Aids Veteranen : Als kämen wir aus einem Krieg zurück, der viele kaum interessierte

Zuletzt aktualisiert am 4. Februar 2018 um 16:44

Michelangelo Signorile, Aids-Aktivist und in den USA sehr bekannter Rundfunk-Moderator, stellt die Frage der Aids Veteranen, befasst sich in einem sehr lesenswerten Artikel mit dem Lebensgefühl von Schwulen über 40, die die Aids-Krise ‚überlebt‘ haben.

Ein mir wesentlich erscheinender Passus:

Für Schwule über 40 ist es als seien wir aus einem Krieg zurückgekehrt, einem Krieg der den meisten weit weit weg und entfernt war, selbst als er stattfand – anders als die aktuellen Kriege der  vergangenen zehn Jahre. Alle unter uns, die diese Phase von Aids mitmachten, haben heute mit Trauer und der Schuld der Überlebenden zu kämpfen. Manche kämpfen gar mit tieferen Narben und etwas das Posttraumatischen Belastungsstörungen nahe kommt. Vieles vermengt sich mit anderen Themen, wie der Frage des Älterwerdens. Aber, wie John Voelkers jüngst bemerkte, anders als für die Veteranen anderer Kriege gibt es für die Überlebenden des Aids-Kriegs keine Unterstützungsstrukturen, ganz zu schweigen von massenhafter Trauer wie bei Kriegsopfern oder anderen Denkmalen, Trauer über all die Tausenden die an Aids gestorben sind.“ [freie Übersetzung, UW]

Michelangelo Signoriles Artikel basiert auf seinem Beitrag für ein Symposium unter dem Titel „Ist das mein schönes Leben? Perspektiven von Überlebenden der Aids-Generation“ („Is this my beautiful life? Perspectives from survivors of the Aids generation“)

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Michelangelo Signorile in New York währned der (von ihm mit organisierten) Proteste gegen 'Proposition 8' vor dem Lincoln Center Mormonen-Versammlungsraum (Foto: David Shankbone)
Michelangelo Signorile in New York während der (von ihm mit organisierten) Proteste gegen ‚Proposition 8‘ vor dem Lincoln Center Mormonen-Versammlungsraum (Foto: David Shankbone, Lizenz cc by-sa 3.0)

Michelangelo Signorile at the New York City protest outside the Lincoln Center Mormon temple he helped organize in protest of California Proposition 8.David ShankboneCC BY-SA 3.0

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Viele von Signoriles Gedanken sagen mir einiges. Das Gefühl eines gepflegten (manchmal auch gelangweilten, seltener auch ruppigen) Desinteresses, das einem begegnet wenn man endlich doch einmal darüber sprechen mag, was für Verwüstungen Schmerzen Narben Aids im eigenen, in meinem Leben hinterlassen hat, und wie ich damit (oder auch nicht) klar komme. Die Gefühle stiller Bestürzung, wenn ich sehe wie (in welcher Form, an welchen Orten, zu welchen Zeiten, mit welcher Resonanz usw.) bei uns der an Aids Verstorbenen gedacht wird. Das Gefühl der Schuld des Überlebens (über das ich schon vor einigen Jahren kurz geschrieben habe). Usw usw.
‚Opa erzählt vom Krieg‘, nennen wir auf Positiventreffen schmunzelnd die Programm-Ecke, in der „altes Aids“ biographisch erzählt wird. Wenige bemerken, was alles in dieser ‚lustigen‘ Formulierung stecken mag. Auch wenn der begriff Aids veteranen befremdlich klingen mag …
Die Aufarbeitung der ersten Aids-Jahre, wie sie in den USA nun beginnt (siehe das genannte Symposium), ist in Europa und Deutschland noch weitgehend unerforschtes Territorium …

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Michelangelo Signorile 09.05.2013 (in Huffington Post): The First AIDS Generation: Grappling With Why We’re Alive and What It Means

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siehe auch: Michelangelo Signoriles Bemerkungen zu „Aktivismus hat uns voran gebracht, nicht schwuler Mainstream

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6 Antworten auf „Aids Veteranen : Als kämen wir aus einem Krieg zurück, der viele kaum interessierte“

  1. “ . . . . anders als für die Veteranen anderer Kriege gibt es für die Überlebenden des Aids-Kriegs keine Unterstützungsstrukturen, . . .

    Das erinnert mich an eine Sendung vor einigen Tagen (WDR) über alte Menschen die vor einigen Tagen lief. „Ein Drittel der deutschen Rentner wurde im Krieg schwer traumatisiert. Viele von ihnen sind den im Alter wieder auftauchenden Bildern und Kriegserinnerungen hilflos ausgeliefert.“ Auch hier fehlen heute Unterstützungsstrukturen.

    Mich verwundert es ebenso das – kaum ein Blogger – Du bist da eine Ausnahme – darüber schreibt. Es geht ja bei uns i.e. Menschen die wir mit HIV überlebt haben und alt geworden sind, über Trauer, den Verlust von Freunden, bzw die zurückgebliebenen Narben wie auch von Fähigkeiten die wir so langsam verlieren.

    Gleichwohl sehe ich sehr wohl was Du meinst. Es ist der „kleine Kreis der Schwulen Männer“ der schon immer einen schweren Stand hatte, und der im Alter schwerer geworden ist.

    ‘Opa erzählt vom Krieg’, nennen wir auf Positiventreffen schmunzelnd die Programm-Ecke, in der “altes Aids” biographisch erzählt wird. Wenige bemerken, was alles in dieser ‘lustigen’ Formulierung stecken mag.

    Schöne neue Welt . . . von Huxley

    „Allen Kasten gemeinsam ist die Konditionierung auf eine permanente Befriedigung durch Konsum, Sex und die Droge Soma, die den Mitgliedern dieser Gesellschaft das Bedürfnis zum kritischen Denken und Hinterfragen ihrer Weltordnung nimmt.“

  2. Auch nach Ende des 2. Weltkrieges hat es lange gedauert, bis die psychischen Langzeitbelastungen der Überlebenden Kriegsteilnehmer als solche erkannt und anerkannt wurden. Ich habe gerade das bemerkenswerte Buch von Svenja Goltermann „Die Gesellschaft der Überlebenden – Die deutschen Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im 2. Weltkrieg“ gelesen und an so manchen Stellen gedacht: da gibt es Parallelen zum Überleben in der AIDS-Krise.
    War es in der Generation meiner Eltern oft die Scham über das Versagen, das Unrecht der Nationalsozialistischen Diktatur nicht aufgehalten und verhindert zu haben, so ist es heute möglicherweise die Scham und der Schmerz über erlebte Stigmatisierung und Diskriminierung als Schwule und als HIV-Positive, die ein unbefangens und freies Reden und sich mitteilen behindert und der Verdrängung befördert.
    Und es ist heute auch so, dass in der Gesellschaft kein Bewusstsein dafür da ist, WAS wir da mit HIV ausgehalten, standgehalten und mit Glück überlebt haben.
    60 Jahre nach Kriegsende erst gab es 2005 den ersten Kongress in Deutschland, der sich mit der Situation der „Kriegskinder“ befasste, da war die Zeit reif, die spezifischen Belastungen dieser Generation anzusprechen und öffentlich zu machen.
    Wieviel zeitlichen Abstand braucht es wohl bei HIV noch, um die Spuren von HIV in den Biografien von HIV-Positiven und insbesondere von schwulen Männern öffentlich werden zu lassen?

  3. „Und es ist heute auch so, dass in der Gesellschaft kein Bewusstsein dafür da ist, WAS wir da mit HIV ausgehalten, standgehalten und mit Glück überlebt haben.“

    genau dass ist es – als erster Schritt. Und ich befürchte, wir werden wieder selbst dafür sorgen müssen, dass dieses Bewusstsein langsam entsteht …

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