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Nachdenkliches

gemalte Gefühle

Zuletzt aktualisiert am 24. März 2014 von Ulrich Würdemann

Zu Musik und Kunst habe ich ein eigenwilliges Verhältnis. Leider bin ich an beide in meiner Jugend nicht heran geführt worden. Nun gut, es gab an der Schule Musik-Unterricht, wie auch Kunst-Unterricht.
An den Musik-Unterricht kann ich mich kaum erinnern, bis auf eine Vorführung eines Glasharfen-Spielers, die mich begeisterte. Und der Kunst-Unterricht gipfelte irgendwie immer in der Erkenntnis 1: ich kann nicht malen, und der Erkenntnis 2: die Kunst-Note ist für’s Abi nicht wichtig.

So ist mein Zugang zu Kunst wie zu (klassischer) Musik meist ein rein subjektiver, einer des ‘Gefallens’. Wobei ich dieses Kriterium als ein für mich persönlich sehr scharfes, verlässliches schätzen gelernt habe.

Dieses ‘Gefallen’ äußert sich bei Musik und Kunst leicht unterschiedlich.
Bei Kunst meistens darin, ob ein Werk mich berührt, ob mein Herz aufgeht, ich Gefühle spüre, gern auch Irritation. Kunst muss nicht ’schön’ sein – aber wenn sie mich irritiert, mich aus meinen Gewohnheiten reißt, mir einen neuen, unbekannten Blickwinkel öffnet, das begeistert mich. Oder wenn sie, wie beim geschätzten Freund Thomas, Gefühle Erfahrungen Situationen in einem Objekt ausdrückt, für die ich kein einziges, erst recht nicht hundert zutreffende Worte finden könnte (’was bleibt‘).

Bei Musik hingegen bemerke ich dieses ‘Gefallen’ an mir oftmals , wenn ich plötzlich unbewusst meine Augen schließe, die Alltagsrealität entschwindet, die Musik mich auf eine Reise nimmt. Bilder vor mir auftauchen, von Tönen gemalt – bei ‘Kaufhaus-Musik’ genauso wie ‘Stausauger-Musik’ geschieht dies nie, deswegen ist sie vielleicht hübsch, letztlich aber eher zweckmäßig. Keine großen Gefühle, Bilder.
Besonders intensiv kann dieses Moment der Entschwindens sein bei Stücken oder Komponisten, die ich nicht kenne (was bei klassischer Musik nicht so schwer ist …). Die Überraschung. Die plötzliche Reise in unbekanntes Land. Zuletzt ist mir dies intensiv geschehen bei einem Konzert von Prodromos Symeonidis am geschätzten Eisler, “Vingt regards sur l’enfant Jesus’ von Olivier Messiaen (”Ich schlafe aber mein Herz wacht“). Und heute Vormittag, statt des sonntäglich zelebrierten Frühstücks im Bett bei Sternstundern und Zeitungslektüre vergesse ich Lesen und Essen, sitze gebannt vor dem, was da aus der Hörmaschine kommt, Charles-Marie Widor “Symphonie Nr. 5″. Danke.

Von Ulrich Würdemann

einer der beiden 2mecs.
Schwulenbewegt, Aids- und Therapie-Aktivist. Von 2005 bis 2012 Herausgeber www.ondamaris.de Ulli ist Frankreich-Liebhaber & Bordeaux- / Lacanau-Fan.
Mehr unter 2mecs -> Ulli -> Biographisches

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