Aids ist keine düstere Bedrohung mehr

Zuletzt aktualisiert am 29. Oktober 2018 um 12:40

Aids ist keine düstere Bedrohung mehr. Heute nicht mehr. Diese einfache Aussage scheint für einige Menschen immer noch schwer erträglich, schwer verständlich – und weiterhin wird (von interessierter Seite?) gelegentlich kolportiert, Aids sei eine ‚düstere Bedrohung‘. Nein. Ist es nicht. Nicht mehr.

6 Jahre alt wird das ‚EKAF-Statement‚ (’swiss statement‘) heute. Am 30. Januar 2008 ging die Meldung erstmals groß durch die Medien: „Eine HIV-infizierte Person ohne andere STD [sexuell übertragbare Erkrankungen, d.Verf.] unter einer antiretroviralen Therapie (ART) mit vollständig supprimierter Virämie (im Folgenden: ‘wirksame ART’) ist sexuell nicht infektiös“, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Sechs Jahre. Veränderte Realitäten. Sechs Jahre allein schon seit dieser Mitteilung – denn deren zugrunde liegende Behandlungs-Realität besteht ja schon viele Jahre länger.

Und dennoch sind weiterhin, ob bewusst oder aus Unachtsamkeit, immer wieder Bilder aus einer Zeit zu hören, die der Vergangenheit angehört, Bilder vom ‚alten Aids‘.

So auch jüngst:

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Die Sache der düsteren Bedrohung …

Zwei Tage vor der Podiumsdiskussion ACT UP – Queeres Gegen-Gedächtnis und Aids-Aktivismus in Deutschland, während der Eröffnung des zweiten Teils von ‚Love Aids Riot Sex‚, fiel ein denkwürdiger Satz:

„Aids bleibt nach wie vor eine düstere Bedrohung.“

Zu dem Satz gäbe es viel zu sagen – aber eines aus meiner Sicht ganz bestimmt als erstes:

Nein. Stimmt nicht.

Dieser Satz ist ein Gedanke, ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, aus den 1980er und 1990er Jahren. Aus Zeiten von Aids-Hysterie und Denunziation.

Die HIV-Infektion ist heute – im Gegensatz zu ‚damals‘ – in den weit überwiegenden Fällen gut und erfolgreich behandelbar. Auch wenn weiterhin auch in Industriestaaten Menschen an den Folgen von Aids sterben, ist die HIV-Infektion heute eine meist gut behandelbare chronische Infektionskrankheit. HIV-Positive können heute oftmals ein Leben mit (im Vergleich zu Ende der 1980er Anfang der 1990er Jahre) wenigen Einschränkungen und Veränderungen führen. Menschen die sich heute mit HIV infizieren, haben weitgehend eine ’normale‘ Lebenserwartung.

‚Düstere Bedrohung‘ sieht anders aus.

Aids is good business for some. Installation in der Ausstellung Love Aids Riot Sex 2 (2014), Elmgreen & Dragset 2011
Aids is good business for some. Installation in der Ausstellung Love Aids Riot Sex 2 (2014) vor dem Hintergrund von General Idea ‚Aids‘ (1988), Elmgreen & Dragset 2011

Warum also fällt solch ein Satz?
Cui bono?
Ist er wesentlich mehr, als der abgestandenen Versuch, aus welchen Gründen auch immer ein altbekanntes Bedrohungs-Szenario aufrecht zu erhalten? Ein Bedrohungs-Szenario, mit dem sich trefflich Aufmerksamkeit gewinnen, Existenzberechtigung erlangen, Geld erwirtschaften lässt?

Schlimmer noch: dieses Bedrohungs-Szenario ist nicht nur veraltet und führt heute in die Irre. Es wird auch noch auf unserem Rücken ausgetragen, auf dem Rücken der Menschen, die mit HIV leben. Wenn Aids so bedrohlich wäre, wie behauptet, wären dann nicht auch Menschen mit HIV und Aids bedrohlich?

Bedrohlich für Menschen mit HIV sind vielmehr nicht oder falsch informierte Menschen, Desinteresse, Stigmatisierung und Diskriminierung. Wie sie leider immer noch viel zu häufig erfolgen.

„Aids ist eine düstere Bedrohung‘, dieser Satz hingegen, heute hier so ausgesprochen, ohne Erläuterungen, ist Teil der Stigmatisierung von Menschen mit HIV. Propaganda auf unserem Rücken. Und falsch.

Nein. Aids ist keine düstere Bedrohung mehr. Hierzulande nicht. Schon seit Jahren  nicht mehr.

Merkt’s endlich.

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Nachsatz: Ich beziehe mich in diesem Kommentar gezielt auf die Situation in (reichen) Industriestaaten, in denen nahezu alle Menschen mit HIV bei Bedarf Zugang zu HIV-Behandlung und -Therapie haben. Aber auch in vielen ‚weniger entwickelten‘ Staaten hat sich die Aids-Situation, haben sich die Lebensbedingungen von Menschen mit HIV deutlich verändert. ‚Aids ist eine düstere Bedrohung‘, dieser Satz, erst recht in seinem Absolutheitsanspruch, ist auch in diesem Zusammenhang nicht hilfreich.

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13 Antworten auf „Aids ist keine düstere Bedrohung mehr“

  1. Es ist ein Hauptproblem der Prävention, dass eben durch sie das Bild der Bedrohung aufrecht erhalten wird.

    Leider kann man in der Prävention nur einen Satz an die Menschheit loswerden:

    „Geiz ist geil!“
    „Alles von Hansano ist gut!“
    „Bumsen nur mit Kondom!“
    „Machs mit!“
    „AIDS geht jeden an“.

    Für differenzierte Botschaften ist da kein Platz. Die würden Verwirrung stiften. Nach dem 13. Wort hat der Durchschnittskonsument das erste vergessen.

    Und so erneuert jede AIDS- Kampagne das kollektive Schreckensgedächtnis. Jeder, der diese Botschaften verinnerlicht bekommt ein Problem, wenn er/sie sich nicht daran gehalten hat.

    In der Testrealität testen wir zu 95% schlechte Gewissen und Ängste weg. Reale objektive Risikosituationen spielen so gut wie keine Rolle.
    Reaktive Testergebnisse erkennen wir (bisher zu 100%) bereits aus dem vorhergehenden Beratungsgespräch und diese stürzen den Betreffenden meistens kaum noch wirklich in eine tiefe Krise.
    Die meisten schwulen Männer, die sich seit Jahrzehnten mehrfach wöchentlich unsafe ficken lassen, sind nämlich von einem reaktiven Testergebnis kaum überrascht.

    Und so ist es letztlich die AIDS-Prävention blöderweise, die bei jedem Kondomplatzer oder Vergesser, bei jedem bereuten und verbotenem Seitensprung für die Verstetigung des Schreckens verantwortlich ist.

    Abgebrühte Präventionisten würden behaupten, dass Safer Sex letztendlich „nur“ die Frauen und passiven Schwulen schützen soll (wobei dieses nur keine Abwertung bedeuten soll in dem Sinn, dass die angesprochenen nicht schützenswert sind).

    Bereits in den 80er Jahren wurde behauptet, dass Frauen die „epidemiologische Sackgasse“ sind, was die sexuelle Übertragung von HIV angeht.

    Gesundheitspolitisch wäre es 10.000 fach bedeutender, wenn sich alle Bundesbürger wenigstens zweimal täglich die Hände waschen würden.
    Millionen von (wirklich) rein heterosexuellen Männern zu safer Sex zu bringen, macht in Bezug auf AIDS-Prävention (in Westeuropa) eigentlich wenig Sinn, wenn sich nun nicht gerade die heimlich schwulen Familienväter in diesem Fall durch die Benutzung von Kondomen in ihrem verborgenen Sexualverhalten outen würden (In dem Fall würden ja gerade diejenigen, die heimlich „in beiden Teams spielen“ besonders betont auf Kondome verzichten, weil sie ja „so heterosexuell“ sind…).

    AIDS-Prävention sorgt also für die Aufrechterhaltung des Schreckens und trotzdem gibt es keine Alternative, denn wir wollen ja, dass die Männer Kondome verwenden (um die Frauen zu schützen), dürfen aber die wirklichen Gründe nicht offen diskutieren, ohne den eigentlichen Sinn der Präventionsarbeit zu gefährden.

    Zielgruppenspezifisch betrachtet dürften bei realistischer Überprüfung des Übertragungsrisikos rein aktive Schwule auch so gut wie aus dem Schneider sein.
    HIV erwerben und weitergeben können also eigentlich nur Schwule, die passiv und aktiv gleichermaßen sind.
    Auch hier würde die offene Diskussion pure Verwirrung stiften.

    Und auch hier erleben wir bei vielen rein aktiven Schwulen den puren Schrecken, wenn ein Kondom platzte, gerissen ist oder vergessen wurde.
    Die Botschaften „Machs mit“ und „Bumsen nur mit Kondom“ wurden missachtet, man hat etwas falsch gemacht – und nun folgt die Strafe auf dem Fuße.

    Gottlob gibt es dann die Gesundheitsämter und AIDS-Hilfen die einen pieken und Botschaften verkünden, und nach Zahlung des Ablasses ist das Gewissen wieder rein.

    Aber auch durch die Diskussion der realen Risiken des Lebens (z.B. die Zahl der jährlichen Grippeopfer) lässt sich die düstere AIDS-Wolke nicht vertreiben, hat AIDS doch die moralische Nachfolge der mittelalterlichen Syphilis als Strafe für ein Fehlverhalten angetreten.
    Was für einen Grund könnte es sonst geben, dass wir in der AIDS-Hilfe angerufen werden, weil jemand eine Tüte Fleisch auf der Straße gefunden hat (echt!).
    Blut – Schleim – Ekel – AIDS lautet hier die verinnerlichte Assoziationskette, welche sich – fern von den realen Gefahren – in das tiefe kollektive Gedächtnis einer sexuell verklemmten Gesellschaft eingegraben hat.

  2. Lieber Thomas,

    du sprichst die ‚Verstetigung des Schreckens‘ an, die „düstere AIDS-Wolke‘, „so erneuert jede AIDS- Kampagne das kollektive Schreckensgedächtnis“.

    Ohne hier auf epidemiologische und infektiologische Debatten eingehen zu wollen, veerweist du auf Strfa-Konstellationen, „fern von den realen Gefahren“.

    Genau da liegen zwei Punkte.
    Straf-Szenarien muss ich mir ja nicht freiwillig antun, ich kann mir ihrer bewusst werden, aktiv mit ihnen umgehen.

    Und was die Instrumentalisierung der „düsteren AIDS-Wolke“ angeht, ob für Prävention oder Mittel-Akquise oder was auch immer – dieser Frage müssen sich m.E. Aidshilfen (und andere) mehr als bisher stellen, wie sie Prävention, Sponsoring etc. leisten können und gleichzeitig eben nicht mehr auf überholte Bedriohungsszenarien zurückgreifen.

    Ablasshandel – nicht auf meinem Rücken …

    Das ist ihre originäre Aufgabe – und nicht auf unserem Rücken weiterhin alte Bilder zu reproduzieren.

    1. Lieber Uli,

      ich unterstelle nicht einmal eine bewusste Instrumentalisierung der Ängste. Ich vermute eher, dass die Kehrseite der Präventionsmedaille einfach nicht genügend bedacht wurde, als man die Prävention in den 80ern ins Rollen brachte.

      Wenn ich den „Ablasshandel“ thematisiere, so beschreibe ich damit die überwiegende Funktion des Tests.
      Meistens werden heterosexuelle Männer getestet, die fremd gegangen sind. Sie hatten real kaum ein Risiko, aber sie haben ein schlechtes Gewissen, eine Angst, eine Schuld, die nun ein Ritual zur Reinigung benötigt.
      Da sind die 25 € für einen Schnelltest oftmals eine gute Investition. Das gleiche Resultat könnte man auch in einer Psychotherapie erzielen, wenn man die Menschen dazu bringen kann, ihren Sex nicht als etwas Schmutziges oder Verbotenes zu empfinden.
      Oder wenn man es hinbekommt, dass die Lebensrisiken nicht an bestimmten Punkten überbewertet werden (Zum Beispiel: Influenza versus HIV. An der Influenza sterben jährlich in etwa soviel Menschen in Deutschland, wie AIDS in 30 Jahren geschafft hat).
      Viele Frauen fühlen sich nach einem Seitensprung besudelt und „reinigen“ sich mit dem Test.

      So etwas geschieht nicht auf „Deinem Rücken“. Das funktioniert manchmal und es ist gut, wenn die Menschen ihre Ängste für wenig Geld schnell loswerden können.

      Was mir Sorgen macht ist, dass die (notwendige?) Prävention zur Aufrechterhaltung der AIDS-Angst beiträgt.

      Leider wurde mein Vorstoß in Bremen einen Fachtag Prävention zu veranstalten und die bisherigen Strategien neu zu bewerten, vom Gesundheitsressort abgelehnt. Die derzeitig noch geförderten Institutionen haben halt kein Interesse daran, ihre Arbeit zu hinterfragen. Man könnte ja zu dem Schluss kommen, sie sei nicht mehr notwendig.

      Das gilt natürlich auch für die BzgA und die DAH und es dürfte schwer sein den beteiligten Institutionen klar zu machen, dass es ihre Aufgabe sei, die Prävention umzustrukturieren oder gar zu beenden….

      1. Lieber Thomas,

        „Was mir Sorgen macht ist, dass die (notwendige?) Prävention zur Aufrechterhaltung der AIDS-Angst beiträgt. “
        da stimme ich dir zu …

        hinzu kommt für mich, dass manche Gruppierungen und Organisationen es sich scheinbar in den alten Bedrohungsszenarien auch recht gut eingerichtet haben, und diese veralteten Szenarien sich als recht wirksam z.B. zur Spenden-Akquise erwiesen haben.

        Diese alten Bedrohungs-Szenarien immer wieder aufs Neue zu beleben – letztlich zum eigenen (z.B. monetären, oder auch Legitimation stiftenden) Vorteil, das empfinde ich „auf dem Rücken von Positiven“

        Lg Ulli

  3. Gut, ich verstehe jetzt, was Du meinst.
    Ich fand es damals politisch gerade als klug (fälschlicherweise?) zu behaupten „AIDS geht alle an“. Es war ein Schachzug, die alleinige Zuweisung an die Schwulen und Drogengebraucher zu vermeiden. Durch dieses Bild, dass AIDS ja jeden treffen kann (und wenn man auch noch so „sauber“ ist), wurden die Schwulen ein wenig aus der Schusslinie genommen…

    Verlässt man diese Linie und benennt (nur) diejenigen, die sich wirklich schützen müssten, so erhalten wieder die MSM und intravenöse DrogengebraucherInnen die Arschkarte.

    Das ist ja eben das Paradoxon der Prävention: Du kannst die Übertragungswege nicht benennen, ohne das Risiko zu erwähnen. Und wo Du das Risiko erwähnst, malt sich bei den Adressaten innerlich die „düstre Wolke“ (selbst wenn Du AIDS in Bonbonfarben malen würdest)…

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