Jung und Alt – ohne, gegen oder mit einander?

Stehen jung und alt auf Kriegsfuß mit einander? Gibt es überhaupt ein ‚mit einander‘? Oder ein ‚gegen einander‘? Oder sogar nur ein ‚ohne einander‘? Wie schaut’s aus um die Zukunft des HIV-Aktivismus?

Alte Hasen und junge Hüpfer – gibt es das im Aids-Aktivismus? Und kann das gut gehen? Verschiedene Generationen von Aktivisten – wie steht’s um unsere Zukunft? Generell scheint es ja schwierig zu sein zwischen den Generationen …

… findet nicht nur der Journalist und Autor Enrico Ippolito. Er schreibt in seinem Artikel „Kurze Geschichte vom Krieg“ (in der ‚Homo-taz‘ vom 4. Juli 2013) über „die Alten“ und „die Jungen“. Über Bilder von und Erwartungen an einander. Und findet

Es tobt ein Kampf der Generationen zwischen uns„.

Schaue ich mir den HIV- / Aids-Aktivismus der letzten Jahre an, frage ich mich „welcher Kampf“, und „zwischen welchen Generationen denn überhaupt“?

Denn – es gab Jahre, da hatte ich den Eindruck, es gäbe nahezu keine jüngeren Positiven, die sich engagieren, über den eigenen Horizont persönlicher Lebenssituationen hinaus aktiv werden wollen. Als sei Selbsthilfe ein „ohne einander“. Nach den inzwischen älter werdenden Aktivisten der frühen Aids-Jahre – Leere.

Generation Golf fand sich selbst toll, das eigene Wohlergehen wichtig, aber alles andere, womöglich gar ‚das Poltische‘, igitt. Und nach dieser (aktivistisch betrachtet) ‚verlorenen Generation‘? War lange Zeit (aktivistisch gesehen) weitgehend Ruhe.

In den letzten Jahren ändert sich dies nach und nach. Nach und nach tauchen junge Menschen auf, die sich auch als HIV-Positive engagieren, nicht nur nörgeln sondern aktiv werden wollen. Und es tun.

Und was geschieht?

Prompt bekommen sie beim erstbesten Anlass, bei der nächsten Möglichkeit der Kontroverse das ‚beste‘ Argument überhaupt um die Ohren gehauen: „du bist doch zu jung„.

Endlich werden wieder junge Positive aktiv – jetzt aber schnell einen drüberhauen, damit sich ja auch weiterhin nichts regt ?!

Vielleicht ist dieses ‚endlich‘ auch mit ein Hintergrund, warum ich mich so über das ‚Jugend-Bashing‘ letztens angesichts des Laudators bei der Verleihung der Kompassnadel in Köln geärgert habe, siehe ‚Die Jugend von heute … oder: kann man „zu jung“ sein?‚.

Können wir immer wieder nur geifernd und um uns schlagend Revierkämpfe austragen nach Gockel-Art? Statt uns zu freuen, dass endlich mal frischer Wind reinkommt, Bewegung – im wahrsten Sinne des Wortes?

Enrico Ippolito übrigens kommt in seinem lesenswerten Artikel in Sachen jung und alt zu einem einfach klingenden und scheinbar doch so schwer zu lebenden Resümee

Wahre Subversion wäre, wenn wir gemeinsam kämpfen. Wir müssen nicht politisch einig sein. Nicht immer. … Es geht um Respekt. … Gemeinsam kämpfen. Wir brauchen einander. Wir sollten Freunde sein.

Genau das.
Bleibt nur noch eine Frage: Warum eigentlich nur als Appell ?

.

10 Antworten auf „Jung und Alt – ohne, gegen oder mit einander?“

  1. Über die Jahre wurde ja immer wieder bedauert das es sowas wie „Act UP“ (politisches Engagement) bei uns nicht mehr gibt. Allerdings gab es immer wieder Forderungen wie“ Es müßte mehr gemacht werden“. Wer diese „Es“ aber sein könnten – sollen. Mit Sicherheit nicht diejenigen die solche Forderungen stellen, sondern immer derdie AndereN. Man selbst eigentlich nicht so gerne, weil . . . .

    Und jetzt da es sich herauszukristalisieren beginnt, is es auch nicht recht.

    Die Reaktion die laut wurde ist imo mehr eine Revierverteidiung als ein Revierkampf. Diejenigen die div Organisationen und AH´s zu Anno Tobaks Zeiten ins Leben gerufen haben sind „noch zu jung für die Rente, zu alt um einen neuen Job zu finden und zu alt um Neues Blut zuzulassen“. Diejenigen – Ehrenamt? ja gerne (aber sonst . . . ) – die man zuläßt – so mein Eindruck haben sich nach dem Tun und der Sichtweise der „Alteingesessenen“ zu richten, sich Ihnen unterzuordnen. Und nun werden selbstbewußte, neue Töne, Forderungen laut. Da kommt Panik, kommen Verlustängste – Priviligien, Ansehen etc – auf. Dazu gesellt sich ein, das arbeitsbedingte Phänomen der Betriebsblindheit.

    Wiki: Mit Betriebsblindheit wird umgangssprachlich, eine routinemäßige Arbeitsweise bezeichnet, an der keine Selbstkritik geübt und keine Veränderungsmöglichkeit gesehen wird. (Ich setze dazu“ Zugelassen wird“)

    Das ist nicht gerade ermutigend für diejenigen – Jung und engagierte „Mutmacher“ – die sich einbringen wollen.

    Es ist imo dieser Weg, es sind genau diese Menschen, die eine Lösung des Diskurs der seit 4 Jahren geführt wird“ Wie ist das neue Bild von HIV? Wie können wir das Neue Bild von HIV kommunizieren“ anbieten und bereithalten.

    Jung und alt – Miteinander – zusammen mit einer langsamen Übergabe des Staffelstabes . . .

    1. alivenkickin, es geht mir nicht um ACT UP, so sehr ich damals selbst dabei war – sondern generell um Aktivismus, die frage warum werden Menschen wann / unter welchen Bedingungen aktiv, und wie gehen wir damit / mit einander um

      Staffelstab übergeben? ja! und das heißt m.E. auch: zulassen, Freiräume geben und schaffen, und ab und an mal Maul halten und (voll Vertrauen) machen lassen 😉

  2. äh . . . Ulli . . . . das habe ich ja auch zum Ausdruck gebracht .

    . . . ähnliches wie ACT UP = – > politsches Engagement,

    . . . nun werden selbstbewußte, neue Töne, Forderungen laut.

    Ja es ist schön wenn „zugelassen wird“ und man Freiräume eingeräumt bekommt. Die Regel ist das nicht. Oft muß man sich sich Freiräume schaffen, sich Freiräume nehmen. Und darum kämpfen das Andere „zulassen“.

    Ich tappe auch immer mal wieder in diese Rentner Falle . . .;)

  3. Beide Seiten vergessen immer dass sie von einander lernen können. Die alten haben die Erfahrung und gehen oft die Dinge nach ihrem Schema an: „so haben wir das schon immer gemacht, was soll jetzt daran schlecht sein!“ Die Jungen sehen vieles aus einer anderen Perspektive, die ja nicht schlecht sein muss, die vielleicht einiges einfacher macht. Warum also wird das Potential nicht genutzt? Ist es falsche Eitelkeit oder verletzter Stolz?
    Sicher wollen die Jungen vieles anders Machen als die Alte. Warum auch nicht! Als die Alten Jung waren wollten sie auch alles anders machen und das war z.T. auch gut so. Es verschieben sich die Perspektiven.
    Wenn die Jungen machen wollen, sollten sie von den Alten ermutigt werden ihren Weg zu finden und nicht den der Alten nachzuahmen. Nur so entsteht Fortschritt. Sicher ist die Erfahrung der Alten ebenso wichtig wie die jugendliche Triebkraft etwas in der Gesellschaft verändern zu wollen. Wäre das nicht der Fall würden wir heute noch in Höhlen leben. Eingefahrene Wege bringen uns nicht weiter.
    In den 80ern waren viele CSD-Veranstaltungen langweilige Laschdemos, die man einige wenige schwule Aktivisten mobilisiert hat und kopfschüttelnde Passanten, heute ist der CSD eine Parade, die auch zum Publikumsmagnet geworden ist und Homosexuelle in der Akzeptanz weit nach vorne gebracht hat. Der Grund dafür war, das damals junge Homosexuelle sich Gedanken gemacht haben wie kriegen wir den Mief aus den Laschdemos, wie können wir den CSD interessanter gestalten? Nur sind heute die damals Jungen eben die Alten geworden und eine neue Generation steht am Start. Wir können doch nur gewinnen wenn die Gedanken der Jungen mit einfließen lassen. Der Jugend eine Chance geben ist mein Motto.

  4. Wenn wir schon beim analysieren sind, die damaligen „Jungen“, die die heutigen „Alten“ sind, haben „damals“ Neuland betreten. HIV wie auch das Aktiv werden, Bedürfnisse erkennen und einfordern im Kontext zu HIV – das war lebensnotwendig. Menschen haben sich organisiert und gemeinsam entdeckt, gehandelt, umgesetzt. Das was damals getan, erlebt wurde ist das was Heute unter dem Begriff „Erfahrungen“ abgespeichert ist und von Vielen der damaligen „Jungen“ den heutigen „Alten“ verwaltet wird.

    Heute sind wir settled. Wir die wir HIV + sind leben in einem gemachten Nest. Heute gibt es Medikamente mit denen wir alt werden und es Vielen von uns ermöglichen arbeiten zu gehen.

    Symbiose: Die Alten teilen mit uns ihre Erfahrungen, ermuntern und vertrauen auf die Jungen, die „Marcel´s“ lassen sie gewähren. Und irgendwann müssen Alten in den Organisationen,den AH`s loslassen. Vielleicht auch vor der Rente. Der Virus kennt nämlich keine Rente. Das Leben auch nicht.

    1. @ Alivenkickin: du schreibst „die jungen lassen sie gewähren“ … ich denke anders herum sollte es laufen, die ‚alten‘, also wir, müssen rechtzeitig und immer mehr freiräme geben, die jungen gewähren lassen, und zwar echte freiräume, unabhängig davon ob sie (i.e. wir) selbst der ansicht sind, dass richtig ist was dann geschieht (alles andere empfände ich als paternalistisch)

  5. Ulli . . .

    Ich habe geschrieben: „Die Alten“ teilen mit uns ihre Erfahrungen, ermuntern und vertrauen auf die Jungen, die “Marcel´s” lassen sie gewähren. –

    Die Alten lassen „die Marcels = die Jungen“ gewähren.

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