Atomstrom Frankreich: “Strom kommt ja aus der Steckdose …” (akt.3)

Atomstrom Frankreich : In Japan ist es in zwei Atom-Reaktoren zu einer Kernschmelze gekommen. Nach ‘Three Mile Island’ (1976) und Tschernobyl (1986) mindestens die dritte Groß-Katastrophe der ‘zivilen’ Nutzung der Atomenergie. Japan setzt bei seiner Energieversorgung bisher sehr stark auf Atomenergie. Doch ‘Weltmeister’ in der Nutzung von Atomenergie ist ein Nachbar Deutschlands – Frankreich, das Land in dem der (Atom-) Strom noch “sorglos aus der Steckdose kommt”.

Frankreich deckt seinen Strom-Bedarf zu fast 80 (achtzig!) Prozent aus Atomstrom – weltweit die höchste Quote. 58 59 Atomkraftwerke sind derzeit in Frankreich in Betrieb, dazu die  ‘Wiederaufbereitungs- Anlage’ (Usine de Retraitement de La Hague) in La Hague. Ein Teil des erzeugten Atomstroms wird exportiert, u.a. auch nach Deutschland.

Die Entscheidung, die Energieversorgung des Landes möglichst stark auf Atomkraft zu stützen, wurde nach der Ölkrise 1973 getroffen. Frankreich sicherte sich Uranvorkommen weltweit (besonders im Niger) – und baute zahlreiche Reaktoren. Zudem wurde Frankreich wesentlicher Exporteur von Atom-Technologie.

Atomstrom Frankreich – Grafik: Anlagen / Atomkraftwerke

Atomstrom Frankreich : Anlagen Stand August 2006, Grafik Eric Gaba / Sting
Atomstrom Frankreich : Anlagen Stand August 2006, Grafik Eric Gaba / Sting

Anders als in Deutschland hat in Frankreich ein Großteil der Bevölkerung bisher recht wenig Befürchtungen in Sachen Atomkraft. Präsident Sarkozy kündigt 2008 an, ein neuer Atomreaktor (Typ EPR) werde gebaut, gehe 2017 in Betrieb – und (nahezu) niemand regt sich auf, demonstriert, protestiert. Selbst die Katastrophe von Tschernobyl konnte die Atom-Begeisterung in Frankreich nicht in Frage stellen.

Entsprechend sorglos wird in Frankreich bis heute auch vielfach gern mit Energie umgegangen. So finden sich in vielen (auch neu errichteten) Wohnungen (wie hier in Lacanau) sich für kalte Tage (wenn überhaupt) nur Elektro-Heizungen.

Ob sich an der Atomkraft-Begeisterung in Frankreich etwas ändern wird – 2011, angesichts der Ereignisse in Japan?

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Nachsatz:
Dass Frankreich so stark auf Atomstrom – und damit auch auf Energie-Autarkie – setzt, und der Widerstand gegen Atomkraft in Frankreich geringer als in Deutschland ist, hat Gründe. Einige Gedanken dazu hier: Atomstrom Frankreich: Autarkie und Protest

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Aktualisierung
14. März 2011, 12:20
: Nach den Zwischenfällen in Japan wird auch in Frankreich über die Zukunft der Atomenergie diskutiert. Elektronische wie auch Print-Medien sind voll mit Meldungen, Berichten, Interviews – mit dem Tenor, wie toll und sicher doch französische Reaktoren seien. Bei online-Umfragen äußert die Mehrzahl der Leser/innen, sie habe Vertrauen in die Sicherheit französischer Atomreaktoren.
Die französischen Atomreaktoren seien vorbereitet auf Naturkatastrophen, äußert die französische Umweltministerin Kosciusko-Morizet. Und außerdem, man könne eh nicht “ein ganzes Land nur mit erneuerbaren Energien versorgen”.

14. März, 17:30: SpON hat die Situation in Frankreich als Thema entdeckt: “Nuklearenergie in Frankreich – Frankreich fürchtet AKW-Debatte“. Eine neue Debatte in Frankreich? Nicht doch … Japan, das ist doch “keine nukleare Katastrophe”, meinte der Energieminister.

14. März 2011, 19:00: Selten kam mir der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich größer vor. In Frankreich scheint, Medien sowie Berichten von Freunden zufolge, auch ‘nach  Japan’ kaum eine wirklich breite ernsthafte atomkritische Debatte statt zu finden. In Deutschland hingegen läuft die Bundesregierung “aus Angst vor der Angst der Wähler” (in den anstehenden Landtagswahlen) vor ihrer eigenen Laufzeitverlängerung davon, distanziert sich von ihrer eigenen Politik – und setzt die eigene Laufzeitverlängerung aus.

15. März, 09:30: Während in Deutschland uralt-Meiler wie Neckarwestheim oder Biblis-A ihrem Ende entgegen sehen, alle AKW die vor 1980 gebaut wurden vorübergehend außer Betrieb gehen, wird ein Atomkraftwerk wenig beachtet: Fessenheim. Das AKW Fessenheim mit seinen zwei Reaktoren befindet sich auf der französischen Seite des Rheins, nur 20 km von Freiburg entfernt. Fessenheim ist das zweitälteste noch in Betrieb befindliche AKW Frankreichs (1977/78 in Betrieb, Anfang der 1970er geplant).
Derzeit wird Fessenheim im Rahmen der alle zehn Jahre stattfindenden Inspektion gründlich geprüft – um danach über eine etwaige Laufzeit-Verlängerung für weitere zehn Jahre zu befinden.
Fessenheim befindet sich im seismisch aktiven Oberrhein-Graben.
“Das Atomkraftwerk Fessenheim gilt als als, unsicher und nicht ausreichend gegen Erdbeben geschützt. Doch Frankreich zeigt sich unbeeindruckt …”, beschreibt die Badische Zeitung die Situation.

15. März, 19:00: Wechsel des Tons in der Regierung? Die französische Regierung sichert ein “Audit” (Überprüfung der Sicherheit) der Atom-Anlagen im Land zu. Frankreich werde die “notwendigen Konsequenzen” aus der Katastrophe in Japan ziehen (was auch immer das bedeuten mag). Eine Abkehr vom Atom-Kurs sei aber “absurd”. Die Grünen in Frankreich fordern unterdessen eine sofortige Abschaltung des AKW Fessenheim.

12. April 2011: Der Stadtrat von Straßburg fordert die Abschaltung des AKW Fessenheim – auch die Mitglieder der (den Präsidenten stellenden) UMP.

17. April 2010: Die Mehrheit der Franzosen (57%) ist in einer Umfrage für ‘L’Express’ für einen Ausstieg aus der Atomenergie. Die Entscheidung über die Verlängerung der Laufzeit des AKW Fessenheim um weitere 10 Jahre wurde auf Juni 2011 verschoben.

2. November 2013: Am 20. Juli 2013 erklärte der französische Umweltminister Philippe Martin in einem Interview, er werde Fessenheim bis Ende 2016 schließen: “Je fermerai Fessenheim d’ici au 31 décembre 2016.” Für andere französische Atomkraftwerke wird eine Verlängerung der Betriebserlaubnis um zehn Jahre diskutiert. Atomstrom Frankreich … die Geschichte geht weiter …, wenn auch absehbar ohne Fessenheim.

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einer der beiden 2mecs. Schwulenbewegt, Aids- und Therapie-Aktivist. Von 2005 bis 2012 Herausgeber www.ondamaris.de Ulli ist Frankreich-Liebhaber & Bordeaux- / Lacanau-Fan. Mehr unter 2mecs -> Ulli -> Biographisches

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10 Gedanken zu „Atomstrom Frankreich: “Strom kommt ja aus der Steckdose …” (akt.3)“

  1. @ Manfred:

    comment comprendre ce qui se passe au japon ces jours?
    des incidents qui etaient “inconcevable”, “impossible” il y a seulement quelques jours, aujourd’hui se passent matina apres matin …

    salut de berlin, email suivant …

  2. Bonjour, mon ami,
    Es ist nicht Japan und die erschreckenden Ereignisse dort, die mich in Deinem blog hier beschäftigen, DU bist es:

    wenn man “Ondamaris” wie ich seit Jahren nun verfolgt, mehr oder weniger begleited, ist dort die Gründlichkeit, die Sorge das Richtige klar weiterzugeben, wohltuend, denn dies ist leider bei längst nicht allem an der Tagesordnung. (Jemand hat gestern sogar gewagt einen Zusammenhang zwischen “Erdbeben und Schwulsein” zu sehen = 08/15 Philosophie!) Ich kenne kaum etwas Unannehgenehmeres, Abstossenderes als das Tagesgeschehen und hier das damit parrallel laufende Elend anderer Menschen – und das in Japan muss in diesen Tagen endlos gross sein – für ihre eigenen, uninteresssanten ‘Geistesblitze’ zu nutzen. Verachtenswert!

    Zurück zu Dir:
    in “2mecs” vergiss doch bitte nicht, was Du in Ondamaris so glücklich praktizierst: Gründlichkeit, die auch den Mut hat, auf Ursprünge, Entwicklungen zurück zu greifen, wenn nötig, mit Erklärungen zu unterstreichen. Du könntest jetzt, und mit Recht, vorbringen, dass für gewisse Themen in der blog-Welt der Platz dazu fehlt. Ich gebe Dir Recht und würde in einem solchen Fall vorziehen, sie nicht aufzugreifen. Andere Medien mit dem notwendigen Raum dazu, tuen es ausgiebig.
    Das “à peu près” passt nicht auf Deine Weste!

    Je t’embrasse, nonobstant.
    Manfred

  3. cher manfred,
    es geht mir in diesem persönlichen post in meinem privaten blog ja nicht darum, die situation in frankreich genauer zu analysieren. sondern meinen (überwiegend in deutschland lebenden) bekannten kurz zu zeigen, dass frankreich noch weit mehr als deutschland auf atomkraft setzt, und vor allem meinem erstaunen ausdruck zu verleihen, dass die debatten in diesem punkt in beiden staaten so völlig anders verlaufen.
    wenn ich den umgang mit energie-fragen in frankreich sehe (nur elektro-heizungen selbst in regionen, in denen es im winter wirklich kalt wird), dann staune ich …

  4. Mein Lieber,
    Zu den folgenden Punkten werde ich nichts erläutern, weil es sonst Seiten füllen könnte:
    a) der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland in Bezug auf Atomkraft: ein kardinaler Punkt, der in den ersten Nachkriegsjahren wurzelt;
    b) Frankreich ist nicht Deutschland (wie Italien nicht Spanien ist, usw usw …..), was die Debatten und die Haltung zur Atomernergie betrifft. Ich kenne dies Thema recht gut, denn eine Reportage darüber war vor Jahren mein Einstieg im Bayerischen Fernsehen.
    c) was die Elektroheizungen in Lacanau betrifft: könnte es nicht damit zu begründen sein, dass diese Wohnungen wohl kaum in den Wintermonaten benutzt werden? Und wenn, dann nur wenige Tage? Denn ich kenne keinen Neubau in Frankreich, der nicht automatisch Zentralheizung hat.
    Porte toi bien!!

  5. @ Manfred:
    bien, dann nur kurz ein Punkt: die Wohnung von Freunden in Bordeaux hat – ausschließlich Elektroheizung. Die von bekannten in der Bretagne … ebenso. Gleiches bei Bekannten selbst in Lille. Das mag nicht repräsentativ sein, erstaunt mich aber doch …

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