Wellenflug

Zuletzt aktualisiert am 18. März 2013 um 17:05

Herbst, Zeit der Jahrmärkte.

In meiner Kindheit gab es dort, wo ich damals lebte, immer zweimal im Jahr Markt, im Frühjahr einen kleineren, im Herbst dann den großen ‘Kramermarkt’. Auf beiden gab es immer – das Kettenkarussell!

Kettenkarussell – für mich war das viel schöner, viel aufregender als Raupe, Achterbahn oder Auto-Scooter. Überhaupt, Auto-Scooter, das war mir schon damals viel zu krawallig, Kraftprotzerei und aufmerksamkeitsheischende Hahnenkämpfe pubertierender Jungs. Der ‘Musikexpress’, okay, besonders in Rückwärtsfahrt konnte der eine Zeit lang dem Kettenkarussell den Rang ablaufen.

Über die Jahre jedoch hat sich die Liebe zum Kettenkarussell als die beständigere erwiesen. Gut, ich gehe inzwischen eher selten auf Jahrmärkte – aber wenn, dann doch meist ein- oder zweimal ins Kettenkarussell. Das heute ja meist in seiner gesteigerten Form als ‘Wellenflug’ auf den Märkten steht. Statt ‘einfach nur im Kreis’ hebt sich nun die Spitze, um sich dann leicht schräg zu stellen, was im Kreisen dann diese herrlichen leichten Wellenbewegungen ergibt, fliegende Wellen.

Die Augen zu, hoffentlich läuft gute Musik. Start. Die Beine baumeln locker, leicht schaukelt der Sitz, immer schräger treibt mich die Fliehkraft dem Himmel entgegen.
Arme ausbreiten, in meiner Phantasie fliege ich frei durch die Lüfte, kann in der Luft schwimmen, Salto schlagen, Freiheit.

Kaum ein Gerät brachte mich lange dem Gefühl körperlicher Freiheit so nahe wie das Kettenkarussell. Erst spät können Ballonflüge, Paragliding oder Motorrad ihm Konkurrenz machen. Das träumerische Fliegen erleben, Zeit vergessen, durch die Lüfte der Freiheit gleiten – das spüre ich noch immer am liebsten im Kettenkarussell.

Sicher, es ist nur eine simple Fahrt im Kreis, meist zwei Minuten lang, in einem unbequemen Sitz, an vier Ketten aufgehängt. Ein Stück simple Technik, vergleichen mit heutigen HiTech-Karussells.

Freiheit (des Flugs) zudem, die, seltsam genug, erst an Ketten hängend fühlbar wird. Und doch, das scheinbar freie Fliegen im Kettenkarussell, für mich bleibt es die schönste, die poetischste Jahrmarkt-Attraktion.

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