Geschichten und Berührung – Gedanken zur Love Aids Riot Sex Vernissage

Zuletzt aktualisiert am 22. Juni 2015 um 10:02

Am 15. November 2013 wurde in Berlin in der nGbK der erste Teil der Ausstellung „Love Aids Riot Sex“ eröffnet. Nach einer ersten Runde durch die Ausstellung, langen Momenten vor mir wichtigen, besonders nahen Werken, den Eröffnungs-Reden verdrücke ich mich bald wieder. Warum?

Erste Blicke, erste Schritte in die Ausstellung. Grafiken, Slogans, das längst berühmte Transparent der New Yorker Bus-Werbung, das Wojnarowicz-Plakat („Junge“), 1990) das jahrelang in unserer Wohnung hin. Bilder die Erinnerungen wecken – ach ja, stimmt ja.

Eine Installation mit Nan Goldins Photographien von Alf Bold. Lange her, dass ich die zuletzt gesehen habe. Wie schon damals gehen mir Nan Goldins Fotos auf ganz eigentümliche Weise nahe. Ihre (hier nicht zu sehenden) Aufnahmen von Gilles und Gotscho bringen mich immer noch zum Weinen, wenn sie mir begegnen.

Am intensivsten berühren mich die Photographien von Jürgen Baldiga und Aron Neubert, eine ganze Wald entlang. Berühren mich auf eine ganz eigene, private Weise.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht für mich, nach einem Moment des Innehaltens nach erstem Rundgang ein Begriff – Würde. Wie war es noch möglich, Würde, auch die eigene Würde zu wahren – in diesen Zeiten des Sterbens, des Leidens, der Hoffnungslosigkeit?

Bald schon fühle ich mich wie in einem Flashback – oder ist es ein schlechter Trip? – , tauchen Bilder Gefühle Geschichten Gerüche wieder auf. Von CMV und Toxe, von Aussichtslosigkeit und Abstürzen, von Liebe und Lust, von Angst und Wut.

Tauchen sie nur bei mir auf, diese Assoziationen, Erinnerungen?

Parlierende, rotweintrinkende, Banalitäten austauschende Vernissage-Gäste vor der Installation von Nan Goldins Alf-Bold-Bildern.
Wohlgekleidete kunstbesonnene Menschen jeglicher sexueller Orientierung schlendern entlang der Baldiga– und Neubert-Fotos.

Wie können all diese Menschen hier (unter dem Vernissage-Publikum sind, nebenbei bemerkt, erfreulich viele junge Menschen, nicht nur ‚Zeitzeugen‘), wie können all diese Menschen so gut gelaunt plaudernd,  sich offensichtlich gut amüsierend an diesen Bildern vorbei schlendern – und sich nicht von ihnen berühren lassen?

Love Aids Riot Sex Vernissage
Love Aids Riot Sex Vernissage

Jürgen in seinen letzten Wochen und Tagen. Das Foto, das später Jürgens Mitteilung des eigenen Todes (der sich demnächst zum 20. mal jährt) schmückte. Jürgens Wohnung, an die Wände zahlreiche seiner Fotos gelehnt. Fotos von Aron, von Ikarus, von Melitta.

Ich bemerke, wie sehr ich diese direkte, offene Art der Fotografie von Baldiga und Neubert schätze sie – auch in schwulen und HIV-Kontexten – vermisse. Dieser direkte, unverstellte Blick, ehrlich, ohne Dramatisierung oder Selbstverliebtheit. In großer Klarheit zeigen was ist, ohne Beschönigung, ohne Verklärung. Hart aber voller Wärme, einem liebenden Blick auf den / die Menschen.

Mir wird wieder deutlich, wie viele Geschichten diese Bilder (mir?) erzählen. Und die Frage kommt unweigerlich, ‚entdecken‘ heutige Besucher diese Geschichten überhaupt noch? Nur ein Beispiel: Wer weiß, dass das auf dem Bild Ikarus ist? Wer erinnert sich seiner Geschichte(n)? Wer weiß überhaupt noch, was Kaposi ist, was dieser Krebs einst unter schwulen Männern anrichtete, was er mit Selbstbewusstsein und Selbstbild machen konnte, Geschichten von Scham und Schweigen – und wie radikal, wie groß der Schritt war, den Ikarus (der 1992 starb) mit seinem Durchbrechen der Scham machte? Interessiert das überhaupt heute noch jemanden? Hört, sieht jemand diese Geschichten, die hier erzählt sind? Oder ist das ‚abgestanden‘, Geschichte – ab in’s Archiv?

Um mich herum – weiterhin der für eine Vernissage wohl übliche aufgeregt – amüsierte Betrieb.

Ich bin froh, dass Stefan da ist … und flüchte mit ihm von der Love Aids Riot Sex Vernissage in einen nahe gelegenen Bierhimmel. ‚Love Riot Sex Aids‘, besonders die Fotografien von Nan Goldin, von Jürgen Baldiga und Aron Neubert werde ich mir in den kommenden Tagen nochmal ansehen … wenn Ruhe ist. Die Stimmung dieser Vernissage ist zu weit entfernt von meinen persönlichen Gefühlen.

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