CDU-Politiker Rollmann geoutet – Eklat im ‚Reichshof‘ Oktober 1972 (akt.)

Zuletzt aktualisiert am 4. Februar 2018 um 17:21

Der Hamburger CDU-Politiker Dietrich-Wilhelm (‚Didi‘) Rollmann wurde 1972 auf einer Diskussionsveranstaltung der IHWO im Hamburger ‚Reichshof‘ als homosexuell geoutet – vom späteren ‚Brühwarm‘-Mitglied, ‚Grünen‘-Politiker und Kulturunternehmer Corny Littmann.

Hamburg, im Bundestags-Wahlkampf 1972. Eine inzwischen nahezu in Vergessenheit geratene Homosexuellen-Organisation mit dem (immer etwas arg großspurig anmutenden) Namen ‚Internationale Homophile Welt-Organisation‘ IHWO organisiert im renommierten Hotel Reichshof eine mit 200 bis 300 Teilnehmern sehr gut besuchte Diskussions-Veranstaltung zum Thema Strafrecht. Als Gäste: der Jurist und Politiker Claus Arndt (SPD), der Rechtsanwalt und ehemalige Chefjustitiar des ‚Springer‘-Verlags Herman Ferdinand Arning (FDP) sowie der Jurist und Politiker Dietrich-Wilhelm (‚Didi‘) Rollmann (CDU).

Dietrich-Wilhelm Rollmann, geb. 23.1.1932 in Berlin, verheiratet und Vater einer Tochter, war langjähriger jugendpolitischer Experte der CDU, Gründer des Hamburger Christlich- Demokratischen Hochschulrings (CDH, später RCDS), von März 1968 bis Mai 1974 Landesvorsitzender der CDU Hamburg, nach eigenen Worten „einer der wesentlichsten Geldbeschaffer der CDU“ sowie von 1960 bis 1976 Mitglied des Deutschen Bundestags. Rollmann galt bereits in jungen Jahren als „Ellenbogen-Taktiker“.

 Dietrich-Wilhelm Rollmann am Rednerpult, Hamburg, CDU-Bundesparteitag 18.-20.11.1973 (Foto: Engelbert Reineke / Bundesarchiv)
Dietrich-Wilhelm Rollmann am Rednerpult, Hamburg, CDU-Bundesparteitag 18.-20.11.1973 (Foto: Engelbert Reineke / Bundesarchiv; Lizenz cc by-sa 3.0)

22. Bundesparteitag der CDU in Hamburg (Dietrich-Wilhelm Rollmann) 18.-20.11.1973Bundesarchiv, B 145 Bild-F041440-0034 / Engelbert Reineke / CC BY-SA 3.0 de

Der damals 19jährige Corny Littmann sorgte auf der Veranstaltung für einen Eklat – und einen der bekanntesten Fälle von Politiker – Outing der 1970er Jahre. Corny Littmann erinnert sich im Oktober 2004 (zitiert nach [1], ähnlich von ihm dargestellt 1985 in [3]):

„Ich meldete mich zu Wort und sagte, dass kürzlich in der Zeitung stand, es sollen sich alle bekennen, warum, Herr Rollmann, bekennen Sie sich nicht zu Ihrer Homosexualität. Das war ein irrer Moment, es waren ungefähr 200 Schwule anwesend, alle wußten, dass Didi Rollmann schwul ist, das war gar nicht zu verbergen.“

Die Veranstaltung wurde unterbrochen. Über die Reaktionen berichtete Littmann 1985 [3]:

Es war ein solches Tabu, das überhaupt zu erwähnen. Die 200 Tunten da waren völlig aus dem Häuschen. Und es waren wirklich nur Schwule da. Und die wußten alle, dass der Rollmann schwul war; aber einer hatte gewagt es zu sagen. … Dann sind sie alle über mich hergefallen. Unglaublich!

Littman ergänzt (ebenfalls 1985, [3])

Und dann sollte ich die Frage zurücknehmen …

Rollmann (der laut [2] von SPD-Politiker Arndt schon vor der Veranstaltung gewarnt worden war) beriet sich mit Parteifreunden. Nach einer 3/4 Stunde zurück im Saal, zog Rollmann sich geschickt aus der Affäre: er betonte, die einen handelten offen, die anderen im Verborgenen. Und im Strafrechtsausschuss des kommenden Bundestags werde ja auch die Neufassung des §175 beraten, es sei doch nicht im Interesse „nüchtern denkender Homosexueller„, ihn hierfür nicht etwa zu disqualifizieren.

Rollmanns Outing durch Corny Littmann wurde vertuscht. Anwesende Journalisten wurden mit Unterstützung des Vorstands der IHWO um Stillschweigen gebeten, der Tonbandmitschnitt der Veranstaltung wurde später vernichtet. Zu dieser Löschung bemerkt Littmann 1985 [3]:

Das führte nämlich dazu, daß der Rollmann und der S. [Littmann zuvor über diesen Wolfgang S.: „später Chefredakteur eines Homomagazins“, d.Verf.] – das weiß ich nun wieder vom S. – sich in einem Nobel-Hotel getroffen haben und gemeinsam diese Stelle gelöscht haben.

Didi Rollmann galt damals als schillernder Politiker. Er wurde u.a. dadurch bekannt, dass er im Strafrechts-Ausschuss des Deutschen Bundestags dafür eintrat, dass „jeder, der Porno kaufen will, dazu Gelegenheit bekommt„. Rollmann setzte sich auch für die Reform des Paragraphen 175 ein, so bemerkt Wolfgang Voigt [4]: „So stimmten selbst einige CDU-Abgeordnete am 7. Mai 1969 für die Reform, die sich von Schlegel und dem Hamburger CDU-MdB Dietrich Rollmann überzeugen ließen.“ Joachim Driessen, damals Herausgeber der ‚St. Pauli Zeitung‘ lobte Rollmann 1970 mit den Worten „er hat so eine gesunde Einstellung zur Sodomie„.

Rollmann zog 1972 wieder in den Bundestag ein, die Wahlperiode 1972 bis 1976 war allerdings seine letzte Legislaturperiode als Bundestags-Mitglied. 1976 wurde er nach einer Finanzaffäre nicht erneut nominiert. Nach seinem nicht ganz freiwilligen Verzicht auf die Bundestags-Kandidatur widmete er sich einem neuen Betätigungsfeld: er schrieb für (wie der ‚Spiegel‘ berichtete) „das das Hamburger Sex-Blatt ‚Praline/Aktuelle Woche‘ in regelmäßiger Folge und unter der Überschrift ‚Hallo, Partner!‘ Kolumnen“.

Didi Rollmann starb am 14. Januar 2008 im Alter von 75 Jahren in Berlin.

Die IHWO zerbrach 1974. Neben finanziellen Problemen waren auch interne Auseinandersetzungen über den Umgang mit Rosa von Praunheims Film “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt” Hintergrund für das Ende der IHWO.

Corny Littmann, der damals zur Zeit des ‚Rollmann-Outings‘ gerade sein Abitur gemacht hatte, wurde später Mitglied bei der schwulenbewegten Theatergruppe ‚Brühwarm‘ und 1982 von ‚Familie Schmidt‚. 1979 wurde er Mitglied der Grünen, kandierte 1980 (ohne Erfolg) für den Bundestag und wurde (ebenfalls 1980) durch die ‚Hamburger Spiegel-Affäre‘ bekannt, bei der er gemeinsam mit anderen Aktivisten die Überwachung von Klappen in Hamburg durch die Polizei mitteils Einweg-Spiegeln und versteckten Kabinen offenlegte.

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Der ‚Eklat im ‚Reichshof“ wirkt heute beinahe wie ein früher Vorläufer der ‚Beethovenhalle‘, jener nahezu traumatischen Erfahrung der 1970er-westdeutschen Schwulenbewegung. 1980, ebenfalls im Vorfeld einer Bundestagswahl, hatte der integrationistische ‚Realo-Teil‘ der westdeutschen Schwulengruppen zu einer ‚Parteien-Befragung‘ in die Beethovenhalle in Bonn geladen. Vertreter des eher ‚radikalen‘ Teils der Schwulenbewegung sprengten damals die Veranstaltung mit Trillerpfeiffen.
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[1] „Der Fall Didi Rollmann“ in: Rosenkranz/Lorenz, Hamburg auf anderen Wegen – Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt, 2. überarbeitete Auflage Hamburg 2006
[2] Raimund Wolfert: „‚Sollen wir der Öffentlicheeit noch mehr Anlass geben, gegen die ‚Schwulen‘ zu sein?‘ – Zur Position der Internationalen Homophilen Welt-Organisaton (IHWO)“, in: Pretzel / Weiß: Ohnmacht und Aufbegehren – Homosexuelle Männer in der frühen Bundesrepublik, Hamburg 2010
[3] Corny Littmann / Michael Holy: „Würden Sie das eventuell zurücknehmen?“, in: Willi Frieling (Hg.): Schwule Regungen, schwule Bewegungen, Berlin 1985
[4] Wolfgang Voigt: Die Geschichte der Schwulen in Hamburg. in: Hamburg ahoi!, 1. Auflage, Berlin 1981
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Spiegel 28.03.1962: Junge Union – Tote Seelen
Spiegel 07.12.1970: Personalien – Gustav Heinemann, Hans Schwarzmann, Heinrich Gewandt, Rudolf Werner, Rowan Hunt, Pierre Elliott Trudeau, Dietrich-Wilhelm Rollmann
Spiegel 05.04.1976: CDU/Hamburg – Häschen in der Grube
Spiegel 18.10.1976: Personalien – Arnold Schwarzenegger, Holger Börner, Helmut Schmidt, August Lang, Sir Harald Wilson, Valéry Giscard d’Estaing, Evelyn Künneke, Dietrich-Wilhelm Rollmann

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Text zuletzt aktualisiert 1. Juni 2013: Informationen und Zitate aus [3] und [4] im Text ergänzt.

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6 Antworten auf „CDU-Politiker Rollmann geoutet – Eklat im ‚Reichshof‘ Oktober 1972 (akt.)“

    1. @ Steven: ich fand es ja bemerkenswert, dass (auch um das Thema Outing und Umgang damit) die Konfliktlinien schon damals und auch huete noch an recht ähnlichen Stellen verlaufen

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