Schnee von gestern

Schnee von gestern. Nein, er ist nicht mehr aktuell. Interessiert niemanden mehr. Ist nicht von heute. Aus der Mode gekommen. Mehr als gestrig, altmodisch. Ne olle Kamelle. Hat sich abgenutzt, ist längst uninteressant geworden.

Schnee von gestern
Schnee von gestern

Aber – woher stammt diese Formulierung ?

Schnee von gestern

Gebräuchlich ist die Formulierung seit dem 19. Jahrhundert. Sie leitet sich vermutlich ab aus dem Refrain eines Gedichts, aus der Ballade des dames du temps jadis (Ballade der Frauen von einst) von François Villon (1431 – nach 1463):

Prince, n’enquerez de sepmaine
Où elles sont, ne de cest an,
Qu’à ce reffrain ne vous remaine:
Mais où sont les neiges d’antan!

(etwa: Prinz, frage nicht wo sie sind, nicht in einer Woche, nicht in einem Jahr – uns bleibt nur dieser eine Reim: wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr; Übers. UW)

François Villon (Darstellung aus Grand Testament de Maistre François Villon, 1489)
François Villon (Darstellung aus Grand Testament de Maistre François Villon, 1489)

François Villon gilt als der bedeutendste Dichter des französischen Spät-Mittelalters an der Schwelle zur Neuzeit.

Bertolt Brecht zitiert Villons Vers in ‚Nannas Lied‘ (1939; vertont von Kurt Weill)

Wo sind die Tränen von gestern abend?
Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?

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Dreigroschenoper Wolfgang Staudte 1962 / 63 – Flop der Entdeckung lohnt

Dreigroschenoper Wolfgang Staudte – Die Dreigroschenoper als Musical? Swinging Sixties statt bissiger Sozialkritik?

Wolfgang Staudte verfilmte 1962/63 die ‚Dreigroschenoper‘ von Brecht / Weill – die Neuverfilmung wurde zu einem 60er-Jahre- Musicalfilm, der damals von der Kritik eher abschätzig behandelt wurde. Aufwändig, aber unverbindlich, harmlos, hochkarätig besetzt, aber unsichere Regie, dramaturgisch verfehlt – so lauteten einige der Kritiken damals.
Kritiken, die mir heute nicht recht verständlich erscheinen.

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Produzent Kurt Ulrich hatte die Film-Rechte an der Dreigroschenoper bereits Anfang 1958 für 80.000 US-$ bei den Witwen von Kurt Weill, Lotte Lenya und Bertolt Brecht, Helene Weigel erworben. Sein ursprünglicher Plan: das Stück an die Situation in West-Deutschland Ende der 1950er Jahre anpassen, an Wohlstandsgesellschaft und die Verhältnisse in Wirtschaftswunderland.

Eine Anpassung, die notwendig erschien. Helmut Käutner, damals von Ulrich auch als möglicher Regisseur angesprochen: „Es hat keinen Zweck, die soziale Leier zu drehen. Heute werden keine Getretenen mehr getreten.“ Und auch Staudte, der den Film nach zahlreichen Absagen anderer Regisseure schließlich realisierte, sah Probleme: „Die sozialen Attacken stoßen heute ins Leere. Damals gab’s sechs Millionen Arbeitslose. Heute gibt’s sechs Millionen, die fehlen. Das ist ein Unterschied wie Sommer und Winter.

Doch die Erbinnen und Rechteinhaberinnen versagten einer Anpassung an die veränderten Verhältnisse die Zustimmung – Helene Weigel beschied kurz „Alles soll so bleiben, wie Brecht es gemacht hat„. Heraus kam: der Versuch, Anfang der 1960er Jahre die Dreigroschenoper „möglichst werkgetreu“ auf Zelluloid zu bannen.

Die Studio-Aufnahmen wurden gedreht in den Ufa-Studios Berlin-Tempelhof, die Szenen mit Samy Davis Jr. wurden für die Veröffentlichung des Films in den USA zusätzlich nachgedreht. Die Produktionskosten beliefen sich auf ca. 5,5 Millionen DM. Kinostart war am 21. Februar 1962 in Frankreich und am 28. Februar 1962 in Deutschland (München). Die Kritiker waren wenig begeistert (s.o.).

Eröffnungsfeier der DEFA 1946, Wolfgang Staudte (links) und Hildegard Knef (Mitte) neben Herbert Uhlig [Foto: Abraham Pisarek / Deutsche Fotothek]
Eröffnungsfeier der DEFA 1946, Wolfgang Staudte (links) und Hildegard Knef (Mitte) neben Herbert Uhlig [Foto: Abraham Pisarek / Deutsche Fotothek, Lizenz cc by-sa 3.0

Eröffnungsfeier der DEFA – Abraham Pisarek / Deutsche Fotothek – CC BY-SA 3.0 de

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16. Oktober 2012, das ‚Metropolis‘ in Hamburg zeigt an zwei Tagen die Dreigroschenoper Wolfgang Staudte 1962 / 63. Eine Chance, eine Version der Dreigroschenoper zu sehen, die wir beide nicht bisher kennen.

Gleich der Anfang lässt mich fast mit offenen Mund gebannt auf die Leinwand schauen. So hat die ‚Moritat von Mackie Messer‘ noch niemand gegeben. Samie Davis Jr. (siehe Clip unten) präsentiert sie in einer so cool anmutenden Lässigkeit …

Gert Fröbe gibt einen Peachum, der jovial zwischen gerissenem Geschäftsmann und biederem Bürger changiert. Lino Ventura einen Polizeichef Brown, der fast ‚Paten‘-haft daher kommt. Und selbst Curd Jürgens (der mir zu Beginn zu dandyhaft, zu sixties erscheint als Mackie) gewinnt in der zweiten Hälfte des Films sehr an Profil, Tiefe. Dazu Hildegard Knef, als 60er-Jahre-Pendant der Lenya (und stellenweise von Staudte genial ausgeleuchtet und photographiert). Und Hilde Hildebrand, die schnoddrig die Mutter spielt.

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Manches mag an der Staudte-Version der Dreigroschenoper zu burlesk, zu zotenhaft ausgefallen sein.

Dennoch ist Wolfgang Staudtes Version der Dreigroschenoper zu unrecht weitgehend in Vergessenheit geraten.

Wenn sich die Möglichkeit bietet: ansehen!

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Die Dreigroschenoper
BRD / F 1962/63
124 min.
Regie: Wolfgang Staudte
Drehbuch: Wolfgang Staudte, Günther Weisenborn
Mit u.a. Curd Jürgens (Mackie Messer), Hildegard Knef (Spelunken-Jenny), Gert Fröbe (Peachum, der ‚Bettlerkönig‘), Hilde Hildebrand, Lino Ventura (Polizeichef Brown), Walter Giller (Bettler Filch), Siegfried Wischnewski (Münz-Matthias, genannt „Platte“), Sammy Davis Jr. als Moritatensänger
Orchester unter der Leitung von Peter Sandloff

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Lesezeichen:
Drehbuchexemplar von Curd Jürgens (Auszug), mit handschriftlicher Notiz von CJ und Glückwünschen von Wolfgang Staudte (pdf)
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Dagmar Manzel „Die sieben Todsünden“ – Komische Oper Berlin

Die Komische Oper Berlin bietet derzeit eine sehenswerte Inszenierung der „Sieben Todsünden“ von Brecht / Weill mit Dagmar Manzel . Meine Eindrücke der Aufführung vom gestrigen Abend.

Die Komische Oper schreibt zu den „Sieben Todsünden“

„Vor ihrer Flucht in die USA schrieben Kurt Weill und Bertolt Brecht im Exil ein letztes gemeinsames Werk: Die sieben Todsünden, uraufgeführt 1933 in Paris. Es schildert die Odyssee zweier Schwestern, die beide Anna heißen und eigentlich zwei Seelen eines Wesens sind, die eine »schön, die andere praktisch«. Anna wird von ihrer Familie in die großen Städte geschickt, um Karriere als Tänzerin zu machen und damit Geld zu verdienen für den Bau eines neuen Häuschens »in Louisiana, wo die Wasser des Mississippi unterm Monde fließen«. Sieben Stationen muss Anna durchwandern und ihre Haut zu Markte tragen. Dabei deutet Brecht die klassischen Todsünden wie Faulheit, Stolz, Unzucht oder Neid zu Tugenden um. Allerdings können sich in ungerechten Verhältnissen nur reiche Menschen so etwas wie Stolz leisten – Anna muss ihre Blöße zeigen, wenn die Leute dafür bezahlen. Weill kontrastiert seinen unnachahmlich verführerischen Songstil mit dem parodistisch gesetzten Männerquartett (!) der Familie.“

Dagmar Manzel in: Die sieben Todsünden
Die sieben Todsünden

Anna eins und Anna zwei, beide Rollen sind in der Inszenierung unter Regie des zukünftigen Intendanten der Komischen Oper, Barrie Kosky, mit Dagmar Manzel besetzt, die damit die einzige (sichtbare) Darstellerin des mit einigen weiteren Weill-Chansons umrahmten Abends ist.

Dagmar Manzel hat schon mehrfach an der Komischen Oper gespielt, mit Barrie Kosky hat sie u.a. bereits ‚Kiss Me, Kate‚  gemacht.

Wer sich jetzt entscheidet, Dagmar Manzel in den „sieben Todsünden“ in der Komischen Oper Berlin sehen zu wollen: sorry – alle sechs derzeit bis Juli 2012 im Spielplan stehenden Vorstellungen sind ausverkauft. Aber – im Mai soll es Zusatz-Vorstellungen geben

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Ja, und wie war’s? Wie war’s – das frage ich mich auch, hinterher, auch jetzt mit einigem Abstand.

Es war sehr eindrucksvoll, und doch auch zwiespältig.

Eine beeindruckende Dagmar Manzel, mit einer Bühnenpräsenz, die unter die Haut geht. Und mit Fragezeichen.

Eine Inszenierung, die durch Zurückhaltung besticht – eigentlich nur Vorhang und Bühne, ein Verfolger als einzige Beleuchtung, das Orchester nicht im Graben, sondern im Rückraum der Bühne platziert, die vier Stimmen des ‚Familien-Quartetts‘ unsichtbar aus den Proszeniumslogen. Eine wohltuende Kargheit, die Stück und Musik viel Raum lässt – und Dagmar Manzel. Der Kommentar der FAZ trifft es an diesem Punkt meines Erachtens gut: „Inszeniert ist das wie ein Auftritt von Juliette Gréco“.

Eine Musik, nun ja – kann man sich in Musik zu hause fühlen? Ich habe dieses Gefühl fast immer bei Musik von Kurt Weill. Und hier wurden Weills Stücke (sowohl die Chansons am Klavier, als auch die ‚Todsünden‘ vom Orchester) auf wunderbare Weise interpretiert – nicht weich, unterhaltsam (in der oft zu hörenden Manier von Kur-Orchestern), sondern vergleichsweise hart gespielter Jazz (noch ein wenig schroffer vielleicht?). Insgesamt ein beeindruckender Einstand für die estnische Dirigentin Kristiina Koska, die ab der kommenden Spielzeit Kapellmeisterin an der Komischen Oper sein wird.

Und gesungen?
Nun – es waren, bedenkt man die Inszenierung, die Reaktionen des Publikums, den lang anhaltenden Applaus, beinahe ‚Manzel-Festspiele‘

Allein, bei aller Bühnenpräsenz, Frau Manzels Gesang gefiel mir nicht so gut wie dem größten Teil des Publikums. Gut, bei den ’sieben Todsünden‘ habe ich Lotte Lenya im Ohr, oder die unvergleichliche Gisela May. Vielleicht lag’s daran – es wollte sich kein richtiges ‚Gefühl‘ einstellen. Charakter, Tiefe fehlten. Ist Dagmar Manzel eine Brecht-/Weill-Sängerin? Mir scheint nein.

Diese ’sieben Todsünden‘ klangen nicht ‚brechtisch‘. Diese ’sieben Todsünden‘ klangen … hübsch, oft fast … gefällig. Gelegentlich nicht kräftig, manchmal zu weich. Oft vermisse ich das Gebrochene, das Raue in der Stimme. Zu selten war da eine Ahnung einer ‚Mutter Courage‘, zu viel eine Diseuse. So bleibt mir der Eindruck, Manzel singt ‚Anna‘, aber sie ‚ist‘ nicht Anna.

Eine zweite Frage an die Aufführung bleibt, sie wird leider nicht beantwortet: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit – was haben sie uns heute zu sagen?
Die ’sieben Todsünden‘ – ein Stück, das gerade heute viel an Aktualität zu bieten hätte. Hübsch gesungen, Wiedergabe des Gestrigen plus ‚Manzel-Hommage‘ – das ist hübsch, gute Unterhaltung, aber reicht das?

Ein gelungener Abend – der mehr hätte sein können.

Ein Tag in Lüdenscheid

Haste morgen schon was vor?
Nee, nix Bestimmtes.
Muss morgen nach Lüdenscheid. Will’ste mitkommen?
Oh. Äh. Was? Wo?

Na ja, warum eigentlich nicht. Liegt ja im Sauerland, wird wohl zumindest landschaftlich ganz schön sein.
Also früh morgens auf den Weg gemacht, den Mann begleitend nach Lüdenscheid. Bis Hagen mit dem IC, dort umsteigen. Die Bimmelbahn moderner Bauart schlängelt sich durch das landschaftlich reizvolle Tal der Volme, kämpft sich ab Brügge den Berg hinauf. Rechts und links der Strecke sind die traurig-trostlosen Folgen des weitgehenden Rückzugs der Bahn aus der Fläche zu bestaunen. In Lüdenscheid empfängt uns ein Bahnhof, den ich so höchstens in den Untiefen vorpommerscher Provinznester erwartet hätte.

Lüdenscheid – erste Assoziationen gehen in Richtung Loriot und seines unvergessenen ‘Müller-Lüdenscheid“, in der Wanne streitend mit Herrn Dr. Klöbner, “mit Ihnen teilt meine Ente das Wasser nicht!”.

Loriot: Müller Lüdenscheid
Loriot: Müller Lüdenscheid

Beide habe ich nicht getroffen, wenn auch einige Knollennasen ihnen recht nahe kamen.

Statt dessen: eine Stadt mit recht ansehnlich herausgeputzter Innenstadt, schönem Altstadt-Viertel und zahlreichen Wunden städtebaulicher Exzesse der Siebziger.

Doch Lüdenscheid hat auch Bedeutendes zu bieten. So meint die Stadt, der wohl größte Autohersteller der Welt zu sein. Alles nur eine Frage des Maßstabs. Denn täglich werden an die 45.000 Siku-Modellautos verkauft – und die kommen aus Lüdenscheid.

Und noch etwas, wo wir schon bei Modellbau sind: die Wilesco-Dampfmaschinen wecken Erinnerungen an die Kindheit (und an einen Film, den mit den drei ‘f’) – und diese Modell-Dampfmaschinen kommen ebenfalls aus … Lüdenscheid.

Einige Jahre früher (von Mitte des 18. bis Mitte des 20. Jahrhunderts) war Lüdenscheid aber auch Hauptstadt der Knopf-Herstellung – ebenfalls eine Errungenschaft, die man ja nun nicht missen möchte …
Und noch ein kleines Detail – exklusiv nur in Lüdenscheid wird seit seiner Stiftung 1951 das Bundesverdienstkreuz hergestellt.

Das alles erfährt man auch bei einem Besuch im erfreulich großzügigen und gut aufbereiteten Stadtmuseum.
Dort findet sich leider auch ein erstaunlicher Kontrast: einerseits in einem eigenen Raum der Versuch, Geschichte und Situation der Stadt in der NS-Zeit darzustellen und ansatzweise aufzuarbeiten.

zerstörte Thora-Rolle, Stadtmuseum Lüdenscheid
zerstörte Thora-Rolle, Stadtmuseum Lüdenscheid

Und andererseits, nur wenige Schritte entfernt, in einem Saal oppulenter Präsentationen städtischer Ordens-Produktionen eine umfassende Sammlung betitelt “Orden in der NS-Zeit”. Einzig teilweise kommentiert durch die Montage auf ein Foto einer kriegszerstörten Stadt.
Orden, die wohl teilweise eher für Untaten als Gute Taten ‘verliehen’ wurden, ausgestellt in einer zeitlichen Kontinuität, präsentiert mit dem Gestus ‘wir haben die Orden ja nur hergestellt – weswegen die verliehen wurden, das ging (und geht?) uns ja nichts an’.

Museale Unschuld, Naivität, die mich erschüttert.

Dabei ist das kleines Städtchen (ca. 80.000 Einwohner) mal ganz seiner Zeit kulturell voraus gewesen – Kurt Weill hatte seit Ende 1919 hier sein erstes Engagement als Kapellmeister am Stadttheater Lüdenscheid, bevor er anschließend 1921 nach Berlin zurück ging und dort später u.a. in der Zusammenarbeit mit Brecht große Erfolge feierte.

Gedenktafel Kurt Weill in Lüdenscheid
Gedenktafel Kurt Weill in Lüdenscheid

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Auf nach Mahagonny …

Morgen Abend hat in der Komischen Oper Berlin „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ Premiere. Am Vorabend erzählte und sang Gisela May unter dem Motto „Geld macht sinnlich – der Skandal um ‘Mahagonny’“, ebenfalls in der Komischen Oper.

Gisela May? Ja, Gisela May, die viele vielleicht (leider) nur aus der Rolle der „Muddi“ in der TV-Serie „Adelheid und ihre Mörder“ kennen. Die aber schon 1962 von Helene Weigel an das Berliner Ensemble geholt wurde (und ihm bis 1992 angehörte). Dort immer noch jährlich wunderbare Brecht-Abende macht, wie Bekannte berichten (ich hab irgendwie noch nie eine Karte bekommen :-( )

Ein netter, plaudriger Abend, ganz geprägt von der Persönlichkeit Gisela Mays. Manchmal in der Leichtigkeit ihres gekonnten (vermeintlichen) aus-dem-Konzept-Geraten fast an die frühe Georgette Dee erinnernd (wenn der Vergleich erlaubt ist). Dann wieder unvermittelt komisch, wenn sie eine Kästner-Version des „Surabaya Johnny“ sächselnd zum Besten gibt.

Im Kern aber immer wieder „Mahagonny“ und die Geschichte des Entstehens dieser Oper mit Musik von Kurt Weill und Texten von Bertolt Brecht.

Worum geht es? Die Komische Oper beschreibt es so:

„Wenn man von der Polizei verfolgt wird, muss man viel Geld haben, um die Ordnungsmacht des Staates zu bestechen. Wenn man keins hat, muss man welches machen. Drei Gangster handeln nach dieser Erkenntnis und errichten mitten im Nirgendwo die Paradiesstadt Mahagonny, wo die Menschen ihr Glück finden und ihr Geld ausgeben sollen. Aber das Unternehmen würde scheitern, wenn nicht Jim Mahoney, ein einfacher Holzfäller aus Alaska, das Gesetz der menschlichen Glückseligkeit finden würde: Der Mensch muss alles dürfen dürfen – sich bis zum Platzen vollfressen, exzessiv Sex haben, sich im Boxkampf als echter Mann erweisen, sich bis zum Umfallen besaufen. Mahagonny boomt, die Gangster werden reich, aber Jim hat ein viel wichtigeres Gesetz übersehen: Man darf nun zwar alles, aber man muss es bezahlen können. Er kann es nicht und wird wegen Geldmangels hingerichtet.“

Eine der erfolgreichsten Opern des 20. Jahrhunderts, mit gegenüber der (populäreren) Dreigroschen-Oper ausgereifter wirkender, aber auch ab und an weniger eingängiger Musik.
Eine Oper in drei Akten, die nur scheinbar in einer Phantasiestadt zu einer Phantasiezeit spielt. Die vielmehr so frisch, so aktuell wirkt, dass man fast erschrickt – eine Parabel, der angesichts von freiem Welthandel, Liberalisierung und zunehmender Demontage des Sozialstaats viele Zuschauer zu wünschen sind.
Und eine Aufführung, auf die Gisela May so viel Appetit gemacht hat, dass ich mir nun doch Karten besorgen werde …

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, Komische Oper Berlin, neu im Spielplan 2006, weitere Infos http://www.komische-oper-berlin.de/