Auf nach Mahagonny …

Morgen Abend hat in der Komischen Oper Berlin „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ Premiere. Am Vorabend erzählte und sang Gisela May unter dem Motto „Geld macht sinnlich – der Skandal um ‘Mahagonny’“, ebenfalls in der Komischen Oper.

Gisela May? Ja, Gisela May, die viele vielleicht (leider) nur aus der Rolle der „Muddi“ in der TV-Serie „Adelheid und ihre Mörder“ kennen. Die aber schon 1962 von Helene Weigel an das Berliner Ensemble geholt wurde (und ihm bis 1992 angehörte). Dort immer noch jährlich wunderbare Brecht-Abende macht, wie Bekannte berichten (ich hab irgendwie noch nie eine Karte bekommen :-( )

Ein netter, plaudriger Abend, ganz geprägt von der Persönlichkeit Gisela Mays. Manchmal in der Leichtigkeit ihres gekonnten (vermeintlichen) aus-dem-Konzept-Geraten fast an die frühe Georgette Dee erinnernd (wenn der Vergleich erlaubt ist). Dann wieder unvermittelt komisch, wenn sie eine Kästner-Version des „Surabaya Johnny“ sächselnd zum Besten gibt.

Im Kern aber immer wieder „Mahagonny“ und die Geschichte des Entstehens dieser Oper mit Musik von Kurt Weill und Texten von Bertolt Brecht.

Worum geht es? Die Komische Oper beschreibt es so:

„Wenn man von der Polizei verfolgt wird, muss man viel Geld haben, um die Ordnungsmacht des Staates zu bestechen. Wenn man keins hat, muss man welches machen. Drei Gangster handeln nach dieser Erkenntnis und errichten mitten im Nirgendwo die Paradiesstadt Mahagonny, wo die Menschen ihr Glück finden und ihr Geld ausgeben sollen. Aber das Unternehmen würde scheitern, wenn nicht Jim Mahoney, ein einfacher Holzfäller aus Alaska, das Gesetz der menschlichen Glückseligkeit finden würde: Der Mensch muss alles dürfen dürfen – sich bis zum Platzen vollfressen, exzessiv Sex haben, sich im Boxkampf als echter Mann erweisen, sich bis zum Umfallen besaufen. Mahagonny boomt, die Gangster werden reich, aber Jim hat ein viel wichtigeres Gesetz übersehen: Man darf nun zwar alles, aber man muss es bezahlen können. Er kann es nicht und wird wegen Geldmangels hingerichtet.“

Eine der erfolgreichsten Opern des 20. Jahrhunderts, mit gegenüber der (populäreren) Dreigroschen-Oper ausgereifter wirkender, aber auch ab und an weniger eingängiger Musik.
Eine Oper in drei Akten, die nur scheinbar in einer Phantasiestadt zu einer Phantasiezeit spielt. Die vielmehr so frisch, so aktuell wirkt, dass man fast erschrickt – eine Parabel, der angesichts von freiem Welthandel, Liberalisierung und zunehmender Demontage des Sozialstaats viele Zuschauer zu wünschen sind.
Und eine Aufführung, auf die Gisela May so viel Appetit gemacht hat, dass ich mir nun doch Karten besorgen werde …

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, Komische Oper Berlin, neu im Spielplan 2006, weitere Infos http://www.komische-oper-berlin.de/

Berlin ein Uhr nachts

Vergangene Nacht, circa ein Uhr. Etwas müde komme ich aus dem ‘Lab’, bin auf dem Weg zur S-Bahn. Rechterhand der Parkplatz vor dem ‘ND’, früher war doch hier Cruising, geht es mir durch den Kopf.

Tatsächlich, drei, vier Männer unterschiedlichen Alters streifen auffällig unauffällig herum, mustern mich. Einer von ihnen weckt durchaus mein Interesse, wir beäugen uns. Inzwischen sind weitere Herren aus der Unsichtbarkeit von Gebüschen und PKWs in von den grellen Laternen möglichst wenig beleuchtete Ecken getreten.

“Ey, was’n hier los!“ Erst jetzt bemerke ich zwei junge Männer, die, vielleicht auf dem Weg zum ‘Berghain’, über den Parkplatz gehen. Kleidung, Gang, lauter Tonfall verraten sofort, die sind aus irgendeinem anderen Grund hier als die anderen Cruiser, mich eingeschlossen.

Ich sehe die zwei auf einen Mann etwa meinen Alters zugehen, der sich gerade in sein Auto flüchten will. „Ey, was suchst du hier?!“ Wieder die gleiche aggressive Stimme, der in eine Frage gekleidete Vorwurf, als würde er sein Revier verteidigen. Die Arme in die Hüften gestemmt baut er sich ihm auf, hindert ihn daran, seinen Wagen zu öffnen.

‘Ach, lass doch den Scheiß!’, höre ich seinen Kumpel rufen, fast zeitgleich den Autofahrer sagen „Ach, lass mich doch in Ruhe.“

Sekundenbruchteile später geht der Mann zu Boden, liegt zusammengekrümmt neben seinem Wagen. ‘Mann, nu lass doch den Scheiß!’ Der Kumpel des Schlägers versucht diesen an weiteren Schlägen, Tritten zu hindern. Sie sehen sich an. Ich brülle irgendetwas, keine Ahnung mehr heute, dann schreie ich laut „Polizei, Hilfe!“
Beide Typen sehen zu mir herüber. Einen Moment wird mir flau im Magen. Was, wenn die sich jetzt auf mich stürzen? „Polizei, Hilfe!“ schreie ich nochmal. Es ist merkwürdig ruhig geworden auf dem Platz, fast leer, wie von der Dunkelheit verschluckt sind die meisten Cruiser so plötzlich wie sie auftraten wieder von der Bühne verschwunden.

‘Lass uns abhauen, komm!’ Wieder höre ich den Kumpel des Schlägers, sehe, wie er versucht ihn wegzuziehen. Der sieht kurz auf, zu mir herüber, beide laufen weg, Richtung Straße. Ich laufe zu dem Mann, der immer noch zusammengekrümmt vor seinem Wagen liegt.

„Ich kann nichts sehen“ wimmert er immer wieder. Ich sehe im Halbdunkel Blut von seiner Schläfe laufen.
Nur ein junger Mann hat sich zu uns gesellt, ansonsten ist der Parkplatz nun leer, unschuldig fast, als sei hier nie etwas anderes geschehen als Parken. „Hast du ein Handy?“ frage ich ihn. Er nickt. Wir rufen Polizei und Krankenwagen herbei, beide benötigen fast ¼ Stunde. Endlich wird der Zusammengeschlagene, der sich inzwischen wieder etwas erholt hat, von einem Krankenpfleger versorgt. Zwei Polizeibeamte nehmen unsere Daten auf. Die beiden jungen Männer sind längst über alle Berge.

Auch wenn viele es nicht (mehr) wahrhaben wollen, Gewalt gegen Schwule gibt es immer noch, auch im ‘Homo-Paradies Berlin’.

Solltest du selbst betroffen sein oder Zeuge eines Überfalls werden, melde dies, der zuständigen Polizeidienststelle, mindestens aber dem Überfalltelefon (in Berlin: Maneo, täglich 17:00 bis 19:00 Uhr, Tel. 216 33 36).

Udo Walz erklärt: Schwulsein nix Analverkehr

Ich gestehe, das vierbuchstabige Revolverblatt gehört nicht zu meiner Pflicht-Lektüre, nicht einmal wenn’s irgendwo eh‘ rumliegt.

Aber heute musste ich einem Link ja doch folgen, wollte die Story einfach nicht glauben. Die ominöse ‘Zeitung’ „ fragte den prominenten Homosexuellen, Star-Figaro Udo Walz “. Ah ja, wir sind gespannt was folgt.

Jetzt werden also schon gewisse Berliner Friseusen Experten in Sachen Homo-Aufklärung…
Aber, das Würgen geht noch weiter:

Udo Walz (geb. 28. Juli 1944 in Waiblingen, seit 1963 in Berlin) erklärt in dem Artikel, er möge das Wort „schwul“ nicht, das klinge doch so vulgär. Um uns anschließend wörtlich aufzuklären

Die meisten denken dann gleich an Darkrooms und Analverkehr. Und ich kann Ihnen versichern, dass Homosexualität damit nichts – ausschließlich – zu tun hat.

Ah ja!

Nicht mehr steigerungsfähig?
Aber natürlich doch!
Ob er denn verstehen könne, wenn Leute sich auch heute noch, auch in der Großstadt, darüber aufregen, wenn zwei Männer sich küssen, fragt natürlich ganz ohne böse Absicht die ‘Redakteurin’.

Und Udo Walz antwortet brav, wie bestellt,

Ja, das stört mich nämlich auch.

Und, fährt er bei der nächsten Gelegenheit fort, was er noch nicht mag, diese „speziellen Einrichtungen“, er meint für sexuelle Abenteuer.

Wie ekelig, sich küssende Männer. Und dann auch noch Analverkehr. Und Darkrooms, igitt igitt.

Aber, was ist denn Herr Walz, wenn er sich als schwul bezeichnet?

Udo Walz, Berlinale 2008 (Foto: Siebbi)
Udo Walz, Berlinale 2008 (Foto: Siebbi)

Na ja, eigentlich will ich das gar nicht wissen. Ich will nicht wissen, was Herr Walz wählt, wem er die Haare schneidet, und was er im Bett treibt.

Wie beunruhigend allerdings, dass Udo Walz auch noch betont, er sei „ein sehr maskuliner Mann“. Ach, tatsächlich?

Wer’s nicht glauben will und die Würgegefühle nicht scheut: hier der Link .

Und wer nicht weiß, wer Herr Walz ist – seien Sie froh, muss man nicht wissen…

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Herr Walz war 2004 auch gegen die Homoehe:

„Ich finde, zwei Männer können nicht heiraten. Heiraten hat ja auch mit Kindern und mit Fortpflanzung zu tun.“

Am 26. Juli 2008 dann ließen Udo Walz und sein Lebensgefährte ihre Lebenspartnerschaft registrieren, Schlagzeilen wie „Udo Walz hat geheiratet“ folgten …

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„Was wäre aus mir geworden, wenn…“

Ein sonniger Spätsommer-Nachmittag im Schleusenkrug. In Ruhe Zeitung lesen, bis ein Artikel im Feuilleton mich elektrisiert.

‘Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht 1967 in Amerika, sondern 1923 in Deutschland geboren worden wäre?’ Diese Frage ist Ausgangssituation für den Roman von Jonathan Littell.

In seinem Erstlingswerk beschriebt er einen jungen Deutschen namens Max Aue, der als Freiwilliger aus vollster Überzeugung der SS beitritt. Max ist schwul – und geht gerade in die SS, um dies zu verbergen. Er macht schnell Karriere, hat bald einen Büro-Job bei Eichmann, kommt nach Stalingrad, in die Ukraine, beteiligt sich selbst an der Tötung von Juden. Nach dem Kriegsende macht er in Deutschland eine neue Karriere als Miederwaren-Fabrikant, bereut nichts von seinem früheren Wirken – und hat Alpträume, in denen die Gestapo ihn wegen seiner Homosexualität verfolgt.

„Les Bienveillants“ [‚bienveillant‘ übersetzt etwa wohlwollend, geneigt] ist gerade in Frankreich erschienen und beherrscht dort die Feuilletons in der wichtigen Zeit direkt nach Ferien-Ende.

Was mich elektrisiert? Zunächst natürlich, die ungeheuren Verbrechen, den Horror der Nazi-Zeit literarisch „von innen“ zu erzählen, fiktiv zwar, aber in (der Rezension zufolge) glasklarer Kälte, die selbstherrliche offensive Erzählweise der Titelfigur (der Roman stellt die fiktive Autobiographie des Ich-Erzähler dar).

Vor allem aber die Ausgangsfrage, die den Autor zu seinem Roman veranlasst hat. Wie oft habe ich sie mir gestellt. Wie oft (… gerade erst wieder vor einigen Tagen …) bin ich mit meinem Vater über die NS-Zeit, seinen Umgang damit aneinander geraten, manches Mal bis zum völligen Zerwürfnis. Und habe mich doch auch hinterher gefragt, in wie weit bist du selbstgerecht in deinem Urteil? Wie hättest du dich damals verhalten?

Es ist leicht, ‘hinterher’ zu kritisieren, die ‘Wahrheit’ zu wissen, sie zu ‘verteidigen’.
Wie unendlich schwer ist es, nicht Versuchungen zu erliegen, nicht Einfachheiten zu folgen, moralisch zu bleiben, integer.
Wie würde ich mich in einer ähnlichen Situation verhalten? Wie leicht ist es, sich schuldig zu machen – würde ich?

Dies als Ausgangspunkt eines Romans zu nehmen, damit eigentlich den Leser selbst auf’s Glatteis der Entrüstung zu führen, die eigenen Vor-Urteile, die (anmaßende?) Einschätzung der eigenen Standhaftigkeit auf diese hintergründige Art in Frage zu stellen, das ist es, was mich elektrisiert.
Die Frage, würde ich mich schuldig machen? Oder: warum ausgerechnet ich nicht? Die Vermessenheit des eigenen Urteils hinterfragen …

Warum solch ein Buch lesen? Heute noch? Heute gerade! Die Frage, die Littell seinen Erzähler direkt im zweiten Satz implizit selbst stellen lässt „Wir sind nicht dein Bruder, werdet ihr sagen, wir wollen deine schlimme Geschichte gar nicht hören“, diese Frage beantwortet er selbst mit „Jeder ist ein Deutscher“.

Das Buch liegt bisher leider nur auf Französisch vor – und ich befürchte, meine Französisch-Kenntnisse reichen hierfür dann doch nicht aus. Bleibt also nur zu warten, geduldig, dass sich bald ein deutscher Verlag findet …

Jonathan Littell: Les Bienveillants. Gallimard 11.9.2006, Broschur, 903 Seiten, ISBN 2-07-078097-X

Neues Museum 2006 – Chipperfield statt Joseph R.

Nein, es gibt heute nichts zum Staatsbesuch von Herrn Joseph R. aus R. … :-(

Stattdessen ein wenig Kultur:

Neues Museum 2006
Neues Museum 2006

Zum Tag des Denkmals ist am Samstag, 9.9. und Sonntag 10.9. das Neue Museum in Berlin während der Bauarbeiten zu besichtigen („offene Restaurierungswerkstatt“).

Bereits nach Abschluss der restauratorischen Vorsicherung war das neue Museum im Sommer 2003 erstmals für wenige Tage (noch als „Kriegsruine“) für die Öffentlichkeit zugänglich (vor allem auch die Säle im zweiten Geschoss). Seitdem ist der Bau wieder unzugänglich, die Restaurierungsarbeiten laufen.
An diesem Wochenende nun kann erstmals seit Beginn der Arbeiten ein Blick „in die Baustelle“ geworfen werden, leider nur in der ersten Etage.

Den derzeit sichtbaren Restaurierungsarbeiten ist der Respekt vor dem Stüler’schen Bau anzumerken – zurückhaltend, statt offensiv das Neue, Moderne (Chipperfield) einzubauen.
Wo möglich, wo genügend Alt-Substanz vorhanden ist, wird Stüler repariert (bis hin zur aufwändigen Neu-Herstellung von Ton-Zylindern für die Decken eines Saales). Wo zu wenig oder keine Original-Substanz mehr vorhanden ist, wird die Stüler’sche Raumaufteilung wahrend, aber immer als Rekonstruktion erkennbar neu gebaut, Geschichte und Verfall des Gebäudes bleiben sichtbar, werden nicht hinter Geschichtsklitterung verborgen.

Neues Museum 2006 Treppe
Neues Museum 9. September 2006, Treppe

Dieser Neu-Bau erfolgt wo sichtbar immer aus einem Material, einer Art Grob-Beton, mal gesandstrahlt, fast in Werkstein-Optik, mal geschliffen und poliert in der Art von Terrazzo.
Besonders eindrucksvoll wird die Kombination von Stüler und Chipperfield im neuen Treppenhaus …

Neues Museum, Bodestr. 2-3, noch offen am Sonntag, 10.9.2006 von 10 bis 16 Uhr (und nächstes Jahr hoffentlich wieder zum Tag des offenen Denkmals)

Homosexuelle in Polen nicht diskriminiert – sagt Kaczynski

Der polnische Regierungschef Jaroslaw Kaczynski war am 30. August 2006 in Brüssel bei der EU zu Besuch. Im Anschluss an ein Gespräch mit EU-Kommissionspräsident Baroso betonte er vor der Presse, Homosexuelle würden in Polen nicht diskriminiert.

Erstaunt reibe ich mir die Augen. Habe ich in den letzten Jahren, besonders während der letzten Monate eine andere Realität mitbekommen als dass doppelte Polit-Lottchen in Polen? Oder hat der Begriff der Diskriminierung inzwischen, von mir unbemerkt, eine neue Bedeutung bekommen?

Wie war das in der Zeit, als sein Bruder Lech, heute Staatspräsident, noch Bürgermeister von Warschau war? Wie war das mit jüngsten Äußerungen aus seiner Regierung gegen Homosexuelle? Wurden Schwulen- und Lesbenclubs nicht gerade erst unter fadenscheinigen Gründen geschlossen? Sprach die Regierungspartei PiS auf einer Pressekonferenz nach dem Warschauer CSD nicht vor kurzem von „westlichen terroristischen Gruppierungen“, die friedliche Bürger angegriffen hätten?

„Homosexuelle“, so betonte Kaczynski in Brüssel, hätten in seinem Land „alle Rechte“. Wäre ja auch noch schöner, wenn’s anders wäre, mit welchem Grund wollte er sie ihnen denn aberkennen?
Und weiter, es gebe „keine Tradition“, Homosexuelle zu verfolgen
Nein, eine Tradition war das in Polen bisher vielleicht nicht. Auch wenn es Polens Lesben und Schwule in den Jahren zumeist nicht leicht hatten. Während der letzten Monate allerdings kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, dass Polens Regierung mit einem rechtskonservativen Wertewandel auch eine verstärkte antihomosexuelle Stimmung durchzusetzen versucht.

Erfreulich, wenn auch nicht ausreichend, zu wissen dass viele Regierungen, jetzt auch wieder die EU-Kommission, Pole immer wieder an die europäischen Werte, auch an den der ‚Nicht-Diskriminierung‘, erinnern, mahnen.

Allein, Erinnern und Ermahnen reichen nicht. Als Lech Kaczynski in Berlin war, haben Schwule und Lesben aus beiden Ländern gemeinsam gegen seine Rede protestiert. Diese Tradition, diese grenzüberschreitende Solidarität gegen Diskriminierung, für freie Bürgerrechte gilt es fortzusetzen, auszubauen.

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Text 21. Februar 2017 von ondamaris auf 2mecs

Drachenlöwe mit Ethnosoße im Sonnentempel – der Cirque du soleil in Berlin 2006

Am Ostbahnhof geht’s östlich her, fernöstlich sogar. Der Cirque du Soleil gastiert im Spätsommer 2006 mit seinem Programm ‘Dralion’ in Berlin.

Das Gelände, auf dem uns bis Dezember 2002 Lab und Ostgut beglückten, ist derzeit [2006] eine verkehrlich bereits fertig erschlossene Brache, die auf Riesenrad [braucht die Stadt das so dringend? und: braucht sie gleich zwei davon?], Bürohäuser und Anschuetz-Arena [und wofür die schon wieder?] wartet. Dort gastiert im September der kanadische Zirkus-Konzern ‘Cirque du Soleil’ mit seiner Show „Dralion“.

Am Dienstag Abend war Generalprobe. Ich bin gespannt, freue mich. Erinnere mich an zwei Shows des Cirque du Soleil, die ich vor Jahren im Fernsehen gesehen habe, die mich beeindruckten. Die Erwartungen weckten, vielleicht zu hohe Erwartungen.

Insgesamt 1 ¾ Stunden Programm plus 25 Minuten Pause erwarten mich. Viel kommerzieller Trubel bunter Verkaufsstände im Vorzelt. Ein großes Haupt-Zelt, eine große beinahe mittige bühnenartige Manege.
Ein Programm rund um das Thema China – die vier Elemente – chinesische Mythologie. Viele Artistik-Nummern, viele davon offensichtlich aus chinesischer Schule. Beeindruckend, wie Körper sich verbiegen können. Durch die Luft fliegen, als wäre es nichts. Senkrecht Wände hoch laufen, wie ich es nur aus besseren chinesischen ‘Martial Arts’ Filmen kenne. Drachen- und Löwentänze. Chinesischen Fabeltiere machen Akrobatik, die für Normalsterbliche kaum möglich scheint.
Zwischen den Nummern Clowns, die als Unterbrechung der Fabelwelt in die Realität zurückreißen. Und über die wir (ich bin mit Freunden da) leider kaum einmal lachen können.

Dazu fast ständig: laute, für meinen Geschmack zu laute (live gespielte) Musik. Die aufputscht, zu einer gewissen Atemlosigkeit führt, ohne Anlass. Rundherum: viel Inszenierung um die Nummern herum, viel Brimborium. Bunte Kostüme, Tempelfahnen, Artisten in Bodysuits die aussehen wie schlechte Kopien afrikanischer Kriegsbemalung. Viel bunte Ethno-Soße zwischen Tibet und Timbuktu, die manchmal recht seltsame Beigeschmäcker hat.

Insgesamt – danke für die Freikarte, es war ein netter, ein unterhaltsamer Abend. Aber auch nicht mehr.
Das war mehr als Zirkus, anderes – eine musikalisch durcharrangierte, operettenhaft inszenierte Zirkus-Show vielleicht. Leider in eine Richtung, die derzeit nicht meine ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich für meinen Mann und mich für zwei brauchbare Plätze zusammen 120 bis 140 Euro zahlen würde – für Zirkus viel Geld …

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Homo-Mahnmal: Küssende! Aber welche ?

Können und wollen Lesben sich in einem Mahnmal wiederfinden, in dem zwei sich küssende Männer dargestellt werden? Dies schien die zentrale Frage einer Diskussion über das geplante Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten und unterdrückten Lesben und Schwulen zu sein.

Berlin bekommt ein Homo-Denkmal. – Nein genau das nicht! Aber dazu später mehr.

Auf einem Grundstück im Tiergarten direkt gegenüber dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas soll erinnert werden an in der NS-Zeit verfolgte und unterdrückte Lesben und Schwule. Der Bundestag hat einen entsprechenden Beschluss zur Realisierung bereits gefasst. Der künstlerische Wettbewerb ist abgeschlossen, seit Januar 2006 stehen die Sieger fest: die beiden dänischen bzw. norwegischen Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset. Beide leben und arbeiten in Berlin.

Michael Elmgreen und Ingar Dragset 2006 bei der Diskussion über das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen
Michael Elmgreen und Ingar Dragset 2006 bei der Diskussion über das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

Auf einer erfreulich gut besuchten Diskussionsveranstaltung (auf Einladung des Lesben- und Schwulenverband LSVD) am 28. August 2006 wurde intensiv über das geplante Projekt www.gedenkort.de diskutiert. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob und wie auch Lesben in dem Denkmal präsent sind.
Im Vorfeld der Diskussion hatte die Zeitschrift Emma mit einer nicht unumstrittenen Unterschriftenaktion protestiert „Mal wieder die Frauen vergessen“ http://www.emma.de/homo_denkmal.html.

Die einer kurzen Runde von Eingangsstatements sich anschließende Diskussion entzündete sich (sehr zum Erstaunen der Künstler) nicht an der äußeren Gestaltung, sondern fast ausschließlich am Inhalt der beinhalteten Videoprojektion – küssen sich da zwei Männer, zwei Frauen oder zwei was?

Ein Kerngedanke der Kritik war, dass das Denkmal in seiner derzeitigen Konzeption ein weiterer Ausdruck der jahrelangen Nichtwahrnehmung lesbischer Frauen sei und einen Rückfall hinter schon Erreichtes darstelle. Zudem sei nicht berücksichtigt, dass Frauen in der NS-Zeit nicht in gleicher Weise verfolgt und unterdrückt wurden.
Elmgreen/Dragset betonten daraufhin, es sei nicht bedeutend, ob sich zwei Männer oder zwei Frauen küssten. Das Fenster sei ein Bild, eine intime Darstellung zweier sich küssender gleichgeschlechtlicher Personen. Wichtig sei diese Intimität, der Kuss, nicht die Küssenden. Es ginge nicht um Repräsentation (die zwei Küssenden können niemals alle, nicht einmal alle Schwulen repräsentieren), sondern darum, ein Bild von Intimität und Zärtlichkeit zu schaffen – deswegen auch der ununterbrochene „ewige Kuss“.

Warum in dem seit 1992 (!) laufenden Prozess der Denkmal-Planung die massive inhaltliche und formale (z.B. Besetzung der Jury) Kritik von Seiten einiger Lesben allerdings erst jetzt, in einer relativ späten Phase eingebracht wird, blieb unklar.

Letztlich stelle ich mir mittenmang etwas frustriert die Frage, wäre die letzte Provokation -auch für uns selbst-, die definitive Irritation des Betrachters nicht eigentlich ein sich küssendes Hetero-Paar?

Leider ließen im Verlauf der überwiegend konstruktiven Diskussion einige der TeilnehmerInnen etwas an Respekt für den künstlerischen Schöpfungsprozeß und die künstlerische Freiheit vermissen. Und die beiden anwesenden Künstler mussten sich ausgiebig in Geduld üben

Trotz einer nicht immer zielführend wirkenden Diskussionsleitung zeichnete sich gegen Ende eine gemeinsame Zielsetzung der Mehrzahl der Diskussions-TeilnehmerInnen ab. Das Denkmal solle durch ein künstlerisch gestaltetes Informationsmedium ergänzt werden, darauf einigten sich alle schnell. Zum Kernproblem formulierte die Kabarettistin Maren Kroymann bereits recht früh die mögliche Kompromiss-Linie: wichtig ist eine Irritation beim Betrachter zu erzeugen, sind da Männer, die sich küssen? Oder Frauen? Oder Transsexuelle? Transgender?
Und, es geht um Lesben und Schwule. Deswegen (siehe oben): Berlin bekommt kein Homosexuellen-Mahnmal, sondern ein Lesben- und Schwulen-Monument.

Ein Kompromiss, dank einiger sehr qualifizierter, kritisch-konstruktiver Statements, und vor allem auch dank der souveränen Dialogbereitschaft und Geduld von Elmgreen/Dragset.

Und nebenbei: auf dem Weg in den ‚Bierhimmel‘ gegenüber denke ich, wie schön wäre es, eines fernen Tages, aus solch einer Diskussionsrunde zu kommen, in der über eine künstlerische Form des Gedenkens an all unsere an Aids Verstorbenen diskutiert wurde. Zukunftsträume. Schäume?

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Text 21. Februar 2017 von ondamaris auf 2mecs

Kaczynski verflucht – Obdachlosen-Politik à la polonaise

Erstaunliches weiß die Presse zu berichten:
die polnische Polizei fahnde nach einem 31jährigen Obdachlosen. Der Grund ist nicht etwa seine Obdachlosigkeit, nein, viel schlimmer, ihm soll der Prozess gemacht werden.
Warum?
Weil er in betrunkenem Zustand einen Fluch auf den polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski [der sich im März bei seiner Rede an der HU Berlin LGBT-Protesten ausgesetzt sah] gemacht haben soll!
Nach polnischem Recht sei nämlich die Beleidigung des Staatsoberhaupts mit bis zu drei Jahren Haft strafbar.
Nun ist es ja nicht nett, einen Staatspräsidenten zu verfluchen. Selbst bei diesem nicht. Aber wenn ich mir überlegen, wie viele Schwule und Lesben (z.B. allein nach der Berliner Demo bei seinem Staatsbesuch im März 2006) Ähnliches gemacht haben dürften … Kaczynski verflucht … die polnische Gefängnisse müssen ja bald überfüllt sein …

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Text 25. Januar 2017 von ondamaris auf 2mecs