Venedig

Zuletzt aktualisiert am 18. Juli 2013 um 9:33

6. bis 9. April 2008 – Venedig

Venedig, Original und Fälschung, Kulisse für eine Phantasie von Venedig, Kulisse die Original ist. Und doch, Venedig wie wir es erleben erweist sich als so völlig anders als erwartet, befürchtet, gehofft.

Vermutlich jeder zweite Venedig-Tourist wird wohl versuchen, den Wellen des Massentourismus zu entkommen, irgendwo noch ein Eckchen ‘echtes Venedig’ zu entdecken, jenen Rest ‘Authentizität’, ein Stück ‘wahren Lebens’ hinter den Kulissen einer manchmal geradezu Disney-haft scheinenden Touristen-’Idylle’.
Wir haben diesen Versuch “echtes Venedig entdecken” nie gezielt unternommen – in der nicht ganz unbegründeten Vermutung, eh zu scheitern. Doch auch uns stellt sich oft die Frage, wo ist das stille Venedig?

Es scheint eine Illusion zu sein, den Menschenmassen aus dem Weg zu gehen. Schon bei der Anreise vom Vaporetto aus der Anblick von Touristenhorden (’il gregge di pecore’). Dazu Preise, vermutlich gedacht als Abschreckung, um bestimmte Touristen fern zu halten. Kein neues Phänomen …

… und wenn die bizarre Fahrt durch Venedig ihren Zauber zu üben begann, so tat der beutelschneiderische Geschäftsgeist der geschundenen Königin das Seine …” (Thomas Mann, Der Tod in Venedig)

Ein weiteres klischeehaftes Bild, das spätestens in der Phantasie aufkommt als wir Wasser durch die Deckel der Kanalisation hochdrücken sehen: Hochwasser in Venedig – Holzstege – katastrophal die Sturmflut am 4. November 1966, 2m über dem Meeresspiegel, unvorstellbar heute, und doch noch konkrete Bedrohung, solange ‘Mose’ noch nicht bereit steht (’Mose’ ist der bezeichnende Name des neuen Sperrwerks, das ab 2012 die Pegelstände in Venedig regulieren soll).

Einen Weg, den Touristenmassen zu entgehen, finden wir – früh am Morgen (sehr früh, beinahe noch nachts, gegen 5:30 Uhr) aufstehen und gen Markusplatz, einige aufgeschreckte Tauben, Dunst über der Lagune, die Massen an weißen Caféhausstühle stehen noch feinsortiert und unbenutzt – Ruhe, kein Trubel, (fast) keine Menschen. (Ein weiterer Weg: spät am Abend, wenn viele Touristen wieder zu ihren Hotels auf dem Festland zurück gekehrt sind.)

Erleben ganz in Ruhe den Markusplatz, Dogenpalast. Dann zurück zum Hotel, in Ruhe ausgiebiges Frühstück. Anschließend gemütliches Stromern durch etwas abseits der absoluten Touristen-Highlights gelegene Viertel. Entdecken viele alte Straßen, Häuser, Kanäle, Paläste, Kirchen, einige ruhige Cafés. Moderne in Venedig hingegen kaum – Venedig scheint stehengeblieben, konserviert.

Am (wohl obligatorischen) Regentag allerdings, während einiger Museumsbesuche, können wir ihnen nicht immer entgehen, den Touristenhorden, Massen an Besuchern durchströmen aufgeregt den Dogenpalast.

Wie angenehm, dass wir uns jederzeit gen Sant’ Elena in die ein wenig abgeschiedene Stille unseres Hotels zurück ziehen können. Im Grünen gelegen, ein großes modern eingerichtetes Zimmer mit Blick auf einen ruhigen Seitenkanal, sehr gutes Frühstücksbuffet – ein Hotel, das sich geradezu als unser geschätzter Ruhepol erweist.

Und nein, ich bemühe jetzt nicht das Tadzio-Klischee von 1912 (’Der Tod in Venedig’ beim Projekt Gutenberg hier), obwohl wir von unserem Hotel aus in der Ferne den Lido sehen, das ‘Hotel des Bains’ erahnen können.

Thomas Mann erreichte Venedig mit dem Schiff, blickte zunächst von der See auf die Stadt. Wir verlassen Venedig auf diesem Weg …

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