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Homosexualitäten ondamaris Texte zu HIV & Aids

Rosa Winkel zu versteigern

Nein, nicht der einst bedeutende Verlag Rosa Winkel zahlreicher schwulenpolitisch und emanzipatorisch bedeutender Werke steht zur Versteigerung an.

Es geht ein wenig bizarrer: wie pinknews meldet, stehen im britischen Shropshire zwei originale Rosa Winkel zur Versteigerung an. Rosa Winkel, die in den KZs der Nazis dazu dienten, männliche homosexuelle (oder der Homosexualität verdächtige) KZ-Insassen als solche zu kennzeichnen.

Die Schätzungen variieren, wie viele homosexuelle Männer von den Nazis gezwungen wurden, den Rosa Winkel zu tragen, wie viele von ihnen in KZs ermordet wurden. Als gesichert kann wohl gelten, dass über 10.000 Schwule von den Nazis ermordet wurden.

Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Opfer-Gruppen wurden schwule Opfer der Terrorherrschaft der Nazis nach 1945 lange Zeit nicht entschädigt, im Gegenteil die Diskriminierung wurde insbesondere in der Adenauer-Zeit in veränderter Form fortgesetzt.

In der schwulen Emanzipations-Bewegung der 1970er Jahre wurde der Rosa Winkel zu einem international, besonders auch in Deutschland breit genutzten schwulenpolitischen Symbol. Heute ist der Rosa Winkel als Ausdruck schwulenpolitischen Engagements weitgehend verdrängt, wurde von der Regenbogen-Flagge abgelöst.

Dass Symbole des Nazi-Terrors, der Vernichtung schwuler Männer wie ‘normale’ Objekte zur Versteigerung kommen – bei mir löst es Gefühle der Beklommenheit aus.

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Text 24. Februar 2017 von ondamaris auf 2mecs

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Köln

Carl Diem – Nur ein Stadion-Weg …

Carl Diem – Die Wege der Geschichte sind seltsam, und manchmal langsam.
Auch in Köln.

Ein seit über zehn Jahren ausgetragener Streit über einen Straßennamen ist immer noch nicht entschieden.
Es geht – um einen banalen Weg an einem Stadion.
Doch, es ist nicht irgendeinen Stadion-Weg.
Dieser Weg führt zum Müngersdorfer Stadion.

Und – er hat bisher einen Namenspatron, der der Stadt (und dem Stadion), nicht nur meiner Meinung nach keine Ehre macht.

Dieser Weg heißt nämlich 2007 (immer noch) ‘Carl-Diem-Weg’ (seit dessen Tod, zuvor Stevensweg).

Carl Diem war nicht irgendwer.
Carl Diem (1882 Würzburg – 1962 Köln) war ‘maßgeblich an Planung und Durchführung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin beteiligt’ (wikipedia.de). Er publizierte in NS-Publikationen. 1947 wurde Diem Direktor der von ihm gegründeten Deutschen Sporthochschule in Köln. Er hatte dieses Amt bis zu seinem Tod 1962 inne.

Diems Rolle im Nationalsozialismus ist seit längerem stark umstritten – ein Widerstandskämpfer war er sicher nicht. Die Kölner Stadtzeitung ‘Stadtrevue’ wies (in ihrer Ausgabe Oktober 2007) besonders auf seine ‘brachiale Sparta-Rede‘ hin, mit der er noch im März 1945 Hunderte von ‘Hitler-Pimpfen’ an die Front und in den Tod geschickt haben soll.

Carl Diem – lange Geschichte einer Umbenennung eines Weges

Seit vielen Jahren versuchen mehrere Initiativen, eine Umbenennung des Weges zu erreichen. Doch insbesondere der Rektor der Sporthochschule Köln wehrt sich, massiv, immer wieder, auf immer neuen Wegen. Er will den alten Namen weiterhin erhalten wissen. So soll er Presseberichten zufolge zuletzt u.a. geklagt haben, diese Umbenennung verursache doch Kosten für neues Briefpapier.

Am 17.  August 2007 hat das Kölner Verwaltungsgericht nun entschieden, dass der Weg umbenannt werden darf.
So darf gehofft werden, dass der derzeit so unselig benannte Weg nach über zehn Jahren Bemühungen nun möglichst bald korrekt “Am Sportplatz Müngersdorf” heißt.

Die Umbenennung soll offiziell zum 1. Januar 2008 erfolgen.

Wenn nicht der Rektor der Sporthochschule wieder dazwischen kommt.
Der hat nämlich beim Oberverwaltungsgericht Münster Beschwerde eingelegt.

Nachträge:
Diem habe bereits ab 1906 “Rasseeigenschaften nordischer Völker beziehungsweise arischer Völker” gegenüber den slawischen und mediterranen Völkern hervorgehoben, berichtet der ‘Spiegel’ (Nr. 41/2010) aus dem ‘Handbuch des Antisemitismus’ (Ralf Schäfer).

Auch das benachbarte Pulheim beschloss im September 2009, eine bislang nach Diem benannte Straße umzubenennen.

2010 bekam auch eine nach Diem benannte Staße in Elsdorf einen neuen Namen. 20ß15 gab es in Troisdorf (nach zwei zuvor gescheiterten versuchen) einen neuen versuch.

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Urteil des Verwaltungsgrichts Köln vom 17.08.2007

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Frankreich

La Rochelle

‘La Pallice’ sagt Ihnen nichts? Noch nie da gewesen? Keine Ahnung, wie es dort aussieht? Doch – sie haben ein ‘Bauwerk’ aus La Pallice vermutlich schon einmal im Film gesehen …

La Pallice ist Teil von La Rochelle (5 km von der Stadt entfernt). La Rochelle ist eine schöne Hafenstadt im Westen Frankreichs und Hauptstadt des Departments Charente-Maritime. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das schon im 10. Jahrhundert gegründete La Rochelle Schwerpunkt der Hugenotten. Die Hugenotten waren französische Protestanten. Viele von ihnen flohen Ende des 16. Jahrhunderts nach der Verfolgung (u.a. Bartholomäusnacht) und Repressionen unter Ludwig XIV. in benachbarte Staaten (allein etwa 20.000 von La Rochelle nach Brandenburg-Preußen).

La Rochelle
La Rochelle

Im zweiten Weltkrieg spielte La Rochelle eine nicht unbedeutende Rolle. Die Nazis bauten hier einen der bedeutendsten U-Boot-Bunker an der Atlantik-Küste – La Pallice war zwar die kleinste, aber die sicherste U-Boot-Basis (andere in Brest, Lorient, St. Nazaire und Bordeaux). Dieser Bunker (funktionsfähig ab November 1941) war für die NS-Kriegsführung von zentraler Bedeutung – einer der Gründe, weshalb La Rochelle die am spätesten befreite deutsch besetzte Stadt Frankreichs war (erst am 8. Mai 1945 um Mitternacht kapitulierte der deutsche Kommandant und übergab auch den stark zerstörten Hafen).

Der U-Boot-Bunker von LaRochelle steht noch heute. Nach der Befreiung von den Nazis übernahm die französische Marine ihn als Stützpunkt (einschließlich eines dann für die französische Marine in Dienst gestellten deutschen U-Boots). Noch heute nutzt die Marine Teile des Bunkers, allerdings nicht mehr als U-Boot-Depot.

La Rochelle U-Boot-Bunker
La Rochelle U-Boot-Bunker

Und in genau diesem U-Boot-Bunker drehte Wolfgang Petersen 1981 die Ein- und Auslauf-Szenen sowie die Schlussszenen (Bombenangriff) des 1983 mit 6 ‘Oscars’ ausgezeichneten Films ‘Das Boot‘.

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Frankreich

St. Nazaire

St. Nazaire war eine bedeutende Bastion im ‘Atlantikwall’ der Nazi-Besatzer Frankreichs. Eine der Folgen für die Stadt: St. Nazaire wurde in den letzten Kriegsjahren beinahe völlig zerstört. Stehen blieb – der U-Boot-Bunker, mit seinen Mauern aus bis zu neun Meter dickem Beton. Jahrzehntelang war er ein übrig gebliebenes Monstrum, Relikt und Mahnmal zugleich. Wie ein Riegel schnitt er die Stadt von der See ab.

Bis sich St. Nazaire besann sich der See zu öffnen, das Hafengebiet wieder als städtischen Raum zu entdecken.
In der Folge wurden auch für die riesigen Bunkeranlagen neue Nutzungsmöglichkeiten gesucht und gefunden. Der Bunker wurde behutsam der Nutzung geöffnet, ohne die furchtbare Geschichte dieses Ortes zu beschönigen oder gar zu leugnen. So findet sich z.B. jetzt auf einem Teil des ehemaligen U-Boot-Beckens das ‘LiFE’ (Lieu international des Formes Émergents), ein Ort für Veranstaltungen zu Musik, Kunst, Theater und Tanz. Kunst ist stärker als Krieg und Zerstörung …

St. Nazaire / Dach des U-Boot-Bunkers
St. Nazaire / Dach des U-Boot-Bunkers

Ganz in der Nähe liegt die Gemeinde Guérande, die neben der mittelalterlichen Innenstadt vor allem für das hervorragende Meersalz aus den umliegenden Marais bekannt ist.

Sel de Guerande
Sel de Guerande

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unterwegs

Guernsey – eine Vogtei und die EU

Guernsey . Eine Vogtei?
Da fällt mir eher der Tell ein. Die hohle Gasse, durch die er kommen musste, der Gessler – und der war Reichsvogt.
Und dass ein Vogt (nach altem, genauer mittelhochdeutschem) Sprachgebrauch ein Amtmann ist.
Aber was hat das heute zu bedeuten?

Nicht einmal die Schweiz hat (soweit ich weiß) heute noch Vogteien …

Nein, die wohl nicht.
Aber die traditionsbewussten Briten. Die halten sich noch Vogteien …

Guernsey / St. Peter Port
Guernsey / St. Peter Port

Eine davon heißt Guernsey. Die zweitgrößte Kanalinsel gehört politisch irgendwie ja zu Großbritannien. Allein, sie ist kein Teil des Vereinten Königreichs. Und natürlich auch keine britische Kolonie. Nein, seltsamer noch, die Insel ist ‘crown dependency’ (’Kronbesitz’).

Und politisch gesehen ist sie eine ‘Vogtei’, auf englisch ‘Bailiwick of Guernsey’. Der ‘Lieutenant Governor’ ist der Repräsentant Ihrer Majestät Elisabeth II, die hier Staatsoberhaupt und Regierungschefin ist.

Guernsey / der Gouverneur fährt vor ...
der Gouverneur fährt vor …

Aufgrund dieser kuriosen Konstruktion ist Guernsey auch nicht Mitglied der Europäischen Union, sondern dieser nur durch eine Zollunion verbunden (andere Gesetze und Regelungen der EU gelten hier nicht).

Womit die Frage beantwortet wäre, was eine Vogtei in der EU von heute treibt. Fast nichts … außer einigen Zollvorteilen, die man gerne mit nimmt.

Nebenbei, auch diesen schönen Flecken haben die Nazis beschmutzt. Während des zweiten Weltkriegs wurde die Insel von den Nazis besetzt (30. Mai 1940), auf der Nachbarinsel Alderney (ebenfalls zur Vogtei Guernsey gehörend) wurde sogar eine Außenstelle des KZ Neuengamme (’Lager Sylt‘) eingerichtet.

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Erinnerungen

Von der Nordwolle zur Bankenkrise

Wie es von der Nordwolle in Delmenhorst zur Bankenkrise kam …

Delmenhorst, ‘Tristesse in der Provinz‘. Und doch, einmal sollte Delmenhorst Geschichte machen. Eine Geschichte, die angesichts der jüngeren Entwicklungen an den Finanzmärkten (wieder) in die Zeit passt:

In Delmenhorst gab es einst ein blühendes Unternehmen, das sein Geld mit Wolle und Garnen verdiente, die 1884 von dem Bremer Kaufmann Martin Christian Leberecht Lahusen gegründete ‘Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarn-Spinnerei’ (NWK), genannt ‘Nordwolle’.

Nordwolle 2007
Nordwolle 2007

Die Besitzer, die Familie Lahusen, war (in der vierten Generation) auch äußerst geltungsbewußt – und ließ Anfang des 20. Jahrhunderts eine große Konzernzentrale in Bremen sowie ein pompöses Herrenhaus ‘Gut Hohehorst’ errichten. Beide Bauten strapazierten die Leistungsfähigkeit des Konzerns über Gebühr. Management-Fehler, Bilanzfälschungen (vorgetäuschtes Wachstum) und Weltwirtschaftskrise kamen hinzu – am 21. Juli 1931 ging die NWK in (betrügerischen) Konkurs.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Größter Geldgeber der NWK war die ‘Danat-Bank‘ (Darmstädter und Nationalbank). Heute ein beinahe vergessener Name, damals die zweitgrößte Bank Deutschlands. In Folge des Konkurses der NWK wurde die Danatbank zahlungsunfähig. Sie musste bereits am 13. Juli 1931 wegen Zahlungsunfähigkeit schliessen und später mit der Dresdner Bank fusionieren.

Dass die zweitgrößte Bank Deutschlands ‘einfach so’ pleite ging, erschütterte das Vertrauen der Bevölkerung in das gesamte Bankensystem massiv. Ein Run auf die Bankschalter wurde ausgelöst. Jeder wollte schnellstmöglich sein Guthaben abheben, sein mühsam erspartes Geld vor befürchteten weiteren Konkursen retten – und verstärkte dadurch die Zahlungsprobleme nur weiter. Die Bankenkrise nahm ihren Lauf …

Die Konzernzentrale der NWK in Bremen überstand die Pleite – und wurde bald zum sog. ‘Haus des Reichs‘. ‘Gute Hohehorst’ wurde unter dem Namen ‘Friesland’ eines der Heime des von der SS getragenen Vereines ‘Lebensborn‘. Auf Geltungswahn folgte noch fürchterlicherer Wahn.

Und Delmenhorst hatte seinen gehörigen Teil zur Inflationskrise beigetragen …

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Politisches

Yahoo und die braunen Profile

Auf dem Yahoo-Portal “360°” tummeln sich wie berichtet auch zahlreiche “tiefbraune Schwule“.
In einem Brief an den Geschäftsführer der deutschen Yahoo-Tochter hatte ich u.a. meine Bestürzung über den laxen Umgang von Yahoo damit ausgedrückt und nach dem Umgang mit rechtsextremen Inhalten gefragt:

“Ich bin erschrocken, dass Yahoo in derart breitem Umfang rechtsradikale Tendenzen toleriert.
Ich frage mich wie ernst Yahoo es nimmt, seinen Verpflichtungen nachzu­kommen. Gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Nazistische Sachverhalte, Darstellungen und Inhalte nicht zu dulden. Oder zumindest die Einhaltung seiner eigenen Geschäftsbedingungen durchzusetzen.
Ein kleiner Knopf, der das Melden als verdächtig empfundener Seiten gestattet (und damit diese Frage an die Nutzer delegiert) erscheint mir eine weit unzureichendes Wahrnehmen Ihrer Verantwortung. Ich bitte Sie mir mitzuteilen wie Yahoo mit der Situation rechtsextremer, rassistischer und antidemokratischer Inhalte auf seinen Seiten umzugehen denkt bzw. welche Geschäftspolitik sie hier verfolgen, und wie sie die Umsetzung garantieren wollen.”

Vorgestern endlich kam doch noch eine Antwort des ‘Legal department’ von Yahoo Deutschland.
Darin verweist das Unternehmen darauf, dass “dritte Personen” die Inhalte einstellen und “rassistische oder extremistische Inhalte nicht erlaubt” seien und “nach Kenntnis umgehend entfernt” würden.

Das Problem dieser an sich positiv klingenden Antwort liegt im “nach Kenntnis”.
Denn wie will Yahoo Kenntnis von solchen (potenziell auch rechtswidrigen) Kenntnissen erlangen, wenn man sich nicht aktiv selbst darum bemüht, rechtsextreme Inhalte zu vermeiden?

Wie schon befürchtet verweist Yahoo dazu auf das ‘Missbrauchsformular’ – und delegiert damit seine Sorgfaltspflicht einfach an die User. Yahoo schreibt selbst dazu

“Selbstverständlich sind wir hier auf die Mitteilung von Nutzern bzw. auch auf Hinweise seitens der Strafverfolgungsbehörden angewiesen.”

Keine Hinweise darauf, dass Yahoo etwa auch von sich aus aktiv werden könnte.
Und im konkreten Fall könne man leider gar nichts unternehmen – ich hätte ihnen die URLs der betreffenden Seiten mitteilen müssen, mit anderen Daten wie den Alias-Namen (die teilweise schon ekelig genug sind) könne man nun leider überhaupt nichts anfangen.

Der Brief endet mit “Wir bedanken uns an dieser Stelle bei Ihnen für Ihre Unterstützung” und hinterlässt mich ratlos bis frustriert.

Zunächst, wofür bitte bedanken die sich? Dass nix passiert, alles bleibt wie es ist, rechtsextreme Profile und Inhalte weiterhin flott für jedermann online stehen?

Erschütternd allerdings finde ich, dass Yahoo zu der Frage, wie mit rechtsextremen Inhalten umzugehen sie, einfach nur der Verweis einfällt, man sei da auf Mitteilungen der User angewiesen.
Geht’s noch simpler? Sieht so gesellschaftliche (geschweige denn unternehmerische) Verantwortung aus? Ist Yahoo nicht fähig, nicht bereit oder nicht willens, anders, aktiver gegen rechtsextreme Inhalte vorzugehen?

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Deutschland

Ein Tag in Lüdenscheid

Haste morgen schon was vor?
Nee, nix Bestimmtes.
Muss morgen nach Lüdenscheid. Will’ste mitkommen?
Oh. Äh. Was? Wo?

Na ja, warum eigentlich nicht. Liegt ja im Sauerland, wird wohl zumindest landschaftlich ganz schön sein.
Also früh morgens auf den Weg gemacht, den Mann begleitend nach Lüdenscheid. Bis Hagen mit dem IC, dort umsteigen. Die Bimmelbahn moderner Bauart schlängelt sich durch das landschaftlich reizvolle Tal der Volme, kämpft sich ab Brügge den Berg hinauf. Rechts und links der Strecke sind die traurig-trostlosen Folgen des weitgehenden Rückzugs der Bahn aus der Fläche zu bestaunen. In Lüdenscheid empfängt uns ein Bahnhof, den ich so höchstens in den Untiefen vorpommerscher Provinznester erwartet hätte.

Lüdenscheid – erste Assoziationen gehen in Richtung Loriot und seines unvergessenen ‘Müller-Lüdenscheid“, in der Wanne streitend mit Herrn Dr. Klöbner, “mit Ihnen teilt meine Ente das Wasser nicht!”.

Loriot: Müller Lüdenscheid
Loriot: Müller Lüdenscheid

Beide habe ich nicht getroffen, wenn auch einige Knollennasen ihnen recht nahe kamen.

Statt dessen: eine Stadt mit recht ansehnlich herausgeputzter Innenstadt, schönem Altstadt-Viertel und zahlreichen Wunden städtebaulicher Exzesse der Siebziger.

Doch Lüdenscheid hat auch Bedeutendes zu bieten. So meint die Stadt, der wohl größte Autohersteller der Welt zu sein. Alles nur eine Frage des Maßstabs. Denn täglich werden an die 45.000 Siku-Modellautos verkauft – und die kommen aus Lüdenscheid.

Und noch etwas, wo wir schon bei Modellbau sind: die Wilesco-Dampfmaschinen wecken Erinnerungen an die Kindheit (und an einen Film, den mit den drei ‘f’) – und diese Modell-Dampfmaschinen kommen ebenfalls aus … Lüdenscheid.

Einige Jahre früher (von Mitte des 18. bis Mitte des 20. Jahrhunderts) war Lüdenscheid aber auch Hauptstadt der Knopf-Herstellung – ebenfalls eine Errungenschaft, die man ja nun nicht missen möchte …
Und noch ein kleines Detail – exklusiv nur in Lüdenscheid wird seit seiner Stiftung 1951 das Bundesverdienstkreuz hergestellt.

Das alles erfährt man auch bei einem Besuch im erfreulich großzügigen und gut aufbereiteten Stadtmuseum.
Dort findet sich leider auch ein erstaunlicher Kontrast: einerseits in einem eigenen Raum der Versuch, Geschichte und Situation der Stadt in der NS-Zeit darzustellen und ansatzweise aufzuarbeiten.

zerstörte Thora-Rolle, Stadtmuseum Lüdenscheid
zerstörte Thora-Rolle, Stadtmuseum Lüdenscheid

Und andererseits, nur wenige Schritte entfernt, in einem Saal oppulenter Präsentationen städtischer Ordens-Produktionen eine umfassende Sammlung betitelt “Orden in der NS-Zeit”. Einzig teilweise kommentiert durch die Montage auf ein Foto einer kriegszerstörten Stadt.
Orden, die wohl teilweise eher für Untaten als Gute Taten ‘verliehen’ wurden, ausgestellt in einer zeitlichen Kontinuität, präsentiert mit dem Gestus ‘wir haben die Orden ja nur hergestellt – weswegen die verliehen wurden, das ging (und geht?) uns ja nichts an’.

Museale Unschuld, Naivität, die mich erschüttert.

Dabei ist das kleines Städtchen (ca. 80.000 Einwohner) mal ganz seiner Zeit kulturell voraus gewesen – Kurt Weill hatte seit Ende 1919 hier sein erstes Engagement als Kapellmeister am Stadttheater Lüdenscheid, bevor er anschließend 1921 nach Berlin zurück ging und dort später u.a. in der Zusammenarbeit mit Brecht große Erfolge feierte.

Gedenktafel Kurt Weill in Lüdenscheid
Gedenktafel Kurt Weill in Lüdenscheid

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Gedenkstätte Ravensbrück

Nach einem Besuch in Fürstenberg (Havel) / Ravensbrück im Frühjahr 2007 könnte man sich so einige Fragen stellen, z.B.

  • warum ist die Gedenkstelle für das Frauen- Konzentrationslager Ravensbrück immer noch so unscheinbar und schlecht ausgeschildert?
  • was ist los an einem Ort, der an der ehemaligen Lagerstraße, in unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte, einen Supermarkt-Neubau genehmigt, dessen Eröffnung erst durch internationale Proteste gestoppt wird?
  • wie viel (besser gesagt, wie wenig) Geld ist dieses Land bereit für Gedenkstätten zur Verfügung zu stellen?
  • warum wird das Schicksal lesbischer Frauen in der Gedenkstätte kaum erwähnt?

Allein, nach einem Tag in Ravensbrück ist mir nicht nach (öffentlichem) Schreiben zumute. So müssen einige Fotos genügen:

Ravensbrück Mahnmal 'Müttergruppe', Fritz Cremer 1965
Ravensbrück Mahnmal ‘Müttergruppe’, Fritz Cremer 1965 (Foto 2007; Skulptur nach Sanierung seit 2011 wieder aufgestellt)
Supermarkt an der Lagerstraße?
Supermarkt an der Lagerstraße?

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1984 bis 1986 versuchten Frauen der Ostberliner Gruppe Lesben in der Kirche mehrfach, lesbischer Frauen die von den Nazis verfolgt wurden zu gedenken. Sie wurden von den Behörden daran ge- oder dabei behindert.

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Seit 2013 zeigt die Mahn- und Gedenkstätte die neue Dauerausstellung “Das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück – Geschichte und Erinnerung”.

Am 9. Oktober 2018 stimmte der Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätte einem Antrag des LSVD zu, mit einer ‘Gedenkkugel’ der lesbischen Frauen unter den Häftlingen zu gedenken. Die zuständigge Fachkommission allerdings beschloss einen anderen Text.
Stiftungsdirektor Drecoll betonte, angesichts dieser divergierenden Beschlüsse gebe es “zum jetzigen Zeitpunkt keine Möglichkeit, ein solches Gedenkzeichen in der Mahn- und Gedenkstätte zu errichten”.
Die bereits viele Jahre andauernde Debatte hat damit auch 2018 noch keinen Abschluß gefunden. Unter anderem gibt es eine mehrjähriger Kontroverse zwischen der Initiative “Autonome feministische Frauen Lesben aus Deutschland und Österreich” und dem LSVD um den Text der Inschrift.

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siehe auch Übersicht über die Denkmale für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

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Politisches

tief braune Schwule

Gelegentlich wird ja darüber geklagt, dass sich auf schwulen Portalen wie den ‘blauen Seiten‘ auch homosexuelle Herren äußerst rechter Gesinnung herumtreiben braune Schwule.

Allerdings kann man beim Stöbern in den weiten Welten des Internets auf weit schlimmere Auswüchse stoßen.

So zum Beispiel auf “Yahoo 360°”. Dieses Portal, noch als ‘Beta-Stadium’ gekennzeichnet, soll wohl ein MySpace – Clone à la Yahoo werden. Bilder, Blog, persönliche Seite, Vorlieben zu Büchern Filmen und Musik, Freunde – halt ein weiterer Versuch, eine “Web 2.0 Community” auf die Beine zu stellen. “Finden Sie neue Freunde und bleiben Sie in Kontakt mit alten Bekannten”, wirbt Yahoo für den Dienst.

Wie in vielen Online-Communities, so treiben sich auch auf Yahoo 360° viele Schwule herum. Allerdings – auch erstaunlich viele Schwule tiefbrauner Gesinnung, und erstaunlich offen und freizügig zudem.

Da wird munter mit Gesten gegrüßt, die eindeutig die Gesinnung zeigen. Mit Waffen posiert, oder vor einschlägigen Flaggen. Über ‘Widerstandsaktionen’ berichtet. In Blogs für Demonstrationen für die “Opfer des alliierten Bombenterrors” geworben. Mit Ziffern-Codes auf NS-Inhalte Bezug genommen oder aus der ‘RHS’ gegrüßt. Oder unter Musik-Vorlieben auf besonders nationale Gruppen und Sänger Bezug genommen. Untereinander in eindeutigen Buchstaben- oder Ziffern-Kombinationen gegrüßt.
Und gern wird bei allen sich bietenden Gelegenheiten der Buchstabe ‘S’ in doppelter, groß geschriebener Ausführung verwendet.

Das ganze wird auch so gemacht, dass man unter den verwendeten Codes (die teilweise eindeutig verfassungswidrig sein dürften) auch noch durch direktes Anklicken suchen kann nach ‘Gleichgesinnten’.

Und, um einem Vorurteil zu begegnen, die Herren, die sich unter diesen Symbolen und Begriffen tummeln, leben nach ihren Angaben keineswegs nur in den neuen Bundesländern, sondern genauso im Harz, in Lübeck, Köln oder München.
Allerdings – sie scheinen gut vernetzt zu sein, immer wieder sind die gleichen Personen als ‘Freunde’ gespeichert, tauchen auch als ‘Freunde’ auf in Profilen, die an sich keine rechtslastigen Hinweise tragen.

Man scheint sich sicher zu fühlen. Selbst auf den deutschen Yahoo-Seiten (auch wenn die User mit den derbsten Auswüchsen wohlweislich nicht auf der deutschen 360°-Seite liegen). So sicher, dass einige User mit vollem Profilbild online sind, und manche zudem sogar auch direkt auf ihre Profile bei anderen Anbietern (u.a. bei Gayromeo oder Barebackcity) verlinken.
Zahlreiche Schwule, die aufgrund ihres eigenen Profils eher nicht der rechten, sondern irgendwelchen Fetisch-Szenen zuzurechnen wären, scheinen auch gar nichts dabei zu finden, zahlreiche mit NS-Symbolen geschmückte Profile als ihre Freunde zu verlinken, und selbst dort verlinkt zu sein.
Und einige Hetero-User mit eindeutigen braunen Symbolen auf ihrer Seite scheinen es für nötig zu halten in ihrem Profil anzugeben, dass sie “keine gay Interessen” hätten – das werden sie wohl nicht ohne Grund schreiben …

Dass für Sites, die nicht in Deutschland liegen, nicht die deutschen Gesetze (sondern z.B. die in Sachen ‘Freedom of Speech’ nahezu grenzenlos freizügigen US-Gesetze) gelten, ist mir klar.

Erstaunlich ist allerdings schon, dass einige der Seiten mit NS-Inhalten auf dem deutsche Yahoo-360° -Angebot liegen (mit der ‘de’- Subdomain -Kennzeichnung).

Ich nenne hier keine User-Namen. Es geht nicht darum, Einzelne zu denunzieren.
Mich erschüttert, wie normal es anscheinend auch in Teilen schwuler Szenen schon wieder ist, sich mit Nazi-Symbolen und Devotionalien schmücken zu können, und dies in aller Öffentlichkeit zu zeigen. Egal ob es sich “nur” um eine Art “Fetisch” handelt (wie bei einigen Profilen vermutet werden kann, schon dabei wird mir übel), oder ob es um “Ideologie” geht (was m.E. keines weiteren Kommentars bedarf).
Und es erschüttert immer wieder zu bemerken, wie desinteressiert großen Teile schwuler Szenen hierauf immer wieder reagieren. Desinteresse? Stille Zustimmung? Oder einfach Dummheit?

Und es geht sehr wohl darum, was Yahoo, und wohl auch Yahoo Deutschland, da alles ‘im Angebot’ hat. Wie ernst Yahoo es nimmt, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Nazistische Sachverhalte nicht zu dulden. Oder zumindest die Einhaltung seiner eigenen Geschäftsbedingungen durchzusetzen.

Ist Yahoo, bzw. seine deutsche Dependance, nicht in der Lage hier einzuschreiten? Oder sind Symbole und Codes, die Neonazis verwenden, bei Yahoo Deutschland nicht bekannt? Ist es technisch etwa nicht möglich, derartige Profile, Codes und Begriffe zu sperren?

Der Hinweis tief in den Hilfeseiten versteckt, bei Beschwerden gegen Inhalte könne man sich an Yahoo wenden, und es gebe ja einen Knopf ‘Missbrauch melden’ ist da vielleicht doch ein bisschen wenig, oder? Und der Hinweis auf das Beta-Stadium wohl auch …

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