollte, wäre wohl vielen Organisationen zu stellen.

      Zwischen BZgA und Aidshilfen gibt es – nur um darauf hinzuweisen – eine Arbeitsteilung, hier wird angestrebt nicht parallel zu arbeiten.

      Wenn man sich die – sehr unterschiedliche – Dichte an Aidshilfen in Deutschland anschaut, könnte man zudem auch auf die ein oder andere Frage kommen …

  2. Ich denke das mam auf einiges verzichten könnte. So könnte – am Beispiel Frankfurt – die das betreute Wohnen der AHF aufgelöst und in die Jugendberatung und Jugendhilfe e.V. http://www.drogenberatung-jj.de/index.php/betreute-wohngemeinschaft-eschenbachhaus mit integriert werden zumal das Eschenbachhaus im Rahmen der Auflösung des Regenbogendienstes von der JJ übernommen wurde.
    Gleiches gilt für den Fachbereich Drogen – Prävention.

    Mit Sicherheit könnte man die Strukturen abspecken, was natürlich Entlassungen von MItarbeitern nach sich ziehen würde. Mit 50+ wäre es natürlich für viele MitarbeiterInnen ein Problem einen neuen Job zu finden, aber die Vernetzung der AH´ s mit den jeweiligen Kommunen etc ist so gut, das dies kein größeres Problem darstellen dürfte.

    Ja der Selbsterhaltungstrieb und das Sichern der Pfründe wie auch der „Status – das Ansehen“ den Viele genießen ist schon sehr stark ausgeprägt.

    Abgesehen davon, bedingt durch die über die Jahre stattfindenden Kürzungen der Mittel und eines damit verbundenen Verzicht auf Lohn um den Laden am Laufen zu halten, hat dazu geführt das Einige sich ein zweites Standbein geschaffen haben. Und siehe da es funktioniert.

    1. diese „zweiten Standbeine“ sind genau der Punkt.

      Wäre es nicht – bevor sich Organisationen vom eigentlichen Gründungszweck weg entwickeln, existenzsichernd neue Aufgaben suchen – sinnvoll, sich zunächst die Frage zu stellen: braucht es uns noch? ist unsere Selbst-Abschaffung / ‚Überflüssig-Machung‘ und damit Beendigung der eigenen Tätigkeit nicht auch zumindest eine Option?

  3. Kooperationen, Zusammenlegungen – in diesem Fall was das betreute Wohnen und Droge Prävention betrifft mit den Kommunen und der JJ – in anderen Städten, Bundesländer wird es möglicherweise ähnliche Einrichtungen geben wären das Eine. Das Andere – wie Du es bezeichnest den eigentlichen Gründungszweck betreffend . . . nun ich muß da immer wieder an die „Schwulenberatung Berlin“ denken. Dies wäre wie ich es verstehen sehr Zielgruppenspezifisch und würde innerhalb der Zielgruppe das Abdecken des ursprünglichen Gründungszweckes betreffend dem gerecht werden.

    Es wäre imo nicht nur Zeitgemäß sondern ich könnte mir durchaus vorstellen das auf dem Wege einer solchen Neustrukturierung nur Wenige der jetzigen Mitarbeiter der AH´s „auf der Strecke“ bleiben würden.

    Dies würde sich auch verschlankend auf das riesige Netzwerk der Mitgliederorganisationen der DAH betreffend kostensparend auswirken. Die grundlegende Arbeit der DAH würde davon jedoch unangetastet bleiben, so mein erstes Brainstorming. Auch hier würde man bei einem genaueren Hinschauen möglicherweise Kosten sparen. Insofern spricht nichts gegen eine Verschlankung.

    1. wenn Schwulenberatungen (als ein Beispiel) sich weitere Zwecke suchen, ist das womöglich strukturell etwas anderes als bei Aidshilfen.

      Aids ist / war eine andere Kategorie als zB ’schwule Gesundheit‘ oder ‚STDs‘. Mit allen daran hängenden Fragen (wie möglicher Instrumentalisierung zur Aufrechterhaltung von Bedrohungsszenarien zB)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.