Anmerkungen zum HIV Community Preis

Zuletzt aktualisiert am 23. Juni 2015 um 12:49

Während des Deutsch-Österreichischen Aids-Kongresses in Innsbruck ist vor kurzem erstmals der HIV Community Preis verliehen worden. Einige persönliche Anmerkungen zum Spannungsverhältnis Pharma-Industrie – Community.

Den HIV Community Preis loben drei Organisationen (Deutsche AIDS-Gesellschaft DAIG, Deutsche AIDS-Hilfe DAH, Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter DAGnÄ) aus, gemeinsam mit einem Pharmakonzern – in diesem Fall Janssen Pharmaceuticals, einer Tochter des Konzerns Johnson & Johnson (J&J).

Eine Zusammenarbeit von Pharmaindustrie und Communities ist wohl nie unproblematisch und ohne Interessengegensätze, so auch in diesem Fall nicht.

Zugang zu Medikamenten und Patentrechte

J&J will, wie andere Pharmakonzerne auch, HIV-Positiven in den ärmsten Ländern der Welt den Zugang zu Aids-Medikamenten erleichtern. Dies wäre lobenswert – gäbe es da nicht ein Problem: der Konzern weigert sich, beim Patentpool für Aids-Medikamente mit zu machen [1].

Zwar will J&J seine Patentrechte unter bestimmten Bedingungen in 65 Ländern nicht mehr durchsetzen (was Produktion und Vertrieb preisgünstiger Generika ermöglichen würde). Dieses Angebot von J&J ist jedoch nicht unproblematisch: erstens steht der relevanteste Wirkstoff, das Aids-Medikament Darunavir, nur in 16 der 65 Staaten überhaupt derzeit unter Patentschutz [2], und zweitens sind Länder mit mittlerem Einkommen von dieser Regelung völlig ausgeschlossen.

Zu diesen von der Regelung ausgeschlossenen Ländern gehören auch Brasilien (Therapiekosten des Aids-Medikaments Darunavir pro Patient und Jahr 6.000 US-$), Thailand (5.000 US-$) oder Moldawien (9.000 US-$).

Hinzu kommt: J&J kämpft aktiv gegen die Entscheidung Indiens, Darunavir nicht zu patentieren [3]. Genau Indien ist aber das Land, dem entscheidende Bedeutung bei der Versorgung HIV-Positiver in den ärmsten Staaten mit generischen Versionen von Aids-Medikamenten zukommt.

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Ich bin selbst Mitglied der Jury beim HIV Community Preis , und habe die Entscheidung hier mitzuarbeiten bewusst getroffen, wissend auch um die Problematik um Patentrechte und Patentpool. Ich freue mich, dass – nachdem es seit langem HIV-Preise für Ärzte, für Nachwuchs-Wissenschaftler, für Journalisten etc. gibt – mit dem HIV Community Preis erstmals nun auch die Möglichkeit besteht, Community-Projekte auszuzeichnen.

Die Problematik der Medikamenten-Versorgung außerhalb der wohlhabenden Industriestaaten sollten wir darüber jedoch nicht aus den Augen verlieren. Und auch gegenüber Politik und Industrie immer wieder ansprechen.

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[1] J&J: Nur beschränkter Zugang. in: Pharmabrief Nr. 9-10, Dezember 2012
[2] Pharmalot 30.11.2012: The Op-Ed: J&J Patent Move Is ‚Inadequate‘
[3] Pharmalot 29.11.2012: J&J Makes HIV Drug Available To Poor Countries

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3 Antworten auf „Anmerkungen zum HIV Community Preis“

  1. Ich denke mal das das Verhalten von J&J im Kontext zum Patentpool einerseits und der Mitfinanzierung des Communitypreises andererseits zwei Sachverhalte sind. Problematisch würde es werden wenn J6J an die Vergabe/Mitfinazierung des Communitx Preises Bedingungen stellt wie z.b. das sie ein Statement von DAH, DAIK und DAGnÄ in ihrem Sinne erwartet oder voraussetzt. Hier wäre dann die rote Karte – der Verzicht von J&J angebracht.

    Was den Zugang zu Medikamenten wie auch der Patentrechte betrifft, es ist sehr komplex. Mittlerweile ist ein roter Faden zu erkennen der sich durch alle Free Trade Talks geführt von der EU/USA mit den div Freihandelszonene zu neuen Abkommen zieht. Der Drahtzieher ist die Pharmandustrie – die poltischen Verhandlungsführer sind nur Ausführende.

    Was Du zu den Ländern sagts die nicht mehr zu den LDC – Least Developed Countries gehören aber auch noch nicht zu den wirtschaftlichen starken Ländern wie Kanada, Japan, USA und Länder in Westeuropa ist allerdings eine Katastrophe.

    Es muß alles daran gesetzt werden das das DOHA Abkommen weiterhin Bestand hat, das den Ländern die zu der Gruppe der LCD´Länder wie auch den Ländern die gerade diesen Status hinter sich gelassen haben auf Grund eines nationalen gesundheitlichen Notstandes die Möglichkeit der Produktion von Generika eingeräumt wird bzw bleibt.

    Ein weiterer Punkt um den es geht ist der das man eine Patentrechtsverlängerung durch das „Evergreening“ http://diepresse.com/home/wirtschaft/recht/1415201/ArzneimittelEvergreens_Alte-Wirkstoffe-neue-Patente ausschließen muß.

    „Die Problematik der Medikamenten-Versorgung außerhalb der wohlhabenden Industriestaaten sollten wir darüber jedoch nicht aus den Augen verlieren. Und auch gegenüber Politik und Industrie immer wieder ansprechen.“

    Dem kann ich Dir nur uneingeschränkt zustimmen. Dazu braucht es unter anderem geleakte VerhandlungsDokumente. Einen anderen Weg der Transparenz der geführten Free Trade Talks gibt es nicht.

    1. ja, community-preis und patentpool sind zwei verschiedene themen. die auch nicht mit einander verknüpft wurden.

      ich bin allerdings der ansicht, dass wir community-vertreter/innen uns dieser problematik des zugangs zu medikamenten bewusst sein sollten, und dies auch gegenüber pharma immer wieder thematisieren sollten

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