Madame Merkel und die Bundestagswahl 2013 – Gedanken aus Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 2. Februar 2018 um 16:54

Angela Merkel bleibt Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland – dieses Ergebnis der Bundestagswahl 2013 überrascht in Frankreich nicht. Einige Aspekte der französischen Sicht auf Deutschland dieser Tage vielleicht schon.

Die Bundestagswahl 2013 ist in Frankreich in den Monaten und Wochen vor der Wahl zunächst eher am Rande journalistisch begleitet worden. Kurz vor der Wahl dann intensivierte sich die Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung französischer Medien über Deutschland war dabei oft von bemerkenswerter Breite, thematischer Tiefe (von Wirtschaftsleitung über Einkommensverteilung bis Außenpolitik und Gesellschaftsstruktur, Umweltpolitik oder Mindestlohn-Debatten) sowie erstaunlichem Umfang – bis zu einem 20-seitigen Dossier (von 44 Seiten Gesamt-Umfang!) in der französischen Tageszeitung ‚Liberation‘ am Freitag (20.9.13) vor der Wahl.

„Vom kranken Mann Europas vor zehn Jahren zur stärksten Wirtschaft der EU“, wird die Entwicklung Deutschlands in den vergangene Jahren gerne zusammengefasst. In Formulierungen wie dieser schwingt immer wieder eine Mischung aus Staunen und Bewunderung mit. Zahlreiche Berichte analysieren, wie dies (auch im Vergleich dazu, wie Franzosen heute ihr Land wahrnehmen) möglich war.

Immer wieder kommen zwei Themen in den Antworten vor: konkret die „schmerzhaften Reformen des Sozialdemokraten Gerhard Schröder, die ihn 2005 die Wiederwahl kosteten“, und im Hintergrund Deutschland als „Konsens-Land“ mit „einer Tendenz zur Mitte“, mit – im Gegensatz zu Frankreich – einem weitgehendes Fehlen einer markanten Rechten und Linken.

Für Franzosen scheint das Messen an Deutschland, am „Modell Deutschland“ zum Volkssport, beinahe zur Obsession geworden. Viele Meldungen über Arbeitslosenzahlen, Wirtschaftsleistung , Reichtums-Verteilung oder demografische Entwicklung nehmen zum Vergleich die Werte des Nachbarn von jenseits des Rheins. Oft mit bemerkenswerter Perspektive.

„Deutschland ist ein alterndes Land, das mehr damit beschäftigt ist, sein Rentensystem abzusichern, als seine Rolle in der Welt wahrzunehmen.“ Die Spezialistin für die deutsch-französischen Beziehungen Jacqueline Hénard sieht einen Zusammenhang zwischen demografischer Entwicklung und der für Franzosen oft bemerkenswerten, gelegentlich unverständlichen außenpolitischen Zurückhaltung Deutschlands.

Bevölkerungsrückgang, niedrige Geburtenrate – Deutschland riskiere, schon bald „der alte Mann Europas“ zu werden, kommentiert auch Francoise Sergent, eine der stellvertretenden Redaktionsleiterinnen bei ‚Liberation‘. Und merkt im gleichen Zusammenhang an, wie sehr es Deutschland gelinge, einen bereits jetzt bemerkbaren Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften durch Zuwanderung aus dem Ausland auszugleichen, besonders aus den wirtschaftlich kriselnden Staaten Südeuropas. Dabei vollbringe Deutschland eine erstaunliche Integrations-Leistung, mögliches Modell für ein offeneres Europa.

Modell Deutschland, Deutschland als Vorbild, als Maßstab – dieses Thema findet sich häufig in französischen Medien. Gelegentlich verbunden mit einem irritierten Aufmerken: wie schaut es eigentlich mit dem Interesse an einander in Deutschland aus? Das Interesse an einander, so bemerken französische Medien, sei wohl doch recht einseitig ausgeprägt. In Deutschland werde Frankreich wesentlich weniger wahrgenommen.

Angela Merkel, die „a-ideologische Realistin“, habe – so bemerken immer wieder französische Medien – keine echte Beziehung zu Frankreich („aucune affinité avec la France“). Sie spreche die Sprache nicht, habe keine Faszination für Frankreich.

Gleiches gelte wohl, so der Eindruck in Frankreich, für Europa – Merkel sei (im Gegensatz zu Vorgängern) eher „Europäerin aus Vernunft-Gründen“ den aus Überzeugung oder gar echter Liebe. Immer wieder wird verwiesen auf das Fehlen des Gedankens der Solidarität, und die „völlige Abwesenheit von europapolitischen Visionen“ Merkels.

Was, so scheint es manchem Franzosen, die Bundesbürger wohl honorieren: „Indem sie Merkel an der Macht halten,“ kommentiert Nathalie Versieux (Liberation), „wählen sie auch ein Land, das es sehr gut versteht, seine Interessen gegenüber seinen europäischen Partnern wahrzunehmen.“

Von der zukünftigen Bundesregierung wünscht sich Frankreich vermutlich – es ist zu höflich, dies laut zu sagen – etwas mehr Aufmerksamkeit für die deutsch-französischen Beziehungen, ein wenig mehr Achtsamkeit für ‚L’Hexagone“.

Die kommende Bundesregierung wird vor neuen Herausforderungen stehen – auch in Sachen Zusammenarbeit mit dem Nachbarn Frankreich, sowie in Sachen Europa-Politik. Ganz oben auf der Wunschliste vieler Franzosen dabei: mehr Solidarität zwischen den Staaten der Europäischen Union (gerade auch von Seiten Deutschlands), weniger Konzentration ausschließlich auf Austerität.

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