Kaffee auf die Hand

„Macht dann 1 Euro 15“.
Frank will gerade seinen Kaffee im Bahnhof bezahlen.

Ich stutze, „wieso, da steht doch der Becher Kaffee kostet einen Euro?“, frage ich die junge Verkäuferin irritiert.
Und erfahre „ja, da kommt aber ja noch der Becher zu, da nehmen wir 15 Cent für.“
Nun stutzen wir beide.

Schauen sie an, offensichtlich so ratlos, dass sie sich bemüht fühlt zu ergänzen „na, wir müssen die Becher ja auch bezahlen“.

Wir schauen den wertvollen Becher an. Weißer Kunststoff, kaum Festigkeit vermittelnd, die Wärme des Kaffees hält er eh nicht ab (in den USA wäre dieser Becher schon wieder ein Prozess-Risiko).

Wir sehen uns kopfschüttelnd an.
„Wie, 15 Cent für den Becher, echt?“, fragt Frank schließlich bass erstaunt.

„Jaahahah“, antwortet sie, die Stimme leicht singend, am Ende kann man das Ausrufezeichen deutlich hören.

„Und, bekomm’ ich den Kaffee auch ohne den Becher?“, fragt Frank. Ich kenne diesen leichten Anflug von Ironie in seiner Stimme.
Keine Reaktion, nur dieser sehr deutliche Blick, ‘nun zahlen Sie aber mal langsam, ich hab noch zu tun’.
Frank legt einen Euro fünfzehn auf den Tresen. Wir sagen kein Wert mehr, gehen.

Und lernen, man kann Kaffee anscheinend auch ohne Becher kaufen.
‘Einfach so auf die Hand’ hab ich bisher ja nur gesagt, wenn ich ein Stück Kuchen sofort essen wollte – aber vielleicht gilt das ja auch für Kaffee?’, meint Frank, als wir in den Zug steigen, in einem Tonfall irgendwo zwischen resigniert und amüsiert.

Zu braun in Wusterhausen …

Morgens. Immer noch schönstes Spätsommer-Wetter in Berlin.

Spontan entschließe ich mich zu einer Motorrad-Tour, gen Südosten von Berlin, um den Müggelsee und angrenzende Seen.

unterwegs mit der CBF
unterwegs mit der CBF

Genieße die ruhige, unaufgeregte Landschaft.

Stopp in Königs Wusterhausen. Besuch und Führung im Schloss des „Soldatenkönigs“.

Im Ort auffallend viele junge Männer mit T-Shirts, auf denen Aufdrucke prangen wie ‘White Power’ oder ähnliche nazistische Sprüche und Symboliken.
Mir scheint, die tragen das so selbstverständlich, wie ich damals ‘Atomkraft – nein Danke’ getragen habe. Sind wir schon soweit, dass das heute für das gleiche gehalten wird? Statt demokratischem Bürgerprotest heute Nazi-Parolen? Die Selbstverständlichkeit erschreckt mich, auch, dass niemand etwas sagt an der Supermarkt-Kasse, niemand protestiert gegen das Nazi-Logo auf dem T-Shirt vor mir in der Warteschlange.
Ist das schon Selbstverständlichkeit geworden? Normal und akzeptiert? Mir wird übel, ich gehe zum Motorrad und verlasse den Ort schnellstmöglich, fahre weiter.

Ulli
Rast am Müggelsee / Rübezahl

Durchgerüttelt von mit Asphalt notdürftig geflickten Kopfsteinpflaster-Straßen freue ich mich auf eine wohlverdiente Entspannung im ‘Rübezahl’, mit Blick auf den Müggelsee …

Auf nach Mahagonny …

Morgen Abend hat in der Komischen Oper Berlin „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ Premiere. Am Vorabend erzählte und sang Gisela May unter dem Motto „Geld macht sinnlich – der Skandal um ‘Mahagonny’“, ebenfalls in der Komischen Oper.

Gisela May? Ja, Gisela May, die viele vielleicht (leider) nur aus der Rolle der „Muddi“ in der TV-Serie „Adelheid und ihre Mörder“ kennen. Die aber schon 1962 von Helene Weigel an das Berliner Ensemble geholt wurde (und ihm bis 1992 angehörte). Dort immer noch jährlich wunderbare Brecht-Abende macht, wie Bekannte berichten (ich hab irgendwie noch nie eine Karte bekommen :-( )

Ein netter, plaudriger Abend, ganz geprägt von der Persönlichkeit Gisela Mays. Manchmal in der Leichtigkeit ihres gekonnten (vermeintlichen) aus-dem-Konzept-Geraten fast an die frühe Georgette Dee erinnernd (wenn der Vergleich erlaubt ist). Dann wieder unvermittelt komisch, wenn sie eine Kästner-Version des „Surabaya Johnny“ sächselnd zum Besten gibt.

Im Kern aber immer wieder „Mahagonny“ und die Geschichte des Entstehens dieser Oper mit Musik von Kurt Weill und Texten von Bertolt Brecht.

Worum geht es? Die Komische Oper beschreibt es so:

„Wenn man von der Polizei verfolgt wird, muss man viel Geld haben, um die Ordnungsmacht des Staates zu bestechen. Wenn man keins hat, muss man welches machen. Drei Gangster handeln nach dieser Erkenntnis und errichten mitten im Nirgendwo die Paradiesstadt Mahagonny, wo die Menschen ihr Glück finden und ihr Geld ausgeben sollen. Aber das Unternehmen würde scheitern, wenn nicht Jim Mahoney, ein einfacher Holzfäller aus Alaska, das Gesetz der menschlichen Glückseligkeit finden würde: Der Mensch muss alles dürfen dürfen – sich bis zum Platzen vollfressen, exzessiv Sex haben, sich im Boxkampf als echter Mann erweisen, sich bis zum Umfallen besaufen. Mahagonny boomt, die Gangster werden reich, aber Jim hat ein viel wichtigeres Gesetz übersehen: Man darf nun zwar alles, aber man muss es bezahlen können. Er kann es nicht und wird wegen Geldmangels hingerichtet.“

Eine der erfolgreichsten Opern des 20. Jahrhunderts, mit gegenüber der (populäreren) Dreigroschen-Oper ausgereifter wirkender, aber auch ab und an weniger eingängiger Musik.
Eine Oper in drei Akten, die nur scheinbar in einer Phantasiestadt zu einer Phantasiezeit spielt. Die vielmehr so frisch, so aktuell wirkt, dass man fast erschrickt – eine Parabel, der angesichts von freiem Welthandel, Liberalisierung und zunehmender Demontage des Sozialstaats viele Zuschauer zu wünschen sind.
Und eine Aufführung, auf die Gisela May so viel Appetit gemacht hat, dass ich mir nun doch Karten besorgen werde …

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, Komische Oper Berlin, neu im Spielplan 2006, weitere Infos http://www.komische-oper-berlin.de/

Berlin ein Uhr nachts

Vergangene Nacht, circa ein Uhr. Etwas müde komme ich aus dem ‘Lab’, bin auf dem Weg zur S-Bahn. Rechterhand der Parkplatz vor dem ‘ND’, früher war doch hier Cruising, geht es mir durch den Kopf.

Tatsächlich, drei, vier Männer unterschiedlichen Alters streifen auffällig unauffällig herum, mustern mich. Einer von ihnen weckt durchaus mein Interesse, wir beäugen uns. Inzwischen sind weitere Herren aus der Unsichtbarkeit von Gebüschen und PKWs in von den grellen Laternen möglichst wenig beleuchtete Ecken getreten.

“Ey, was’n hier los!“ Erst jetzt bemerke ich zwei junge Männer, die, vielleicht auf dem Weg zum ‘Berghain’, über den Parkplatz gehen. Kleidung, Gang, lauter Tonfall verraten sofort, die sind aus irgendeinem anderen Grund hier als die anderen Cruiser, mich eingeschlossen.

Ich sehe die zwei auf einen Mann etwa meinen Alters zugehen, der sich gerade in sein Auto flüchten will. „Ey, was suchst du hier?!“ Wieder die gleiche aggressive Stimme, der in eine Frage gekleidete Vorwurf, als würde er sein Revier verteidigen. Die Arme in die Hüften gestemmt baut er sich ihm auf, hindert ihn daran, seinen Wagen zu öffnen.

‘Ach, lass doch den Scheiß!’, höre ich seinen Kumpel rufen, fast zeitgleich den Autofahrer sagen „Ach, lass mich doch in Ruhe.“

Sekundenbruchteile später geht der Mann zu Boden, liegt zusammengekrümmt neben seinem Wagen. ‘Mann, nu lass doch den Scheiß!’ Der Kumpel des Schlägers versucht diesen an weiteren Schlägen, Tritten zu hindern. Sie sehen sich an. Ich brülle irgendetwas, keine Ahnung mehr heute, dann schreie ich laut „Polizei, Hilfe!“
Beide Typen sehen zu mir herüber. Einen Moment wird mir flau im Magen. Was, wenn die sich jetzt auf mich stürzen? „Polizei, Hilfe!“ schreie ich nochmal. Es ist merkwürdig ruhig geworden auf dem Platz, fast leer, wie von der Dunkelheit verschluckt sind die meisten Cruiser so plötzlich wie sie auftraten wieder von der Bühne verschwunden.

‘Lass uns abhauen, komm!’ Wieder höre ich den Kumpel des Schlägers, sehe, wie er versucht ihn wegzuziehen. Der sieht kurz auf, zu mir herüber, beide laufen weg, Richtung Straße. Ich laufe zu dem Mann, der immer noch zusammengekrümmt vor seinem Wagen liegt.

„Ich kann nichts sehen“ wimmert er immer wieder. Ich sehe im Halbdunkel Blut von seiner Schläfe laufen.
Nur ein junger Mann hat sich zu uns gesellt, ansonsten ist der Parkplatz nun leer, unschuldig fast, als sei hier nie etwas anderes geschehen als Parken. „Hast du ein Handy?“ frage ich ihn. Er nickt. Wir rufen Polizei und Krankenwagen herbei, beide benötigen fast ¼ Stunde. Endlich wird der Zusammengeschlagene, der sich inzwischen wieder etwas erholt hat, von einem Krankenpfleger versorgt. Zwei Polizeibeamte nehmen unsere Daten auf. Die beiden jungen Männer sind längst über alle Berge.

Auch wenn viele es nicht (mehr) wahrhaben wollen, Gewalt gegen Schwule gibt es immer noch, auch im ‘Homo-Paradies Berlin’.

Solltest du selbst betroffen sein oder Zeuge eines Überfalls werden, melde dies, der zuständigen Polizeidienststelle, mindestens aber dem Überfalltelefon (in Berlin: Maneo, täglich 17:00 bis 19:00 Uhr, Tel. 216 33 36).

Udo Walz erklärt: Schwulsein nix Analverkehr

Ich gestehe, das vierbuchstabige Revolverblatt gehört nicht zu meiner Pflicht-Lektüre, nicht einmal wenn’s irgendwo eh‘ rumliegt.

Aber heute [im September 2006] musste ich einem Link ja doch folgen, wollte die Story einfach nicht glauben. Die ominöse ‘Zeitung’ „ fragte den prominenten Homosexuellen, Star-Figaro Udo Walz “. Ah ja, wir sind gespannt was folgt.

Jetzt werden also schon gewisse Berliner Friseusen Experten in Sachen Homo-Aufklärung…
Aber, das Würgen geht noch weiter:

Udo Walz (geb. 28. Juli 1944 in Waiblingen, seit 1963 in Berlin) erklärt in dem Artikel, er möge das Wort „schwul“ nicht, das klinge doch so vulgär. Um uns anschließend wörtlich aufzuklären

Die meisten denken dann gleich an Darkrooms und Analverkehr. Und ich kann Ihnen versichern, dass Homosexualität damit nichts – ausschließlich – zu tun hat.

Ah ja!

Nicht mehr steigerungsfähig?
Aber natürlich doch!
Ob er denn verstehen könne, wenn Leute sich auch heute noch, auch in der Großstadt, darüber aufregen, wenn zwei Männer sich küssen, fragt natürlich ganz ohne böse Absicht die ‘Redakteurin’.

Und Udo Walz antwortet brav, wie bestellt,

Ja, das stört mich nämlich auch.

Und, fährt er bei der nächsten Gelegenheit fort, was er noch nicht mag, diese „speziellen Einrichtungen“, er meint für sexuelle Abenteuer.

Wie ekelig, sich küssende Männer. Und dann auch noch Analverkehr. Und Darkrooms, igitt igitt.

Aber, was ist denn Herr Walz, wenn er sich als schwul bezeichnet?

Udo Walz, Berlinale 2008 (Foto: Siebbi)
Udo Walz, Berlinale 2008 (Foto: Siebbi, Lizenmz cc by 3.0)

Udo Walz, well known German hairdresser Volkswagen People’s Night 2008Siebbi  – CC BY 3.0

Na ja, eigentlich will ich das gar nicht wissen. Ich will nicht wissen, was Herr Walz wählt, wem er die Haare schneidet, und was er im Bett treibt.

Wie beunruhigend allerdings, dass Udo Walz auch noch betont, er sei „ein sehr maskuliner Mann“. Ach, tatsächlich?

Wer’s nicht glauben will und die Würgegefühle nicht scheut: hier der Link .

Und wer nicht weiß, wer Herr Walz ist – seien Sie froh, muss man nicht wissen…

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Herr Walz war 2004 auch gegen die Homoehe:

„Ich finde, zwei Männer können nicht heiraten. Heiraten hat ja auch mit Kindern und mit Fortpflanzung zu tun.“

Am 26. Juli 2008 dann ließen Udo Walz und sein Lebensgefährte ihre Lebenspartnerschaft registrieren, Schlagzeilen wie „Udo Walz hat geheiratet“ folgten …

… doch Walz lehnt die Homoehe ab. Auch 2019 erklärt er noch, er sei der Ansicht zwei Männer könnten nicht heiraten.

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Neues Museum 2006 – Chipperfield statt Joseph R.

Nein, es gibt heute nichts zum Staatsbesuch von Herrn Joseph R. aus R. …

Stattdessen ein wenig Kultur:

Neues Museum 2006
Neues Museum 2006

Zum Tag des Denkmals ist am Samstag, 9.9. und Sonntag 10.9.2006 das Neue Museum in Berlin während der Bauarbeiten zu besichtigen („offene Restaurierungswerkstatt“).

Bereits nach Abschluss der restauratorischen Vorsicherung war das neue Museum im Sommer 2003 erstmals für wenige Tage (noch als „Kriegsruine“) für die Öffentlichkeit zugänglich (vor allem auch die Säle im zweiten Geschoss). Seitdem ist der Bau wieder unzugänglich, die Restaurierungsarbeiten laufen.
An diesem Wochenende nun kann erstmals seit Beginn der Arbeiten ein Blick „in die Baustelle“ geworfen werden, leider nur in der ersten Etage.

Den derzeit sichtbaren Restaurierungsarbeiten ist der Respekt vor dem Stüler’schen Bau anzumerken – zurückhaltend, statt offensiv das Neue, Moderne (Chipperfield) einzubauen.
Wo möglich, wo genügend Alt-Substanz vorhanden ist, wird Stüler repariert (bis hin zur aufwändigen Neu-Herstellung von Ton-Zylindern für die Decken eines Saales). Wo zu wenig oder keine Original-Substanz mehr vorhanden ist, wird die Stüler’sche Raumaufteilung wahrend, aber immer als Rekonstruktion erkennbar neu gebaut, Geschichte und Verfall des Gebäudes bleiben sichtbar, werden nicht hinter Geschichtsklitterung verborgen.

Neues Museum 2006 Treppe
Neues Museum 9. September 2006, Treppe

Dieser Neu-Bau erfolgt wo sichtbar immer aus einem Material, einer Art Grob-Beton, mal gesandstrahlt, fast in Werkstein-Optik, mal geschliffen und poliert in der Art von Terrazzo.
Besonders eindrucksvoll wird die Kombination von Stüler und Chipperfield im neuen Treppenhaus …

Neues Museum, Bodestr. 2-3, noch offen am Sonntag, 10.9.2006 von 10 bis 16 Uhr (und nächstes Jahr hoffentlich wieder zum Tag des offenen Denkmals)

siehe auch 8. März 2009: Neues Museum: Die Stüler-Chipperfield-Synthese

Heinrich Böll Platz – Betreten verboten!

Heinrich Böll Platz – Betreten verboten

Köln: Betreten Verboten
Köln: Betreten Verboten

… hier immerhin nett formuliert …

Ist Deutschland eigentlich an Platz eins oder an Platz zwei auf der Liste der Länder mit den meisten “Betreten verboten” – Schildern?

Köln hat ein schönes Museum Ludwig (mit der sehenswerten Ausstellung ‚Das achte Feld‘ zu sexuellen Identitäten) und mit einer besonders schönen Philharmonie.
Diese Philharmonie liegt sozusagen im Keller des Museums, und auf ihrem Dach ist einer der sehr schön gelegenen Plätze des Museums, der Heinrich Böll Platz – direkt zum Rhein hin. Sehr schön, um hier spazieren zu gehen, Kaffee zu trinken – oder Skateboard zu fahren…

Was wiederum die Musiker in der Philharmonie in den Wahnsinn zu treiben scheint – denn gut gebaut wie das alles ist (in Köln wird nur gut gebaut) …

Köln Museum Ludwig / Heinrich Böll Platz
Köln Museum Ludwig / Heinrich Böll Platz

… werden die Schallwellen vom Platz direkt in die Philharmonie übertragen und stören bei Proben und Konzerten. Und deswegen kann man/frau bei jedem Konzert, bei jeder Probe das wunderbare Schauspiel beobachten, das auf obigen etwas dunklem Foto nur zu erahnen ist: Bedienstete der Philharmonie sperren den Platz ab, fordern alle Fußgänger (Skater erst recht!) auf, außen herum zu gehen.
Immerhin, Köln will ja modern und weltoffen sein, die Schilder gibt’s in drei Sprachen…

Das achte Feld

Ein riesiger ‚David‘ blickt vor dem Museum Ludwig über den Rhein. Eine pinkfarbene, neun Meter hohe Skulptur des Künstlers Hans-Peter Feldmann weist schon von weitem den Weg zur Ausstellung „ Das achte Feld “.

das achte Feld

Innen drin: Lass einmal deine herkömmlichen Vorstellungen außer Acht, gehe auf die Reise. Experimentiere, probiere aus. Alles ist möglich, nur nicht „das Normale“. Dazu scheint die Ausstellung „Das achte Feld“ ihre Besucher aufzufordern.

Als erstes unter den „großen“ der deutschen Kunstmuseen wagt das Kölner Museum Ludwig eine umfassende Schau künstlerischer Auseinandersetzung mit Formen sexuellen Begehrens jenseits des Hetero-Mainstreams.

Der Titel der von Frank Wagner kuratierten Ausstellung, das „achte Feld“, spielt dabei an auf das Schachspiel: rückt ein Bauer auf das achte Feld vor, kann er sich in jede andere Spielfigur verwandeln, auch in eine Dame – die stärkste Spielfigur im Schach. Dieser Wandel, der Bauer wird Dame, der Schwache wird zum Starken – die Ausstellungsmacher haben diesen „Geschlechterwechsel“ auf die Kunst übertragen und als Metapher verwendet für alle Möglichkeiten der Sexualität, die „außerhalb“ des heterosexuellen Mainstreams liegen, von Homo- bis Inter- und Transsexualität, Gender und Transgender, Queer und Travestie.

Die Ausstellung zeigt auf mehreren Etagen strukturiert in thematischen Feldern über 250 Werke von 80 Künstlern, darunter bekannte wie David Hockney oder Andy Warhol, aber auch für den ein oder anderen vielleicht erst zu entdeckende Künstler wie Piotr Nathan, Kaucylia Brooke oder Sunil Gupta.

Sehr intensiv haben mich selbst (wieder einmal) die Fotografien Nan Goldins berührt – besonders (auch: wieder) das Triptychon eines schwulen Paares, einer von beiden an Aids erkrankt; sowie eine Installation aus Klappen-Türen und Fotografien, die das Spannungsfeld zwischen dem Suchen nach schnellem Sex und der Sehnsucht nach Nähe thematisiert.
Einer meiner ersten Gedanken hinterher, nach Verlassen der Ausstellung: jetzt kommen Homosexualitäten schon ins (Kunst-) Museum. Ist das jetzt ein Fortschritt? Oder ein weiterer Hinweis auf die (selbst gewählte) Selbstauflösung des Schwulseins?

Das achte Feld – Leben und Begehren in der Kunst seit 1960
Museum Ludwig, Köln
noch bis 12. November 2006
weitere Informationen: Museum Ludwig

Zur Ausstellung ist ein Band mit Erzählungen erschienen („Feldforschung“, im Eintrittspreis der Ausstellung enthalten; erhältlich auch in der Edtion Suhrkamp): Thomas Meinecke berichtet anhand einzelner Exponate über historische Ereignisse, erzählt Geschichten und Geschichtchen von und zu Kunstwerken, Tief- und Vordergründiges, erweitert mit seiner ‚Feldforschung‘ diese Studie sexuellen Begehrens.

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Text 01.06.2016 von ondamaris auf 2mecs

Egal oder anders – CSD: Spielt doch keine Rolle …

Anfang August. Die Zeit der (aufgrund der Fußball- Weltmeisterschaft eh schon zahlreich verschobenen) schwul-lesbischen Hochämter geht dem Ende entgegen, am vergangenen Wochenende mit dem Hamburger CSD.

CSD Hamburg 2006: "Schwuchtel - Spielt doch keine Rolle"
CSD Hamburg 2006: „Schwuchtel – Spielt doch keine Rolle“

Ein CSD, auf den überall in der Stadt mit Plakaten aufmerksam gemacht wurde. In der schwulen Version: ein junger Mann Anfang 20 grinst uns nett an, grüne Jacke über dem T-Shirt, quer darüber in großem Lettern „Schwuchtel?“. ‘Na hoffentlich’, denkt der homophile Betrachter, nur um etwas weiter gen unterem Plakatrand zu erfahren „Spielt doch keine Rolle – Christopher Street Day Hamburg 2006“.
In der weiblichen Version lacht uns ein junges Mädchen unter weißem Brautschleier an, vor ihr groß „Kampflesbe?“, darunter die schon bekannte Antwort „Spielt doch keine Rolle“. Immerhin, ich muss grinsen, zwischen Brautschleier und Kampflesbe ein schönes Spiel mit (nicht nur heterosexuellen) Vorurteilen.

Nun hat der CSD in den vergangenen Jahren viel von seinen politischen Inhalten verloren; angesichts so manchen Homo-Spektakels fühle ich mich bald eher an Schützenfest oder Love Parade erinnert.
Und jetzt „Spielt doch keine Rolle“?

Schön wär’s, denke ich. Wäre es nicht toll, wenn Menschen nicht (mehr) nach ihrer Haut- oder Haarfarbe bewertet werden, danach wen sie lieben oder mit wem sie Sex haben? Sondern nach ihrem Selbst, nach ihrer Persönlichkeit? Klar, das wäre schön, denke ich.
Und stolpere gedanklich. Wie war das damals, Hamburg Anfang der 80er Jahre? Meine ersten CSDs? Schwulsein, mein Schwulsein, das hat damals eine Rolle gespielt. Hat vor allem auch für mich selbst eine Rolle gespielt.
Die CSDs, die ich besuchte, hießen noch Stonewall, hatten Inhalte (von Piratenradio über Coming-Out- und Selbsterfahrungs-Workshops bis zu gut besuchten Diskussionsveranstaltungen) und wurden von Demonstrationen begleitet. Schwulsein, das war (und in Teilen: ist) für mich auch eine Möglichkeit, Dinge im Leben anders zu gestalten, anders leben zu können als der bürgerlich-heterosexuelle Mainstream.

Nun gut, durchgesetzt hat sich heute anscheinend eine andere Denke, die weniger ausprobiert, Freiheiten nimmt und nutzt, vielmehr eine Denke, die -so scheint mir- bestrebt ist, so ähnlich, so angeglichen wie möglich zu sein.
Verloren gegangen ist dabei weitgehend die Idee, das Potential zu nutzen, das in Andersartigkeit liegen könnte, das Potential zu experimentieren, Neues zu versuchen, andere als die bereits breit ausgetretenen Wege zu gehen.
Das Hamburger Motto „Spielt doch keine Rolle“ bringt das für mich vielleicht ganz gut auf den Punkt. Sind wir schon so normal, so angeglichen, dass schwul, lesbisch oder hetero keine Rolle mehr spielt? Eine Frage der Kategorie „ist doch egal“ ist?

Da bleibt mir dann fast nur noch die erstaunte Frage, wenn’s doch eh’ keine Rolle spielt, wozu brauch ich dann überhaupt noch ‘nen CSD?

Irgendein Sonntag Abend

Sonntag früher Abend. Einer der Momente, für die ich diese Stadt liebe. Nach regnerischem Tag scheint endlich verhalten die Sonne. Leicht verpeilt, ganz leicht nur nach 3 Becks, komme ich aus dem Lab. Guten Sex gehabt, viele Leute da, einige wenige Bekannte, niemand zickig, sie wissen weswegen sie dorthin gehen. Spaß gehabt. An DDR-Hinterlassenschaften, Neuem Deutschland und Plattenbauten vorbei zum Ostbahnhof. S-Bahn zur Warschauer, dort rüber zur U-Bahn. Ein längst abgelegter Bekannter eilt vorbei, erwidere seinen flüchtigen „Hi Hi“ Gruß. In der U-Bahn gut gelaunte Menschen. Ein Uniformierter, aussehend wie was Fliegendes, fühlt sich unberechtigterweise von einem jungen Südeuropäer angerempelt, verzichtet aber mit säuerlicher Mine darauf, etwas zu sagen.