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Homosexualitäten

Herbert Tobias 1980 über Männlichkeit

Zuletzt aktualisiert am 15. Januar 2026 von Ulrich Würdemann

„Mir scheint, daß die sich,,maskulin“ gebenden Schwulen im Bewußtsein der Kleinbürgerwelt mehr und Besseres bewirken als das ermüdende Vorzeigen eines ,,Kreischtunten-Wahns“. (Wenn es einen ,,Männlichkeitswahn“ gibt, den es sicher gibt, muß es ergo auch die Entsprechung dafür geben, nein?) …

Natürlich könnte nun eine endlose Diskussion darüber ausbrechen: Was ist das, ein Mann? …

Ich bin sicher, daß sich hinter den meisten Traumbildern schwuler Wunschvorstellungen etwas anderes verbergen wird, als ein Kerl, dessen Körper, Hirn und Fühlen tagaus tagein mit Pailletten verklebt ist! …

In der sich maskulin oder super-maskulin darstellenden schwulen Welt hat die Gettobildung im Getto einen eher noch höheren Stellenwert. Wenn man die Wände eines Leder-Club-Lokals betrachtet, sieht man den Vereinsmeierwahn in voller Aktion. …

Was wurde aus den Leder-Clubs? In den meisten Fällen etwas Enges, Bigottes, Elitäres… Gruppen, die fast immer zur Selbstdarstellung die Figur des negativen Außenseiters brauchen, also genau konkret das Gegenteil dessen, was man im Moment der Gründung – fast wie die Lösung einer Loge – an ethischem Anspruch auf die Fahne schrieb: Kameradschaft wohl vor allem. …

Aber zurück zu uns: Ihr da in den Vereinen und Grüppchen, die da mit den Pailletten auf den Tüll-Fummeln und ihr Lederkerle mit den nietenübersäten Kerls-Cledagen (das sind eure Pailletten, es ist kaum ein Unterschied!) überlegt Euch doch mal, ob das Leben so amüsant wird wie ihr glaubt, wenn ihr die paar Einzelfiguren, diese paar Individualisten die ihr noch übrig gelassen habt, auch noch umbringt:
Was wollt ihr tun, wenn sie nicht mehr da sind, woran wollt ihr euch darstellen, wenn der bitter-nötige Kontrast zu eurer Selbstbefriedigung nicht mehr vorhanden ist?
Denn schwarz – ohne daß es weiß gäbe, ist nichts! Denkt! Es ist fünf vor zwölf. – Oder doch schon danach?“

Herbert Tobias: 10 Jahre später – Gedanken über uns und die siebziger Jahre. Schlechte Zeiten für Individualisten. in: him applaus Jubiläumsausgabe, Nr. 5/6 Mai/Juni 1980

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Herbert Tobias (1924 – 1982) gilt als einer der bedeutendsten deustchen Fotografen der Nachkriegszeit. Herbert Tobias starb am 17. August 1982 in Hamburg an den Folgen von Aids (als einer der ersten Prominenten in Deutschland). Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Hamburg Altona.

Von Ulrich Würdemann

einer der beiden 2mecs.
Schwulenbewegt, Aids- und Therapie-Aktivist. Von 2005 bis 2012 Herausgeber www.ondamaris.de Ulli ist Frankreich-Liebhaber & Bordeaux- / Lacanau-Fan.
Mehr unter 2mecs -> Ulli -> Biographisches

Eine Antwort auf „Herbert Tobias 1980 über Männlichkeit“

[…] Doch mitten im Erfolg verlässt er Berlin wieder, wechselt 1969 nach Hamburg. Engagiert sich politisch. Über die früheren ‘St. Pauli Nachrichten’ lernt Herbert Tobias in den 1970ern u.a. Hans Eppendorfer kennen. Gestaltet zahlreiche Platten-Cover und wird insbesondere durch seine Arbeiten für mehrere ‘Homosexuellen-Magazine’ (wie him applaus, Du & Ich, …) und schwule Pornohefte bekannt [vgl. Herbert Tobias 1980 über Männlichkeit] […]

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