Aufarbeitung der Verfolgung Homosexueller nach 1945 : Hamburg geht 4fach mit starkem Beispiel voran

Zuletzt aktualisiert am 18. Mai 2016 um 7:07

Verfolgung Homosexueller nach 1945 : in der Bundesrepublik ist sie bisher kaum aufgearbeitet. Gleich mit einem vierfach starken Zeichen geht nun Hamburg voran.

Die Verfolgung Homosexueller in der NS-Zeit von 1933 bis 1945 wird seit Jahren nach und nach aufgearbeitet. In manchen KZ-Gedenkstätten finden sich Tafeln oder Gedenksteine für verfolgte Homosexuelle. Seminare und Bücher untersuchen Aspekte der Verfolgung Homosexueller. Im Mai 2008 wurde in Berlin das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen eingeweiht.

Ganz anders die Verfolgung Homosexueller nach 1945 . Aufarbeitung: bisher weitgehend Fehlanzeige, besonders Aufarbeitung von offizieller Seite. Der berüchtigte Paragraph 175 (§175) galt in der Bundesrepublik (anders als in der DDR) weiterhin, in der von den Nazis 1935 verschärften Fassung. Justiz und Polizei verfolgten Homosexuelle weiter intensiv, ermittelten, klagten an, verurteilten zu Geld- und Haftstrafen, erfassten Schwule in Rosa Listen. Dieser Teil der Homosexuellen-Verfolgung, die Verfolgung Homosexueller nach 1945 , ist weitestgehend nicht aufgearbeitet.

Umso größer und bedeutender der Schritt, den Hamburg nun macht, gleich vierfach:

1. Als erstes Bundesland überhaupt widmet sich die Freie und Hansestadt Hamburg der Aufarbeitung der Verfolgung Homosexueller nach 1945 – mit der von Hamburg offiziell (und auch finanziell) unterstützten Ausstellung “Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945″sowie einer Begleit-Publikation.

2. Die Ausstellung findet nicht in einem Schwulenzentrum, einem in der städtischen Museen oder einer politischen Einrichtung statt, sondern direkt bei der Justiz, an einem der Orte, der für Schwule besonders mit Erniedrigung und Verfolgung verbunden war: in der Grundbuchhalle im Ziviljustizgebäude, Sievekingplatz 1.

3. Die Ausstellung wird eröffnet von Justiz-Senatorin (für Nicht-Hamburger: entspricht Landes-Ministerin für Justiz) Jana Schiedek – der Spitzen-Politikerin und Vertreterin der Exekutive, zugleich Vertreterin jeder Behörde, die für die Verfolgung Homosexueller nach 1945 politisch verantwortlich war und selbst wesentliche Impulse setzte.

4. Den Festvortrag anlässlich der Eröffnung der Ausstellung am 22.7.2013 hält der Hamburger Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch – der oberste Leiter jener Behörde der Exekutive, die viele Verfolgungs- und Repressionsmaßnahmen durchführte.

Hamburg geht einen großen, lobenswerten Schritt bei der Aufarbeitung der Verfolgung Homosexueller nach 1945 , zumal ‚am Ort des Geschehens‘.

Die Ausstellung weckt große Erwartungen. Im heilen Wirtschaftswunderland Bundesrepublik wurde eine Gruppe Menschen einzig aufgrund ihrer sexuellen Orientierung stark stigmatisiert, diskriminiert und verfolgt – warum? in welchem Ausmaß? mit welchen gesellschaftlichen, mit welchen individuellen Folgen?

Von den in der NS-Zeit verfolgten Homosexuellen dürften nur noch wenige heute leben – Entschädigung wird für die Verfolgung Homosexueller in der NS-Zeit schon aus diesem Grund eher der Versuch einer gesellschaftlichen ‚Wiedergutmachung‘ sein. Anders diejenigen Homosexuellen, die nach 1945, und bis weit in die 1960er und 1970er Jahre verfolgt wurden [1] – viele von ihnen leben heute noch. Wie kann hier Entschädigung aussehen? Ist Wiedergutmachung überhaupt möglich? Kann und will die Ausstellung auch hier Punkte machen, ein Zeichen setzen?

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ungültig gemachter OdF-Ausweis (Opfer des Faschismus) des in Hamburg geborenen Ewald Richard (1949 für ungültig erklärt, da der Inhaber nicht politisch verfolgt worden sei, sondern "wegen krimineller Vergehen (§ 175)" im KZ Theresienstadt inhaftiert war) [wikimedia/Shizhao]
ungültig gemachter OdF-Ausweis (Opfer des Faschismus) des in Hamburg geborenen Ewald Richard (1949 vom Magistrat für Berlin für ungültig erklärt, da der Inhaber nicht politisch verfolgt worden sei, sondern „wegen krimineller Vergehen (§ 175)“ im KZ Theresienstadt inhaftiert war) [wikimedia/Shizhao]
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siehe Bericht über die Ausstellungs-Eröffnung Liberales Hamburg ? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945

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Ausstellung “Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945
Grundbuchhalle im Ziviljustizgebäude, Sievekingplatz 1
Eröffnung am 22. Juli 2013 um 19:00 Uhr
Öffnungszeiten 23. Juli bis 1. September 2013:
Montag bis Freitag: 7.30 bis 19.00 Uhr (Ausgang bis 20.00 Uhr geöffnet), Sonnabend: 8.30 Uhr bis 14.00 Uhr, Sonntags geschlossen.

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[1] wie lange diese Überwachung und Verfolgung Homosexueller auch in Hamburg andauerte, zeigt eindrucksvoll die ‚Hamburger Spiegel-Affäre‘ 1980.

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