Gedanken über Wahrheit und Freiheit

Zuletzt aktualisiert am 24. November 2019 um 16:23

Wahrheit und Freiheit – „Warum schreibst du eigentlich nicht darüber?“, fragt Dieter mich beim Frühstück. „Na, ich schreib’ doch nicht über alles, ich verkneif’ mir ja auch den Tag der Deutschen (R)Einheit“, antworte ich flappsig.
Wir hatten über die Rede Ratzingers gesprochen, die Reaktionen darauf, über seine Motivation, mögliche Intention. Sprachen danach über Zusammenarbeit in Gruppen und ihr Scheitern, über Toleranz anderen Meinungen gegenüber, über Wahrheit und ihren Besitz, über eigene Meinung und Offenheit gegenüber Kritik.

im Schleusenkrug im Oktober 2006
im Schleusenkrug im Oktober 2006

In der Warteschlange am Fahrkarten-Schalter beginnt mein Gehirn zu rattern, ziellos, irritiert.
Auf einem kurzen Spaziergang durch den Tiergarten steigen einzelne Gedanken aus den Nebeln dieses Ratterns auf.
Im Schleusenkrug (ja, ich sitze draußen, genieße immer wieder einzelne Sonnenlöcher im Meer grau-dunkler Regenwolken) sortieren sich, inspiriert auch durch Pfefferminztee und Beobachten der anderen Gäste im Café, langsam meine Gedanken.

Es gibt Menschen, die meinen, die ‘Wahrheit’ erkannt zu haben. Die ‘Wahrheit’ kann vieles umfassen, z.B. welcher Glaube der ‘Richtige’ ist, wie die Dinge / die Gesellschaft sein sollte, wie nicht, wie man zu diesem Ideal kommen kann, usw. Immer schon habe ich dieser Art von ‘Wahrheit’, egal von wem sie geäußert oder propagiert wird, misstraut (wohl ein Erbe geschätzter Lehrer/innen an der Schule), inzwischen schreckt sie mich eher sogar ab.
Diese Art ‘Wahrheit’ hat immer etwas Ausschließendes, es gibt in ihrem Gegenüber immer etwas notwendigerweise Falsches, Abzulehnendes – und nur zu gerne einen wie auch immer gearteten ‘Kampf’ für das als ‘wahr’ erachtete.
Diese ‘Wahrheit’ muss in ihrer Konsequenz irgendwann wohl Bomben werfen, seien sie verbal oder tatsächlich. Muss Zensur einsetzen, Gedankenpolizei.

Mit Vertretern dieser Art ‘Wahrheiten’ Auseinandersetzungen in der Sache zu führen scheint mir äußerst schwierig, im Kern eigentlich unmöglich. Unmöglich, da eine geistige Auseinandersetzung letztlich beinhalten müsste, beiderseits auch die eigene Position in Frage stellen zu können – was dem Absoluten, das dieser Art ‘Wahrheit’ immanent ist, widerspräche.
Diese Art ‘Wahrheit’ ist nicht nur in ihren Konsequenzen undemokratisch. Ich empfinde sie auch in ihrem Wesen zutiefst als un-menschlich. Un-menschlich, denn Mensch-Sein heißt für mich immer auch, zu denken, in Frage zu stellen, auch meine Gedankenwelt (auch wenn’s schmerzvoll sein kann) in Frage stellen zu lassen. Die Freiheit dieses Denkens hat den Preis, nicht gewiss sein zu können (wie es die ‘Wahrheit’ sein kann). Ich muss mir und dem anderen das nicht-Absolute meiner Gedanken zugestehen, um freies Denken, freien Diskurs zu ermöglichen.

In diesem Sinn hat ihre Art ‘Wahrheit’ etwas sehr Fundamentalistisches. Die Gewissheit, Absolutheit dieser ‘Wahrheit’ scheint mir geradezu Gegenpol von Freiheit, freiem Denken, offener Auseinandersetzung zu sein.

Die Frage
Die Frage

Gegenteil dieser ‘fundamentalistischen’ ‘Wahrheit’ wäre dann das freie Denken, ein (wie George Steiner schreibt) „anarchisches, spielerisches, verschwenderisches Denken“, das mir viel menschlicher erscheint, viel sympathischer als eine falsche Gewissheit einer absoluten ‘Wahrheit’. Leben, Mensch-Sein, das bedeutet (zumindest für mich), lieber frei denken zu können – und dafür auf die Gewissheit des absolut ‘Wahren’ verzichten zu müssen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.