Schiet Wetter

Zuletzt aktualisiert am 21. Oktober 2010 um 9:17

“Heute Nachmittag soll’s Regen geben”, sagt der alte Mann in der Ecke, offensichtlich an die ihm gegenüber sitzende Frau gewandt. Die U-Bahn fährt gerade an. Irritiert blickt die Frau auf, ’spricht der Alte etwa mit mir?’ scheint ihr erstaunter Blick zu sagen. Sie blättert weiter gelangweilt in ihrer Zeitung, ohne irgend etwas zu antworten.

“Aber mir ja kann nichts passieren, ich hab’ nen Schirm dabei.” Unbeirrt spricht der alte Mann weiter, schaut dabei spitzbübisch, als sei der Regenschirm ein besonders raffinierter Trick. Selbiger Regenschirm ist nirgends zu sehen.

Der junge Mann mir gegenüber, schon auf dem Bahnsteig war er mir aufgefallen, sieht auf. Amüsiert grinsend blicken wir uns an. Die dem alten Mann gegenüber sitzende Frau blickt inzwischen sauertöpfisch drein.

“Is ja auch ein schiet Wetter heute”, redet der alte Herr in der reichlich abgetragenen dunkelgrünen Jacke unverdrossen weiter. Er wendet sich jetzt direkt an die Frau, “finden Sie nicht auch?” Er sieht sie freundlich an.

Ganz offensichtlich schwer genervt, seufzt diese nur tief, packt ihre Zeitung zusammen. Steht auf, schüttelt mit abfälligem Blick auf den Alten den Kopf. Geht einige Reihen weiter. Setzt sich, dem Alten den Rücken zugewandt, ohne weitere Blicke auf einen der freien Plätze, um dort ihre Lektüre ungestört fortsetzen zu können.

Der junge Mann und ich grinsen uns wieder an. ‘Ist da mehr im Blick’, denke ich unvermittelt, ‘der sieht ja nett aus …’.
Der alte Mann, seiner sprachlosen Gesprächspartnerin verlustig gegangen, blickt nun zu uns beiden herüber.

“Na Jungs,” – aha, er sucht neue Opfer, wir stecken beide unsere Nasen tief in unsere Zeitungen – “das mach ich immer so.” Wir sehen uns irritiert an, blicken beide zu dem Alten hinüber.

“Die gefiel mir nicht, die war zu brummig. Mach ich immer so mit dem Gerede. Nu isse weg, kommt bestimmt gleich ‘ne fesche junge stattdessen.” Er scheint sich diebisch zu freuen über seinen gelungenen Coup. Er grinst.

Wir müssen beide gleichzeitig loslachen. “Na, ganz schön clever!”, antworte ich ihm schließlich. Er strahlt. “Ja, ich war ja auch jahrelang Klempner, da lernt man solche Tricks”. Er scheint immer noch stolz zu sein, dass es wieder einmal geklappt hat.

Die nächste Station, ich muss aussteigen. “Schönen Tag wünsch ich dir noch!”, ruft der Alte herüber, “dir auch!” rufe ich zurück.

Ich steige aus, der Bahnsteig ist voller Leute. Der junge Mann bleibt leider sitzen, blickt nur kurz grüßend auf, versinkt dann wieder in seiner Zeitung. Aus dem Augenwinkel sehe ich im Gehen, wie sich ein junges Mädchen dem Alten gegenüber auf die Bank setzt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.